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Lexikon der Neurowissenschaft: Kontaktverhalten

Kontaktverhalten s [von latein. contactus = Berührung], E contactual behaviour, 1) i.w.S. Bezeichnung für jede Verhaltensform, die der Herstellung oder Aufrechterhaltung einer Kommunikationsbeziehung (Kommunikation) zum Sozialpartner dient, z.B. Kontaktrufe, optische Signale usw. 2) körperlicher Kontakt, i.e.S. eine artspezifische Form der unmittelbaren Kommunikation zwischen Tieren, die der Kontaktaufnahme bzw. Kontaktsuche durch direkte Berührung dient ( siehe Zusatzinfo ). Beim Menschen ist das Kontaktverhalten eine spezielle Form der nonverbalen Kommunikation. Durch sie werden ganz unterschiedliche, von der Stimmungslage, dem sozialen Beziehungsgefüge und der bewußten oder unbewußten Zielstellung abhängige Informationen ausgetauscht. Die körperliche Berührung ist von der Geburt an ein entscheidender Bestandteil der Entwicklung der körperlichen sozialen Gesamtkommunikation (soziale Kommunikation). Die volle Ausbildung ihrer differenzierten Formen erfährt sie im spielerischen Umgang mit der sozialen Umgebung bis zur zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahrzehnts. Verlauf und Form dieser Entwicklung können in den verschiedenen Kulturkreisen sehr unterschiedlich sein. Organismus-Umwelt-Beziehungen, Spielen, Berührungsrezeptoren.

Kontaktinitiative bezeichnet den Versuch, mit einem Sozialpartner Kontakt aufzunehmen. Säuglingsbeobachtungen haben gezeigt, daß bereits Säuglinge Kontaktinitiativen und –gebärden – genauso wie ihr erwachsener Sozialpartner – zeigen, indem sie aktiv den Blickkontakt zur Bezugsperson suchen und halten. Andere Formen nonverbaler Kontaktaufnahmen beim Menschen sind: Anlächeln, Augengruß, Körperberührungen (z.B. Handgeben oder Nasereiben), Geben von Gegenständen und Lautäußerungen (Kontaktlaute). Auch beim Werbeverhalten spielt der Einsatz nonverbaler Aufforderungssignale zur Kontaktaufnahme ein wichtige Rolle. Hier zeigt sich besonders deutlich die menschliche Ambivalenz zwischen Zuwendung und Abkehr; auch bei großem gegenseitigen Interesse muß die Scheu vor dem anderen erst schrittweise abgebaut werden (Fremdeln). Direkte Anfragen werden vermieden, um einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Beim Begrüßungsverhalten findet die Kontaktaufnahme in ritualisierter Form statt. In erwachsenenbetreuten Kindergruppen sind in den ersten Jahren bevorzugt die Erwachsenen Adressaten der Kontaktiniativen, ab dem Kindergartenalter zunehmend die Peers. Der durch eine Reaktion des anvisierten Sozialpartners belohnte Erfolg eines Kontaktversuchs steigt mit der mit dem Alter zunehmenden Fähigkeit zum gezielteren Blickkontakt und zu präziseren verbalen Botschaften. Körperliche Berührungen zwischen Kindern und zwischen Erwachsenen werden bevorzugt von Höherrangigen initiiert. Sprachliche Kontaktinitiativen spielen im Kleinkindalter eine zunehmende Rolle, ersetzen nonverbale Signale jedoch beim persönlichen Kontakt auch bei Erwachsenen nie vollständig. Auch bei unpersönlichen Kommunikationen am Telefon wird gelächelt und sprachbegleitende Gestik eingesetzt, und selbst beim Chatten im Internet wird zumindest auf Symbolebene nicht auf emotionale Begleitinformationen verzichtet ("Emoticons"). Im Tierreich kommen körperliche Kontaktinitiativen vor allem bei Kontakttieren, die sich gut kennen, vor.

Kontaktverhalten

Viele Kontakttiere streben bei Ruhe eine möglichst große Berührungsfläche mit anderen Individuen an. Dieses Verhalten kann dem Schutz vor Auskühlung und vor Feinden dienen, es kann auch im Dienst der Paar-, Eltern- oder Gruppenbindung stehen. Besonders ausgeprägt ist das Kontaktverhalten in diesem Sinne bei denjenigen Säugetierjungen, die als Traglinge bezeichnet werden, z.B. Affenjunge.

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