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Lexikon der Neurowissenschaft: Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (Abk. AHS), hyperkinetisches Syndrom, minimale cerebrale Dysfunktion, E attention deficit disorder, attention deficit hyperactivity disorder (Abk. ADHD), minimal brain syndrome, Verhaltensstörung mit Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Konzentration; tritt insbesondere bei Jungen auf. Charakteristisch sind daneben Impulsivität, mangelnde Frustrationstoleranz und motorische Hyperaktivität. Je nach Dominanz der Symptome unterscheidet man eine vorherrschend unaufmerksame und eine vorherrschend hyperaktiv-impulsive Form sowie einen kombinierten Typ. Als Ursache werden u.a. ein frühkindlicher Hirnschaden, Stoffwechselstörungen und genetische Faktoren diskutiert. Die Therapie besteht in psychomotorischer Förderung, Verhaltenstherapie und eventuell Gabe von Pharmaka (interessanterweise haben sich hierbei Stimulanzien wie Methylphenidat bewährt). Häufig bessern sich die Symptome im Erwachsenenalter, das Syndrom kann sich aber auch weiterhin auswirken. So neigen Jungen mit AHS im Mittel häufiger zu Drogenmißbrauch und haben geringeren beruflichen Erfolg. – Untersuchungen zeigen, daß die Patienten kleinere Gehirnvolumina und weniger graue Substanz im Frontallappen besitzen. Besonders betroffen zu sein scheint der rechte vordere Abschnitt, der wahrscheinlich sehr wichtig bei Prozessen ist, welche die Aufmerksamkeit betreffen.

Vorgänge im Gehirn: Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden, weisen in Untersuchungen mittels Kernspinresonanzspektroskopie eine stark verminderte Aktivität des Putamens auf, wohingegen bei gesunden Kindern dieses Areal ein normales Aktivitätsniveau besitzt. Gibt man den kranken Kindern Methylphenidat, ein übliches Medikament beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, so steigt die Aktivität des Putamens schnell an und erreicht meist das normale Niveau; zeitgleich werden die Kinder ruhiger und konzentrierter. Das Verhalten der Kinder, ihre Aktivität und Aufmerksamkeit hängen also offenbar von der Aktivität des Putamens ab. – Es konnten auch noch andere Störungen bestimmter Hirnareale bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom nachgewiesen werden: So scheint bei ihnen vermehrt die Funktion des präfrontalen Cortex und damit assoziierter Gehirnareale gestört zu sein, welche für die Aufnahme und Verarbeitung von Sprache wichtig sind. Dadurch wird nachvollziehbar, warum solche Kinder oft Schwierigkeiten haben, Regeln im Sozialkontext zu verstehen. Auch die exekutive Funktion des Arbeitsgedächtnisses weist Mängel auf: die Kinder haben Probleme, sich gegen Ablenkungen abzuschirmen und sich Ziele ihres Tuns lange genug zu merken, um sie zu erreichen: Die daraus resultierenden Konzentrationsschwächen sind die Folge. – Ursachenforschung: Frühgeburt vor der 34. Schwangerschaftswoche ist ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms: Zu früh geborene Kinder erkranken 5mal häufiger daran als am Termin geborene. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind noch nicht genau bekannt, es gibt aber Vermutungen, daß ein Mangel an Dopamin die Ursache sein könnte.

Lit.: Steinhausen, H.-C. (Hrsg.): Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Stuttgart 2000.

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