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Metzler Philosophen-Lexikon: Marcel, Gabriel

Geb. 7. 12. 1889 in Paris;

gest. 8. 10. 1973 in Paris

M. wird als Begründer des katholischen Existentialismus betrachtet, hat aber selbst diese Bezeichnung abgelehnt, weil er seine Philosophie nicht als ein System verstanden wissen wollte; er bezeichnete sie als »Neosokratismus« oder auch »christlichen Sokratismus«, da für ihn das Wesentliche in beständigem Fragen lag. So wollte er den Mitmenschen keine Überzeugungen aufzwingen, sie vielmehr zu Fragen hinführen bzw. diese in ihnen erwecken. Die Seele verstand er als eine Wandererin, die nie aufhört, unterwegs zu sein ( Homo Viatorˆ. Prolégomènes à une métaphysique de l espérance, 1944; Homo Viatorˆ. Prolegomena zu einer Metaphysik der Hoffnung ...En chemin, vers quel éveil?, 1971; Unterwegs ...zu welchem Erwachen?). Bergson hat auf den jungen Philosophielehrer großen Einfluß ausgeübt: »Bergson habe ich zu verdanken, von einem Abstraktionsgeist losgekommen zu sein, dessen Schäden ich erst sehr viel später brandmarken sollte.« Der zum Katholizismus übergetretene Jude M., der auch Dramatiker und Musik- und Theaterkritiker war, empfand, wie er sagte, eine »soziologische« Verwandtschaft zu Proust: »Seine Mutter war, wie meine, Jüdin und sein Vater, wie mein Vater, Katholik.«

In einem seiner grundlegenden Werke, Etre et avoir (1934; Sein und Haben), zog er eine strenge Trennungslinie zwischen der Welt der Objektivation und derjenigen der persönlichen Existenz; der Dualismus zwischen Subjekt und Objekt wird überwunden, indem jeder Bezug zur Welt als ein persönlicher empfunden wird. Die Wirklichkeit stellt sich als zerspalten dar zwischen der authentischen Welt des »Seins« und der unauthentischen Welt des »Habens«. Wie er in einem seiner Theaterstücke darlegte (Le monde cassé, 1933; Die zerbrochene Welt), lebt der Mensch des 20. Jahrhunderts M. zufolge in einer Welt, in welcher der Sinn des Sakralen (»le sacré«) abhanden gekommen und die Einheit des Menschen zerrissen ist. Zwar gibt die Technik die Illusion der Macht, letztlich aber ist sie nur der Verlust alles Menschlichen (Les hommes contre l humain, 1951; Die Menschen gegen das Menschliche).

Wie andere französische Existentialisten (Jean-Paul Sartre, Albert Camus) begriff er die Kommunikation der Individuen untereinander, die sich in einer Sphäre der Vergegenständlichung verwirklicht, als entfremdend, da sie nur auf die Einsamkeit jedes Menschen zurückweist. Die Absonderung der einzelnen Existenzen wird dadurch verursacht, daß das objektiv Seiende als einzig mögliches Sein aufgefaßt wird. Echtes Sein ist aber transzendent; es ist persönlich. Der wahre Bezug zum Sein beruht auf einem Dialog mit ihm. Es ist kein »Es«, sondern nur ein »Du«. So sah M. in dem vor Gottes Antlitz realisierten Verhältnis einer Person zur anderen das Vorbild für jedes Verhältnis des Menschen zum Sein. Liebe heißt, so gesehen, stetiges Transzendieren; sie ist der Durchbruch zum Anderen, sei es zu einer menschlichen Person, sei es zu Gott. Die Vernunft vermag einen solchen Durchbruch nicht zu begreifen.

M. verwarf dementsprechend die cartesianische Selbstbehauptung, da sie in seinen Augen die Isolierung, die »Insularisierung« des Subjekts vorantreibt: »Das cogito führt nur in eine Welt, in welcher die eigentlichen Existenzurteile jede Bedeutung verlieren« (Journal métaphysique, 1927; Metaphysisches Tagebuch). Nur in der Begegnung zweier »Du« erfüllt sich der Mensch, bejaht er sich als Person: Du bist, also existiere ich – so könnte man die religiöse Philosophie M.s zusammenfassen. Der Vollzug dieses Prozesses bleibt ein Geheimnis (Le mystère de l être, 1951; Geheimnis des Seins). Das Dasein stellt an sich kein »Problem« dar, es ist »metaproblematisch«, es ist ein Geschehen: »Das Problem ist etwas, dem man begegnet, das sich einem in den Weg stellt. Im Gegensatz dazu ist das Geheimnis etwas, in das ich eingebunden bin, dessen Wesen folglich darin besteht, nicht völlig außerhalb meiner zu sein« (Etre et avoir).

Auch Gott ist in diesem Sinne kein »Problem«. Seine Existenz kann man nicht beweisen. Der Mensch aber erlebt Gott als geheimnisvolle Präsenz, er vermag sich der existentiellen Anwesenheit Gottes anzunähern. Der Ruf Gottes wird im Herzen des ontologischen Geheimnisses hörbar (»Beten ist die einzige Art, an Gott zu denken, bei ihm zu sein«). Der Glaube an Gott ist aber nicht mit einer »Meinung«, einer »Weltanschauung« zu vergleichen. Gott ist das »absolute Du«: »Diese Realität, welcher ich mich öffne, indem ich sie anrufe, gibt mich mir selbst, insofern ich mich ihr ergebe. Durch die Vermittlung des Tuns, durch welches ich mich auf sie zentriere, werde ich wirklich zum Subjekt.«

Foelz, Siegfried: Gewißheit im Suchen. Gabriel Marcels konkretes Philosophieren auf der Schwelle zwischen Philosophie und Theologie. Leipzig 1979, Bonn 1980. – Berning, Vincent: Das Wagnis der Treue. Gabriel Marcels Weg zu einer konkreten Philosophie des Schöpferischen. Freiburg 1973. – Ricœur, Paul/Marcel, Gabriel: Gespräche. Frankfurt am Main 1970.

Reinold Werner

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