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Lexikon der Neurowissenschaft: Synästhesie

Synästhesie w [Adjektiv synästhetisch; von griech. synaisthesis = Mitempfindung], E synaesthesia, abnorme Mit- oder Begleitempfindung eines anderen Sinnesgebiets als das des tatsächlich erregten Sinnesorgans: Ein Reiz dient also nicht nur als adäquater Reiz für "sein" Sinnesorgan, sondern löst auch als inadäquater Reiz eine sensorische Reaktion auf einem anderen Sinnesgebiet aus. So können z.B. akustische oder mechanische Reize von optischen Erscheinungen, etwa Farben, begleitet werden: z.B. sehen Synästhetiker Töne als Farben oder assoziieren sie unweigerlich mit einem bestimmten Geschmack. Dies geschieht auch, wenn sie sich z.B. lediglich an eine Farbe oder einen Ton erinnern. Diese Assoziationen ereignen sich ohne willentliche Beeinflussung und sind relativ starr, automatisch und konsistent ( siehe Zusatzinfo 1 ). Die Ursache der Synästhesie besteht wohl darin, daß neben der für ein Sinnesorgan zuständigen Hirnrindenregion gleichzeitig andere sensorische und assoziative Cortex-Areale aktiviert werden. Positronenemissionstomographie-Studien und Wahrnehmungstests ( siehe Zusatzinfo 2 ) haben dies bestätigt. Bei Neugeborenen ist dieser Vorgang vielleicht sogar die Regel, verliert sich aber mit der Zeit gewöhnlich. Bis zu einem gewissen Grad ist Synästhesie allgemein verbreitet: Viele haben z.B. schon das Geräusch "gefühlt", das entsteht, wenn Fingernägel über eine Tafel kratzen. Synästhesie ist für das Gedächtnis hilfreich, aufgrund der "Reizüberflutung" im Alltag aber auch hinderlich. Manche Dichter und Schriftsteller waren Synästhetiker und verdanken dieser Eigenschaft einen Teil ihrer Wortkunst. Da Synästhesie familiär gehäuft vorkommt, gibt es dafür vermutlich eine genetische Komponente.

Lit.: Cytowic, R.E.: Farben hören, Töne schmecken. München 1995. Walsh, V.: Current Biology 6 (1996), S. 389-391. Baron-Cohen, S., Harrison, J.E. (Hrsg.): Synaesthesia. Cambridge 1997.

Synästhesie

1 Für die Synästhetikerin C. stehen die Zahlen 1 bis 9 für bestimmte Farben, 7 z.B. für gelb. Diese Farbempfindungen (Photismen) stellen sich automatisch und konsistent ein. Die Automatismen lassen sich über eine Variante des Stroop-Tests nachweisen: Werden die Ziffern 1 bis 9 in verschiedenen Farben gedruckt, und soll die Farbe der Ziffern so schnell wie möglich gesagt werden, dann brauchen Nicht-Synästhetiker immer ungefähr die gleiche Zeit, während C. viel weniger Zeit für die richtige Farbbenennung benötigt, wenn die Farbe mit ihrer synästhetischen Assoziation übereinstimmt als bei Nichtübereinstimmung (z.B. bei einer gelben versus einer blauen 7). Daß ein externer Stimulus für die Synästhesie nicht notwendig ist, zeigte folgender Test: Nacheinander wurde eine Ziffer, ein Operator, eine weitere Ziffer und eine Farbe präsentiert. Der Test bestand darin, so schnell wie möglich die Farbe zu benennen und dann die Lösung der arithmetischen Aufgabe zu sagen. Nichtsynästhetiker brauchen für alle diese Tests ungefähr gleich lange. C. dagegen löste die Tests viel schneller, wenn das Ergebnis der arithmetischen Aufgabe mit der assoziierten Farbe übereinstimmte (z.B. bei der Präsentation von 4, +, 3, gelb) als wenn dies nicht der Fall war (4, +, 3, blau). Ein externer Stimulus, z.B. die Ziffer 7, ist also nicht notwendig, um einen Photismus auszulösen. Die mentale Berechnung war hinreichend, um die Farbempfindung zu aktivieren.

Synästhesie

2 Daß Synästhesie auf ungewöhnlichen neuronalen Verbindungen basiert, legen auch psychologische Tests nahe: Mit einem Computer wurden Muster aus den – in Computerschrift spiegelverkehrt aussehenden – Zahlen 2 und 5 generiert. Nichtsynästhetiker sehen nur ein wirres Durcheinander, doch die Ziffern 2 waren zu Figuren vor dem "Hintergrund" der Ziffern 5 angeordnet, und für Farben-Ziffern-Synästhetiker sprangen diese Figuren (z.B. ein Dreieck) sofort andersfarbig ins Bewußtsein, ähnlich wie bei den Ishihara-Tafeln zur Identifikation von Farbenblindheit. Da solche Gruppierungseffekte nicht begrifflich, sondern sensorisch erfolgen, muß das Gehirn die Synästhesie in sensorischen Arealen ausbilden. Dafür spricht auch, daß nur die arabischen Ziffern, nicht römische Ziffern bei den untersuchten Synästhetikern die Assoziation der Farben hervorriefen. Es ist also die Gestalt der Zeichen, nicht der zugehörige Begriff, der ja für die arabischen und römischen Ziffern identisch ist. Es wird spekuliert, daß ein Teil des Gyrus fusiformis bei Farben-Ziffern-Synästhetikern eng mit einer möglicherweise benachbarten Hirnregion verschaltet ist, die die Zeichen von Ziffern verarbeitet.

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