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Lexikon der Neurowissenschaft: Geriatrika

Geriatrika [von griech. geron = Greis, iatros = Arzt], E geriatric agents, eine Gruppe von Substanzen unterschiedlicher Herkunft, die als Pharmaka bei Alternsbeschwerden (Altern) eingesetzt werden, wobei aber der therapeutische Erfolg umstritten ist. Verschiedene Lehrmeinungen verweisen Geriatrika in den Bereich der spekulativen Medizin, erkennen als einzige Wirkung der Medikamente den Placeboeffekt (Placebo) an und warnen zugleich vor dem unsachgemäßen Gebrauch der Heilmittel. Da der Sammelbegriff Geriatrika eine Vielzahl verschiedener Substanzen umfaßt und der molekulare Mechanismus ihrer Wirkung nicht hinreichend aufgeklärt wurde, ist weder eine einheitliche Definition, noch ein allgemeingültiges Urteil möglich. Viele der heute noch verwendeten Geriatrika galten seit der Antike als lebensverlängernde Elixiere, deren Rezeptur geheim und die Therapie nur den Mächtigen vorbehalten war. Geriatrika können die Alternsprozesse nicht aufhalten, jedoch lindern einzelne Substanzen die Beschwerden des Alters. Die Vielfalt der Geriatrika umfaßt Pflanzeninhaltsstoffe, Spurenelemente, Vitamine und Hormone ( siehe Zusatzinfo ) ebenso wie durchblutungsfördernde Substanzen, Lipidsenker und Psychopharmaka ( siehe Abb. ); sie werden einzeln oder in Kombination verabreicht. – Die Arteriosklerose der Hirngefäße, die zu einem ständigen Sauerstoff- und Glucosemangel des Gehirns führt, galt früher als generelle Ursache der organisch bedingten Hirnleistungsstörungen. Der neuere Forschungsstand stellt dieses Erklärungsmodell in Frage; die Hauptursachen von Hirnleistungsstörungen werden in der degenerativen Veränderung von Nervenzellen gesehen, die das komplexe Zusammenspiel neurochemischer und neurohumoraler Prozesse stören. Die Förderung der Hirndurchblutung ist daher nur ein Teil der pharmakologischen Therapie von Hirnstörungen.

Geriatrika

Zu den am frühesten verwendeten Geriatrika gehören die Extrakte der Knoblauchzwiebel, der Ginsengwurzel, des Weißdorns und der Mistel. Die Inhaltsstoffe des Knoblauchs wirken antibakteriell und antimykotisch, senken den Serumcholesterin- und Triglyceridspiegel und hemmen die Thrombocytenaggregation. Ginseng werden vielfältige Wirkungen zugeschrieben. Seine Inhaltsstoffe sollen u.a. den Blutdruck sowie den Cholesterinspiegel senken. Der Weißdorn besitzt hauptsächlich Flavonoide und Triterpene; diese Stoffe sollen die Kontraktionskraft des Herzens steigern, die Herzkranzgefäße erweitern und den Blutdruck senken. Der Mistel – wie auch verschiedenen anderen pflanzlichen Präparaten – wird eine das Immunsystem unspezifisch stimulierende Wirkung zugeschrieben. - Vitamine und Mineralstoffe sind Bestandteile zahlreicher Geriatrika. Ihr Wert bei nachgewiesenen Hypovitaminosen ist unumstritten, es gibt aber keine generelle Notwendigkeit einer Indikation, da der Vitaminstatus des alten Menschen stark von seinen Lebensumständen abhängt. Vitamin- und Mineralstoffmangel ist keine Begleiterscheinung des Alters, sondern auf unausgewogene Ernährung zurückzuführen. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Vitamin E (α-Tocopherol) als Geriatrikum geschenkt. Es gehört zu den exogenen Antioxidantien und schützt daher die Zelle vor dem Angriff freier Radikale. Ob dieser in vitro ermittelte Effekt auch bei oraler Applikation von Vitamin-E-Präparaten erreicht wird, muß sich noch erweisen. Unter den Mineralen ist vor allem das Calcium zu nennen, dessen Einsatz zur Beeinflussung der senilen Osteoporose, jedoch nicht generell, erfolgversprechend ist. Obwohl die Theorie, nach der das Altern eine Folge der abnehmenden Sexualfunktionen sei, widerlegt ist, werden noch heute Geschlechtshormone als Arzneimittel gegen den körperlichen Abbau eingesetzt. Bei Osteoporose gilt die Behandlung mit Östrogenen als erfolgversprechend, aufgrund der potentiellen Nebenwirkungen kann aber nicht von einem universell einsetzbaren Geriatrikum gesprochen werden.



Geriatrika

Mehr als 20 geriatrische Kombinationspräparate enthalten Procain. Andere Substanzen wirken schwerpunktmäßig im Gehirn und finden z.T. als Psychopharmaka z.B. zur Verbesserung des hirnorganischen Psychosyndroms mit Übergang zur senilen Demenz (Behandlung von Hirnleistungsstörungen) Anwendung. Centrophenoxin (Meclofenoxat, Helfergin) ist strukturverwandt mit Procain. Als Geriatrikum ist Hydergin® (Dihydroergotoxinmesylat) bekannt geworden, das zur Therapie der cerebralen Hirninsuffizienz eingesetzt wird. Es enthält Derivate von Mutterkornalkaloiden. Zu den zahlreichen therapeutischen Effekten, die für Hydergin beschrieben werden, gehören eine Steigerung der Hirndurchblutung und Normalisierung des EEGs (Elektroencephalogramm) nach Hypoxie. Das Nootropikum Piracetam wird bei Hirnleistungsstörungen mit den Symptomen Inaktivität, Gedächtnisstörungen und emotionale Labilität verwandt. Gegenstand der aktuellen Forschung ist Selegilin (Movergan®), ein Monoamin-Oxidase-B-Hemmer, der schon lange als Pharmakon in Kombination mit L-Dopa zur Behandlung der Parkinson-Krankheit Anwendung findet. MAO-Hemmer wie Selegilin üben auch eine "Schutzwirkung" auf dopaminerge (und noradrenerge) Neuronen aus, indem sie die Bildung eines neurotoxischen Pyridins, das aus einem MAO-Substrat abgespalten wird, verhindern.

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