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Lexikon der Neurowissenschaft: Lese-Rechtschreib-Schwäche

Lese-Rechtschreib-Schwäche, Abk. LRS,Dysgraphie, Dyslexie, Dysorthographie, Legasthenie, Schreib-Lese-Schwäche, Wortblindheit (veraltet), E dyslexia, zusammenfassende Bezeichnung für Entwicklungsstörungen der Schriftsprachaneignung trotz mindestens durchschnittlicher Intelligenz der Kinder ( siehe Zusatzinfo ). Die Lesestörungen können auf der Unfähigkeit beruhen, Buchstaben zu benennen oder zu Silben zusammenzufügen, Silben zu Wörtern zusammenzufügen, Wörter zu lesen oder Sätze zu verstehen. Dadurch kommt es meist auch zu Rechtschreibschwierigkeiten mit Umstellungen der Reihenfolge von Buchstaben oder der Verwechslung ihrer Gestalt (Inversion bzw. Reversion). Die Häufigkeit dieser Lernstörung beträgt rund 5%, bei Einschluß leichterer Formen 10%. Es gibt eine erbliche Komponente, Jungen sind viermal häufiger als Mädchen betroffen. Im Gegensatz zu diesen entwicklungsbedingten Dyslexien sind erworbene Dyslexien auf eine Verletzung des Gehirns zurückzuführen (Lese- und Schreibstörungen). Bei Nichtbeachtung der Legasthenie und Überforderung im Schulalter besteht die Gefahr von Verhaltensstörungen. Bei Erwachsenen wird Legasthenie meist kompensiert und ist dann schwer nachweisbar. – Die neurologische/anatomische Basis für angeborene Legasthenie ist im Unterschied zur Alexie unbekannt. Als Ursachen werden sehr verschiedene, divergierende Faktoren angeführt: 1) allgemeine Entwicklungshemmungen oder -störungen im kognitiven, artikulatorischen, visuellen oder sensomotorischen Bereich, 2) individualpsychologische Störungen, 3) soziokulturelle Umstände (Familie, Wohnung, Erziehung), 4) organische Schäden (Hören, Sehen, Gehirn): Diskutiert werden hier u.a. eine beeinträchtigte Kontrolle über die Augenbewegungen, Defekte in der magnozellulären Bahn (M-Bahn) des primären visuellen Cortex, Defizite beim Hören (Unterscheidung von Phonemen) oder Fehlfunktionen des Kleinhirns, das für die Bewegungssteuerung und das Erlernen einfacher Bewegungsabläufe zuständig ist. Die Aktivität im Frontallappen bei Phonem-Unterscheidungen ist bei Legasthenikern fünfmal höher als normal. – Möglicherweise lassen sich Lese- und Rechtschreibschwächen anhand von Elektroencephalogramm-Mustern künftig schon im Kleinkindalter voraussagen; erste Erfolge gibt es bereits. Als Therapie werden neben einem speziellen Förderunterricht neuerdings auch Trainingsmethoden des Hörens (Phonem-Unterscheidung) und Sehens (zunächst einäugiges Lesenlernen) entwickelt. Lesen.

Lit.: Sassenroth, M.: Schriftspracherwerb. Bern 1991. Snowling, M.: Dyslexia. London 1987.

Lese-Rechtschreib-Schwäche

Formen der Lese-Rechtschreib-Schwäche:
aufmerksamkeitsbezogene Dyslexie:
die Benennung einzelner Buchstaben gelingt, werden jedoch mehrere Buchstaben zugleich präsentiert, treten Schwierigkeiten auf, selbst bei farblicher Hervorhebung.
Neglectdyslexie: Lesefehler bei der ersten oder zweiten Worthälfte.
buchstabenweises Lesen: Schreiben ist häufig möglich, aber Lesen nur durch lautes oder leises Buchstabieren.
Oberflächendyslexie: Unfähigkeit, Wörter direkt zu erkennen.
phonologische Dyslexie: Unfähigkeit, sinnfreie Wörter laut zu lesen.
Tiefendyslexie: Anstelle der richtigen Wörter werden semantisch ähnliche gelesen (z.B. "Tulpe" statt "Krokus"), konkrete Wörter werden leichter als abstrakte erkannt, Unsinn-Wörter können nicht gelesen werden.

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