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Lexikon der Neurowissenschaft: Reifung

Reifung w, E maturation, ein während der Individualentwicklung vom Gehirn zentral gesteuerter, körperliche und geistige Eigenschaften betreffender Entwicklungsvorgang, der sich in der Vervollkommnung einer Handlung oder Fähigkeit ohne jede Übung oder Lernvorgänge (Lernen) zeigt. Es handelt sich um genetisch bedingte Verhaltens-Abläufe oder Bereitschaften, die sich jedoch noch nicht zum Zeitpunkt der Geburt zeigen oder abgerufen werden können. Es ist typisch, daß das Auftreten gereifter Verhaltensweisen oder Bereitschaften allein von einem gewissen Entwicklungszeitpunkt abhängig ist, jedoch unabhängig von vorausgegangenen Erfahrungen in diesem Zusammenhang ( siehe Zusatzinfo ). Reifung kann als Entwicklungsminimalprogramm verstanden werden, das selbst dann abläuft, wenn die Lebensbedingungen einen Erfahrungserwerb erschweren oder unmöglich machen. Wichtig für das Verständnis der Verhaltens-Ontogenese ist auch das Phänomen der Teilreife: Ein Verhaltenselement wird ausgebildet, bevor das Gesamtverhalten funktionsfähig ist. Z.B. können viele Säugetierjunge die Paarungshaltung einnehmen, lange bevor sie geschlechtsreif sind. Auch das Sexualverhalten ist also genetisch bedingt, entsteht aber erst in der Pubertät, also lange nach der Geburt durch Reifung. Wenn es möglich ist, das für ein Verhalten verantwortliche neuronale Aktivitätsmuster abzuleiten, kann eine Reifung direkt bewiesen werden, falls sich dieses Impulsmuster zunehmend vervollkommnet, bevor das reifende Verhalten auftritt.

Reifung

Das Entstehen der Nachtpause beim Säugling ist z.B. ein eigengesetzlicher biologischer Reifungsvorgang, der durch Vorenthalten einer Mahlzeit in der Nacht nicht beschleunigt werden kann. Auch das Laufenlernen der Kinder oder das Fliegenlernen der Vogeljungen ist kein Lernprozeß, sondern ein Reifungsvorgang bis zur vollen Funktionstüchtigkeit, der erst nach erfolgter Reifung durch motorisches Lernen verfeinert werden kann. Das Erreichen der Blasenkontrolle ist ebenfalls ein Reifungsprozeß: erst nach Ausreifen der anatomischen und neurophysiologischen Voraussetzungen für eine kontrollierte Harnabgabe lernt das Kind durch Nachahmung seiner Eltern, Geschwister und Spielkameraden die für den jeweiligen Kulturkreis üblichen Toilettengewohnheiten und erreicht den Zustand der perfekten Blasenkontrolle, der sich aus Reifungs- und Lernleistungen zusammensetzt. Sauberkeitserziehungsmaßnahmen können den Zeitpunkt des Trockenwerdens nicht exogen beschleunigen.

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