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Lexikon der Neurowissenschaft: Fetalentwicklung

Fetalentwicklung w [von latein. fetus = Leibesfrucht, Fetus], Fetalperiode, Fetogenese, E fetal development, die sich an das Embryonalstadium anschließende Entwicklungsperiode im Uterus nach Abschluß der Organogenese (Organentwicklung). Beim Menschen spricht man mit 8 Wochen von einem Fetus, vorher von Embryo. Bereits in der 7. Schwangerschaftswoche bilden sich Synapsen im Gehirn aus. Es besteht demnach die Möglichkeit, bei Eintritt in die Fetalzeit Informationen von Sinnesorganen zu empfangen und zu verarbeiten. Die ersten herangereiften und funktionstüchtigen Sinnessysteme sind der Tastsinn und der Gleichgewichtssinn bzw. das propriovestibuläre System (kinästhetischer Sinn; Kinästhesie), mit dem ein Fetus Berührungen, Bewegungen, seine Stellung im Raum und die veränderte Stellung der einzelnen Körperteile zueinander wahrnehmen kann (Bewegung). Diese Sinneseindrücke können etwa mit 8 Wochen empfangen und zum Gehirn weitergeleitet werden. Bewegungswahrnehmungen mit ihrer Wirkung auf die Körperstellung und taktile Empfindungen werden, als die ersten funktionstüchtigen Sinnessysteme, als eine Art Schrittmacher der fetalen Gehirnentwicklung angesehen, welche die Strukturierung des gesamten fetalen Gehirns unterstützen. Gegen Ende des 3. Monats kann ein Fetus bereits schmecken (Geschmackssinn): gibt man dem Fruchtwasser z.B. Bitterstoffe zu bzw. süßt man es etwas an, trinkt er weniger bzw. mehr. Mit 2 Monaten differenziert sich das Riechepithel (Geruchssinn), doch die endgültige Reifung findet erst etwa zwischen dem 6. und 8. Monat statt. Mit 3 Monaten bilden sich die Schneckenwindungen (Cochlea) im Innen-Ohr aus, anschließend differenziert sich das auditorische System immer weiter. Erste Reaktionen auf akustische Reize zeigen Feten jedoch erst ab der 24., spätestens ab der 28. Woche. In der Folgezeit wird das Gehör ständig geübt, denn der Uterus ist kein Ort der Stille: Tag und Nacht ist das heranwachsende Kind von Geräuschen umgeben, es hört das Strömen des Blutes, das Knurren des Magens, das Gurgeln im Darm, den Herzschlag und die Stimme der Mutter. Der Schallpegel beträgt teils 60 bis 80 Dezibel. Am spätesten reift der optische Sinn (Sehen) heran. Im 5. Monat differenzieren sich zwar die Seh-Stäbchen allmählich aus, doch sind die Augenlider in dieser Zeit verschlossen und öffnen sich im Laufe der folgenden beiden Monate wieder. Dann kann ein Kind – im Uterus herrscht gedämpftes Licht – durch einen auf den Bauch der Mutter gesetzten starken Lichtpunkt dazu angeregt werden, sich diesem Licht zuzuwenden. Steht das 2. Schwangerschaftsdrittel im Zeichen der Bewegungsentwicklung (meist nehmen Frauen die Kindesbewegungen erstmals um die 25. Woche wahr) und der Wahrnehmung, so steht das 3. Drittel im Zeichen der Verarbeitung von Erfahrungen und der Vervollkommnung der Fertigkeiten. Durch Wahrnehmung von Reizen wird das fetale Gehirn weiter strukturiert und das Zusammenspiel von Reiz, Reaktion und Verarbeitung immer ausgereifter. Verschiedenste Untersuchungen belegen, daß akustische Reize nach der Geburt wiedererkannt werden; die Stimme und erste Sprachlaute der Mutter lernt ein Kind bereits vor der Geburt, so daß es nach der Geburt Sprachmuster (Sprache) wiedererkennen und von neuartigen unterscheiden kann. Vorgeburtliche Lernerfahrungen (Lernen) scheinen an Zeitabschnitte gebunden zu sein, in denen der Fetus motorisch aktiv ist. Die fetalen Aktivitätszyklen mit ihrem Wechsel von Aktivität und Ruhephasen sind in ihrer Periodenlänge noch veränderlich. Auffällig ist jedoch, daß sich die Motilitätsmaxima an die REM-Phasen während des mütterlichen Schlafs koppeln; der zugrundeliegende Mechanismus ist jedoch noch unbekannt. Bei der Geburt sind die Fähigkeiten eines Kindes schließlich so weit entwickelt, daß es mit allen seinen Sinnen die Umgebung wahrnehmen und Eindrücke verarbeiten kann. Zwar weist ein Neugeborenes "nur" ca. 1/5 des Gehirngewichts eines Erwachsenen auf, besitzt jedoch bereits fast alle Neuronen, die es später haben wird. Denn das Vernetzungsmuster der Neuronen im fetalen Gehirn entspricht nur ansatzweise dem eines Erwachsenen; die Verbindungen der Neuronen müssen weitgehend erst noch hergestellt werden. Um die Strukturierung des Erwachsenengehirns zu erreichen, ist also nach der Geburt weiterhin neuronale Aktivität nötig, die durch vielseitiges Reizangebot gefördert wird. Hierzu benötigt das Neugeborene neuartige Sinnesreize, damit sich seine Fähigkeiten vervollkommnen und – angepaßt an die Erfordernisse der Umwelt – entwickeln können. Die Zusammenhänge und Wechselwirkungen sind nach wie vor nicht geklärt, doch viele Milliarden Neuronen warten bei der Geburt geradezu darauf, miteinander verbunden zu werden.

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