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Metzler Philosophen-Lexikon: Antiphon

Geb. ca. 480 v. Chr. in Rhamnus;

hingerichtet 411 v. Chr. in Athen

»Von Natur aus sind wir alle in jeder Beziehung gleich geschaffen, sowohl Barbaren als auch Griechen.« Dieser für das griechische Denken des 5. Jahrhunderts v. Chr. revolutionäre Satz stammt aus A.s Über die Wahrheit, die auf einem im ägyptischen Dorf Oxyrhynchos gefundenen Papyros lückenhaft erhalten ist. In dieser Schrift entwickelt A. den Gegensatz von Gesetz (»nómos«) und Natur (»phýsis«) und erweist die Gesetze, die Menschen für Menschen erlassen haben, die Konventionen sowie die sozialen und nationalen Schranken als willkürlich, die Gesetze der Natur dagegen als notwendig; jedes menschliche Gesetzeswerk beruhe auf einer Vereinbarung von Menschen, die Gesetze der Natur hingegen seien natürlich gewachsen und mit der menschlichen Natur verwachsen; daher könne man zwar die menschlichen Gesetze unbeschadet übertreten, wenn man von keinem dabei ertappt werde, die Gesetze der Natur jedoch könnten nur unter größtem Schaden verletzt werden, selbst wenn kein Zeuge dafür vorhanden sei. Dieser kurze Auszug aus Über die Wahrheit macht deutlich, daß man A. der Sophistik zuzuordnen hat: Die Thesen, die Kallikles im Platonischen Dialog Gorgias vertritt, insbesondere sein Eintreten für das Recht des Stärkeren und seine Argumentation, daß die Gesetze der Stadt Vereinbarungen der Schwachen seien, um sich vor herausragenden Persönlichkeiten zu schützen, weisen starke Anklänge an A.s Gedanken auf.

Vom Leben des A. ist wenig bekannt. Bei einem Zeitgenossen, dem Historiker Thukydides, findet sich gleichsam ein Nachruf: Im Zusammenhang der Darstellung des Putsches der Vierhundert im Jahre 411 berichtet Thukydides, daß A. derjenige gewesen sei, der den oligarchischen Umsturz geplant habe; ohne sich öffentlich hervorzutun, habe er im Hintergrund die Fäden gezogen. Nach dem Sturz der Vierhundert sei er auf Leben und Tod angeklagt worden und habe eine exzellente Verteidigungsrede gehalten. Doch ohne Erfolg: A., der bekannt war für die Qualität der Reden, die er für andere verfaßt hatte, wurde zum Tode verurteilt. Aus dieser rhetorischen Tätigkeit des A. sind Bruchstücke seiner eigenen Verteidigung, drei Gerichtsreden sowie drei Redetetralogien erhalten, die man wohl als Muster- oder Übungsreden bezeichnen kann. Die Reden zeichnen sich durch eine klare Sprache und durch einen präzisen, oft antithetischen Aufbau aus; vor allem werden in ihnen die äußeren Beweismittel, die Fakten, durch Erörterungen über den wahrscheinlichen Tathergang ersetzt.

In der philologischen Forschung ist seit der Antike umstritten, ob man zwei Personen namens A. ansetzen muß – einen Redner, den man wohl mit dem Politiker gleichsetzen müßte, und einen Sophisten, der die Schrift Über die Wahrheit, außerdem ein Buch über Traumdeutung, eine Staatsrede sowie eine Schrift Über den Gemeinsinn verfaßte. Man kann jedoch mit aller gebotenen Vorsicht annehmen, daß A., der Redner, und A., der Sophist, ein und dieselbe Person sind. Wenn man in Betracht zieht, daß der Sophist Kritias sich ebenfalls in verschiedenen literarischen Gattungen betätigte und in den Umsturz des Jahres 411 verwickelt war, liegt die Annahme nahe, daß auch A. sich auf mehreren Gebieten hervortat – als Schriftsteller und Philosoph, als Redner und Advokat, als Politiker.

Gagarin, M.: Antiphon. The Speeches. Cambridge 1997. – Cassin, Barbara: Art. »Antiphon«. In: Der Neue Pauly. Stuttgart/Weimar 1996ff., Bd. 1, Sp. 785–786. – Heitsch, Ernst: Antiphon aus Rhamnus. Mainz 1984. – Guthrie, W. K. C.: A History of Greek Philosophy, Bd. 3. Cambridge 1969, S. 285–294. – Solmsen, F.: Antiphonstudien. Berlin 1931.

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