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Lexikon der Neurowissenschaft: Internet

Internet s, E internet, das wichtigste und größte internationale Computer-Netzwerk mit derzeit mehreren Hundert Millionen Nutzerinnen und Nutzern weltweit. Im Internet lassen sich sowohl Massenkommunikation (z.B. Herausgabe einer Online-Zeitschrift) als auch Individualkommunikation (z.B. Austausch von privaten E-Mails) und darüber hinaus noch diverse Zwischenstufen und Mischformen realisieren (z.B. persönliche Homepage mit öffentlichem sowie mit passwortgeschütztem privaten Teil). Angesichts der Vielfalt und Heterogenität all jener sozialen und nicht-sozialen Aktivitäten, die in Computernetzwerken möglich sind, ist Netznutzung bzw. Online-Nutzung als Forschungsgegenstand schwer abgrenzbar. Hinzu kommt, daß sich im Zuge der rasanten technischen Entwicklung die aktuell möglichen und realisierten Formen der Netznutzung fortwährend verändern ( siehe Zusatzinfo ). – Aus Sicht der Neurowissenschaft ist das Internet vor allem für die verschiedenen Unterdisziplinen der Psychologie von Interesse. Biopsychologisch (Biopsychologie) sind z.B. Fragestellungen relevant, die physiologische Reaktionen und deren psychologische Verarbeitung im Kontext von netzbasierten Interaktionen betreffen, die ja zuweilen explizit körperbezogen sind (z.B. beim Cybersex). Im Bereich der klinischen Psychologie geht es einerseits darum, Rat- und Hilfesuchende bei der Überwindung problematischer Formen der Netznutzung (z.B. sog. Online-Sucht) zu unterstützen und andererseits die Möglichkeiten des Netzes für Beratung und Therapie auszuschöpfen. Netzbasierte Informations- und Kontaktangebote haben durch ihre Niederschwelligkeit den Vorteil, daß sie den Einstieg in traditionelle Beratungs- und Therapiesettings vorbereiten können. Eine rein netzbasierte Psychotherapie (Psychoanalyse und Neurowissenschaft) ist für bestimmte Störungsbilder, Patientengruppen und Interventionsstrategien geeignet oder sogar besonders vorteilhaft. Im Vergleich zu der äußerst erfolgreich betriebenen Online-Selbsthilfe hat professionelle Hilfe im Netz bislang aber nur eine randständige Position. – Die Praxis-Erfahrungen mit virtuellem Lehren und Lernen sind heute deutlich umfangreicher als die Erfahrungen mit virtueller Psychotherapie. Trotzdem muß konstatiert werden, daß wissenschaftlich fundierte und praktikable Konzepte einer Virtualisierung des Lehrens und Lernens an Schulen und Hochschulen weitgehend noch fehlen. Ein großes strukturelles Problem besteht darin, daß die auf Präsenzunterricht zugeschnittenen Bildungseinrichtungen organisatorisch (z.B. technische Ausstattung, Personalausstattung, Studien- und Prüfungsordnungen) ein Experimentieren mit innovativen netzbasierten und lokal verteilten Lehr-Lern-Szenarien kaum zulassen. Kommunikation.

Lit.: Batinic, B. (Hrsg.): Internet für Psychologen. Göttingen 2000.

Internet

Theoretisch bislang am stärksten untersucht ist die sog. computervermittelte Kommunikation (CvK bzw. CMC = computer-mediated communication), womit in der Regel der textbasierte zwischenmenschliche Austausch in Computernetzwerken gemeint ist. E-Mails, Mailinglisten, Newsgroups und Newsboards sind verbreitete Varianten der zeitversetzten CvK, bei der alle Botschaften gespeichert bereitgehalten werden und deswegen zu selbstgewählten Zeitpunkten abrufbar sind. Demgegenüber müssen beim Chatten, der populärsten Variante der zeitgleichen CvK, die räumlich verstreuten Beteiligten zur selben Zeit aktiv sein, da die getippten Mitteilungen unmittelbar am Monitor angezeigt werden und sofortiges Reagieren verlangen. Es liegen eine Reihe theoretischer Modelle vor, die beschreiben und erklären, welche psychologischen Implikationen es hat, wenn Menschen computervermittelt miteinander kommunizieren: Das Kanalreduktions-Modell geht davon aus, daß die Beschränkung auf maschinenschriftlichen Text die Kommunikation versachlicht, entsinnlicht und damit auch entmenschlicht. Das Filter-Modell beschreibt Enthemmung, die sich sowohl in verstärkter Aggression als auch in beschleunigter Intimität ausdrücken kann, als typischen Effekt der CvK, da diese identifizierende und hierarchisierende soziale Hintergrundinformationen herausfiltert. Das Modell der rationalen Medienwahl postuliert, daß für bestimmte Kommunikationsaufgaben CvK trotz ihrer Beschränkungen optimal geeignet ist. Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung bestreitet, daß CvK eine defizitäre Kontaktform ist und weist darauf hin, daß wir fehlende nonverbale Informationen sehr gut verbal explizieren können. Simulations- und Imaginations-Modelle betonen die kreativen und projektiven Potentiale, die mit rein textbasierter Selbstdarstellung und Personenwahrnehmung verbunden sind und die (konträr zur Kernannahme des Kanalreduktions-Modells) gerade eine verstärkte Emotionalisierung und Erotisierung bewirken. Diese und weitere CvK-Modelle akzentuieren jeweils einzelne Aspekte der CvK und stehen deswegen eher in einem Ergänzungs- als in einem Konkurrenzverhältnis. – Während die CvK-Modelle primär auf die psychosozialen Implikationen einer computerbasierten Textkommunikation abheben, ist das Triple-A-Modell ein Beispiel für ein allgemeines Modell der Netznutzung. Es benennt access, affordability und anonymity als zentrale Kennzeichen von Netzaktivitäten, die von der Mehrzahl der Menschen konstruktiv zur Exploration genutzt werden, in bestimmten Fällen jedoch zur Problemeskalation führen. Daß die Auseinandersetzung mit Netznutzung ganz neue theoretische Schulen hervorbringen kann, zeigt das Beispiel des Cyberfeminismus.

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