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Lexikon der Neurowissenschaft: Bewegung

Bewegung w, E movement, 1) allgemein: passive oder aktive Orts- bzw. Lageveränderung von Organismen, Zellstrukturen, Zellen oder Organen. Als passive Bewegungen bezeichnet man die Orts- oder Lageveränderungen, die ohne Eigenleistungen der Organismen unter Ausnutzung von Umweltenergien erfolgen, z.B. Fortbewegung mit Wind- oder Wasserkraft. Unter aktiven Bewegungen versteht man alle Orts- oder Lageveränderungen, die unter Energieaufwand durch den Organismus selbst oder seine Teile erbracht werden. Zu diesen zählen: Bewegungen innerhalb von Zellen, Bewegungen der Zellen selbst, Bewegungen von Organellen und Organen sowie schließlich die aktiven Bewegungen von Individuen (das Bewegen; siehe Zusatzinfosiehe Tab .). Sie sind in das sensomotorische Gesamtgeschehen eingebunden und werden zum größten Teil nicht bewußt. Große Bedeutung für ihren Einsatz besitzen der Grad der Aufmerksamkeitszuwendung, die beabsichtigten Handlungsziele und die aktuelle soziale Situation.

Lit.: V. von Weizsäcker: Der Gestaltkreis, Leipzig 1939.

; hierzu auch die Tab. ). – Molekulare Grundlage aller aktiven Bewegungsformen ist die energieverbrauchende Wechselwirkung sogenannter kontraktiler Proteine, die nach dem sliding-filament-Mechanismus funktioniert. Bei den meisten Metazoen werden Bewegungen durch die Arbeit von Muskelzellen (Muskeln, Muskulatur) bewerkstelligt. Die kontraktilen Grundeinheiten sind hier Actin und Myosin, deren Funktion durch zusätzliche Proteine vermittelt und reguliert wird. Die Art und Weise der Bewegung von Tieren ist Ausdruck einer engen Beziehung zwischen Bauplan, Verhalten und Lebensraum. 2) Humanethologie: Bewegung wie Bewegungserfahrungen – das jederzeit abrufbare Wissen über Bewegungsmöglichkeiten im Raum – erhöhen die Aktivitätsbereitschaft und befähigen zu zielgerichtetem und zweckmäßigem Handeln, sowohl über die taktil-kinästhetischen Erfahrungen des eigenen Körpers als auch über die Informationen und Rückmeldungen aus der Umwelt mit Hilfe der verschiedenen Sinne. Bewegungserfahrungen werden gespeichert und bei gegebener Aufgabenstellung wieder abgerufen. Allein das Erinnerungsvermögen erlaubt es, sich vorzustellen, wie eine zielorientierte Bewegung ausgeführt werden kann. Dyspraktische Kinder leiden an einem von Unsicherheitsgefühlen begleiteten Mangel an Bewegungen und abrufbaren Bewegungserfahrungen. Dies erschwert ihnen ihre Körperwahrnehmung, läßt ihr Körperbewußtsein defizitär erscheinen. Neurobiologische Untersuchungen deuten darauf hin, daß die mentale Repräsentation eines Körpers mit allen Gliedern und Sinnesmodalitäten genetisch teilweise vorgegeben ist. Die Plastizität des Gehirns (Plastizität im Nervensystem) ermöglicht im Laufe des Lebens aufgrund gemachter Bewegungserfahrungen ein immer besseres Einstellen auf den zugehörigen Körper sowie auf dessen alterstypische wie individuelle anatomische und sensorische Veränderungen. Bereits beim Kleinstkind stellen sich die entsprechenden verarbeitenden Gehirnareale auf den Laufapparat, die wachstumsbedingten Körperveränderungen und die Umweltgegebenheiten ein, auf z.B. Fettpolster, die Beinlänge, die sich mit dem Wachstum verändernden Wirkungen von Gravitation und Trägheitskräften. Durch wiederholt erfolgreiche motorische Abläufe können sich die entsprechenden Gehirnareale immer besser strukturieren und somit ausgereifter auf entsprechende Reize reagieren, aber auch die motorischen Ausführungsorgane immer optimaler arbeiten. Erfolgreiche Laufversuche werden außerdem durch die sie begleitenden Empfindungen, wie Bewegungsfreude, oder durch soziale Belohnung, wie Lob, verstärkt. – An Bewegungserfahrungen ist stets das proprio-vestibuläre System ("Gleichgewichtssystem") beteiligt – angeregt durch die Wirkung der Schwerkraft. Das proprio-vestibuläre System besitzt wahrscheinlich auch eine zentrale Funktion beim Zusammenspiel aller Sinne. Wahrgenommene Sinnesreize zu strukturieren, zu ordnen und zu verbinden, ist die Voraussetzung, um sich in der Welt orientieren und zurechtfinden zu können. Vernetzt mit vielen anderen neuronalen Bereichen, arbeitet das proprio-vestibuläre System an der Strukturierung der anderen die Sinnesreize verarbeitenden Hirnareale mit, hilft, die eintreffenden Reize von der Muskulatur, den Gelenken, Haut, Augen, Ohren zu ordnen und zu verbinden, also zu integrieren (sensorische Integration). Die Wahrnehmung von Sinnesreizen ist die Voraussetzung für die Weiterentwicklung der zugehörigen neuronalen Strukturen, aber auch der verschiedenen mit ihm vernetzten Sinnessysteme. Bewegungserfahrungen haben somit durch die Erregung des Gleichgewichtssinns wahrscheinlich grundlegende Auswirkungen auf die Entwicklung aller sinnesverarbeitenden Gehirnareale. – Bewegungserfahrungen kommt aus evolutionärer Sicht eine hohe Bedeutung zu. Das durch sie entstehende Körperbewußtsein wird als evolutionärer Ursprung des Selbstbewußtseins diskutiert. Bewegung und psychische Situation beeinflussen sich gegenseitig. Aus der psychiatrischen Beobachtung weiß man, daß depressive Stimmungen (Depression) mit einer psychomotorischen Verlangsamung einhergehen. Das ethologische Modell geht davon aus, daß der innere Zustand eines Individuums den anderen Individuen einer Gruppe über die Körperbewegung mitgeteilt wird. In einer Untersuchung österreichischer Fußgänger wurden ethologische Beobachtungsdaten mit Befragungsdaten (Beck Depression Inventory) kombiniert. Dabei zeigte sich, daß neben dem Alter und dem Anstehen eines Termins vor allem die Stimmung der Passanten darüber bestimmte, wie schnell und mit welcher Dynamik diese liefen. Sportliche Betätigung, z.B. in Form von Joggen, wirkt lindernd bei Depressionen. Zum einen führt die Bewegungsaktivität zu einer verbesserten Selbstwahrnehmung, einem größeren Selbstwertgefühl und einem positiveren Körperbewußtsein, auf der anderen Seite finden sich auch neurophysiologische Veränderungen. Joggen erhöht die Endorphin- und die Catecholamin-Ausschüttung, was zu einem angenehmeren psychischen Zustand führt. Ob das β-Endorphin allein für das sogenannte "Runners-High" nach langem Laufen – ein rauschähnlicher, euphorischer Zustand – verantwortlich gemacht werden kann, ist aufgrund der geringen Endorphinmenge umstritten. Entgegen früherer Lehrmeinung verändert körperliche Anstrengung ebenso die Hirnaktivität. PET-Aufnahmen (Positronenemissionstomographie) belegen eine Mehrdurchblutung von bis zu 15% bei körperlicher Betätigung; auch ein signifikant verbessertes Abschneiden bei IQ-Tests nach regelmäßigem Fitnessprogramm ist nachgewiesen. Bewegungslernen, Cephalisation.

Bewegung

Einheit von Wahrnehmen und Bewegen (nach V. von Weizsäcker):
Die Entwicklung des Organismus vollzieht sich in der aktiven Auseinandersetzung mit den weitgehend zufallsbedingten Umweltbedingungen. Zur Steuerung seines Verhaltens bedarf er ständiger Informationen über seinen eigenen Zustand und über die Umweltbedingungen. Während die Informationen aus dem Inneren des Körpers weitgehend automatisiert einlaufen, unterliegen die Sinnesorgane einer ständigen zentralen Kontrolle, um die erforderliche Informationszufuhr zu gewährleisten. Diese Kontrolle erfolgt über efferente Signale, welche die Aufnahmebereitschaft der Sinnesorgane entsprechend den Bedürfnissen regulieren. Darin kommt die von V. von Weizsäcker schon 1939 beschriebene Einheit von Wahrnehmen und Bewegen zum Ausdruck. Dabei wird unter "Bewegen" das Ausführen weitgehend automatisierter motorischer Innervationsfolgen verstanden, welches als Handlung oder Reaktion stets unter der Kontrolle des Zentralnervensystems erfolgt. Die multisensorischen Informationen aus den Sinnesorganen spielen hierbei eine wichtige Rolle, da sie die Steuerung, Kontrolle und Planung der Bewegungen entscheidend beeinflussen. Die wichtigsten motorischen Komponenten der Sinneswahrnehmungen sind in der Tabelle aufgeführt ( siehe Tab. ). Sie sind in das sensomotorische Gesamtgeschehen eingebunden und werden zum größten Teil nicht bewußt. Große Bedeutung für ihren Einsatz besitzen der Grad der Aufmerksamkeitszuwendung, die beabsichtigten Handlungsziele und die aktuelle soziale Situation.

Lit.: V. von Weizsäcker: Der Gestaltkreis, Leipzig 1939.

Bewegung

motorische Komponenten der Sinneswahrnehmungen

Sinnesorgan Funktion Muskeln
Sehen Augen- und Kopfbewegungen Augen-/Kopfmuskeln
Körperbewegungen im Raum Gesamtmotorik
Regelung der Pupillengröße Pupillenmuskeln
Hören Steuerung der Schwingungsübertragung zum ovalen Fenster Hammer- und Steigbügelmuskeln im Mittelohr
Körpergleichgewicht Veränderung der Stellung der Innenohrbogengänge im Raum den Kopf direkt bzw. indirekt bewegende Muskeln
Schmecken Herbeiführung des Kontakts der Geschmacksstoffe mit den Geschmacksrezeptoren Zungen-, Mund- und Wangenmuskeln
Riechen Steuerung des Luftstroms durch die Nase, Bewegungen der oberen Nasenmuschel Rachenmuskeln, die Nasenmuscheln bewegende Muskeln

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