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Lexikon der Neurowissenschaft: Homosexualität

Homosexualität w [Adjektiv homosexuell; von griech. homos = gleich, latein. sexualis = geschlechtlich], Homophilie, Homoerotik, Sexualinversion, E homosexuality, sexuelle Erregbarkeit, Orientierung und Aktivität gegenüber Mitgliedern des gleichen Geschlechts; Gegensatz: Heterosexualität. Homosexuelles Verhalten unterliegt beim Menschen zeit- und kulturbedingt einer mehr oder weniger strengen moralischen Wertigkeit und wird bis heute z.B. in abendländisch-christlich geprägten Kulturen vielfach negativ bis strafwürdig bewertet. Erst in jüngerer Zeit wird dieser aus der Geschichte der Menschheit nicht wegzudenkenden Art sexuellen Verhaltens vorurteilsfrei wissenschaftliche Aufmerksamkeit gewidmet. – Homosexualität wird von den Mitgliedern zahlreicher Tiergruppen praktiziert und ist somit eine Variante tierischen Verhaltens, die in gleicher Weise wie alle anderen Verhaltensweisen die Frage nach ihrer biologischen Funktionalität aufwirft. In vielen Fällen ist inzwischen nachgewiesen worden, daß Homosexualität entsprechend der soziobiologischen Vorstellungen (Soziobiologie) eindeutig zu Fitnessvorteilen führt, da homosexuelle Handlungen z.B. eine wichtige soziale Funktion übernehmen können. Bei Tierarten mit großer Verhaltensvariabilität haben der eigentlichen Fortpflanzungshandlung (Kopulation) "vorgeschaltete" Verhaltensweisen wie Partnersuche und Paarbindung (Balz, Brunst u.a.) neben direkter sexueller Stimulation vor allem auch sozial positive, da bindende Funktionen. Insbesondere bei Primaten zeigen sich Funktionserweiterungen bzw. -verschiebungen dieser sexuellen Verhaltensweisen oder einzelner Elemente daraus; dabei tritt deren ursprünglich streng heterosexuelle Bezogenheit offenbar in den Hintergrund zugunsten einer sozialkommunikativen, bindenden Funktion. So werden z.B. bei Bonobos sexuelle Handlungen, wie das Genito-Genital-Reiben, zwischen allen Geschlechtern eingesetzt, um freundschaftliche Bindungen zu stärken, um entstehende Spannungen abzubauen oder zur Befriedung nach aggressiven Auseinandersetzungen. Doch auch als Dominanzdemonstration trifft man homosexuelles Verhalten bei vielen Säugetierarten an. Eine andere soziobiologische Hypothese spekuliert, daß bei ausschließlicher Homosexualität der Verzicht auf den eigenen Nachwuchs durch die Steigerung der Gesamteignung (inclusive fitness) kompensiert werden könne (Hilfe bei der Aufzucht verwandten Nachwuchses führt zur Weiterverbreitung eines Teils der eigenen Gene). Bei einigen Insektenarten wurden wiederum auch direkte Fitnessvorteile im Rahmen der Spermienkonkurrenz gefunden; z.B. dient bei der Wanze Xylocaris maculipennis homosexuelle "Vergewaltigung" zur Verbreitung der eigenen Spermien durch das andere Männchen. – Bei Säugern sind für die Entwicklung derjenigen zentralnervösen Strukturen und Mechanismen, die für das spätere Geschlechtsverhalten bedeutsam sind, Androgen-Konzentrationen in bestimmten embryonalen Entwicklungsphasen mitbestimmend (geschlechtsspezifisches Verhalten, Geschlechtsunterschiede aus neurowissenschaftlicher Sicht). Diese spielen u.a. bei der Ausbildung geschlechtsspezifischer hypothalamischer Hirnstrukturen (Hypothalamus) eine Rolle. Experimentelle Einflußnahme auf die Androgenkonzentrationen innerhalb dieser Entwicklungsphasen korrelieren mit dem Auftreten homosexuellen Verhaltens bei den erwachsenen Tieren. Diese Ergebnisse zeigen zunächst nur korrelative und keine kausalen Zusammenhänge auf. Daher sind psychoneuroendokrinologische (Psychoneuroendokrinologie) Theorien, die die Homosexualität – auch des Menschen – ausschließlich auf eine hormonelle Entwicklungsstörung des Fetus zurückführen, bislang den endgültigen Nachweis eines kausalen Zusammenhangs schuldig geblieben. Dies schließt jedoch nicht aus, daß neben einer Reihe anderer Vorgänge, wie prägungsähnlicher Lernprozesse (Prägung, Lernen), verschiedene Einflüsse während einzelner Entwicklungsphasen an der Entstehung homosexueller Präferenzen beteiligt sein können ( siehe Zusatzinfo ). – Homosexuelle Neigungen werden heute nicht mehr als pathologisch und daher therapiebedürftig angesehen. Wenn allerdings die Homosexualität mit individuellen psychischen Belastungen verbunden ist, wie etwa Identifikationsproblemen, ist eine auf die Belastungen ausgerichtete Therapie sinnvoll.

Homosexualität beim Menschen: Grundsätzlich besteht bei allen empirischen Untersuchungen zur homosexuellen Veranlagung des Menschen die Schwierigkeit, eine repräsentative Stichprobe zu erhalten. (Oft werden bei den Erhebungen Probanden über verschiedene Institutionen oder Kontaktadressen erreicht.) Halbwegs verläßliche Zahlenangaben über die Häufigkeit gleichgeschlechtlicher Orientierung sind lediglich für den nordamerikanischen Raum zu finden; dort scheinen zwischen 2 und 5% aller Männer und 1 bis 3% aller Frauen sexuelle Erregung allein gegenüber gleichgeschlechtlichen Personen zu empfinden. Die Gründe für eine homosexuelle Orientierung sind nach wie vor ungeklärt (möglicherweise sind es bei Frauen andere als bei Männern). Diskutiert wurden pränataler Streß und andere Mechanismen, die während der kritischen Periode der Gehirndifferenzierung des Fetus, während der Kindheit und Pubertät wirken können (Geschlechtsunterschiede aus neurowissenschaftlicher Sicht), eine Wechselwirkung mit der Ausbildung der Geschlechtsidentität, rein genetische Faktoren (wovon man sich heute mehr und mehr distanziert, ihre Mitwirkung jedoch nicht ausschließt) usw. Sowohl genetische als auch Umweltfaktoren spielen wahrscheinlich bei der Entstehung der Homosexualität eine Rolle, deren jeweilige Beteiligung vermutlich individuell unterschiedlich ist. Untersuchungen an ein- und zweieiigen Zwillingspaaren legen nahe, daß andere als die genetischen Gegebenheiten den überwiegenden Einfluß haben. Die berechtigte Kritik an der methodischen Vorgehensweise bei diesen Zwillingsuntersuchungen (Zwillingsforschung) erlaubt nach wie vor auch hier keine endgültigen Schlüsse (z.B. ist bei männlichen eineiigen Zwillingen die Konkordanz größer als bei weiblichen).

Homosexualität

Neuere sexualwissenschaftlich orientierte Ansichten gehen davon aus, daß die Übergänge zwischen Homo- und Heterosexualität zumindest beim Menschen fließend sind und alle Menschen prinzipiell mit einem offenen sexuellen Potential ausgestattet sind, das beide Orientierungen einschließt.

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