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Metzler Philosophen-Lexikon: Needham, Noël Joseph

Geb. 9. 12. 1900 in London;

gest. 24. 3. 1995 in Cambridge

Wie kein anderer hat sich N. um die Entdeckung der Geschichte chinesischer Wissenschaft und Technik verdient gemacht. Angeregt durch seinen Kontakt mit chinesischen Wissenschaftlern begann der studierte Biochemiker 1936, sich mit der chinesischen Kultur zu beschäftigen. Dieses Interesse an einer fremden Kultur wurde zur Lebensaufgabe und mündete in dem mehrbändigen Hauptwerk Science and Civilisation in China (ab 1954; Geschichte und Zivilisation in China), das er in Zusammenarbeit mit vor allem Wang Ling, Lu Gwei-Djen, Ho Ping-Yu schrieb. N.s Veröffentlichungen zu diesem Thema haben nicht nur dem westlichen Leser ein neues Bild der chinesischen Kulturgeschichte, sondern auch vielen Chinesen ein tieferes Verständnis ihrer eigenen Tradition vermittelt.

N., der in einer durch Wissenschaft und Musik geprägten Familie aufwuchs, studierte Biologie an der Universität Cambridge, wechselte aber nach einigen Jahren auf das noch junge Fach der Biochemie über. Er wurde Schüler von Frederick G. Hopkins, der 1929 den Nobelpreis für Medizin erhielt. N.s wissenschaftliche Arbeiten galten anfangs vor allem der Biochemie und Embryologie: Chemical Embryology (1931) und Biochemistry and Morphogenesis (1942). Doch schlägt sich die Neigung zur Wissenschaftsgeschichte in seiner A History of Embryologie (1934) bereits sehr früh nieder. In seinen ersten wissenschaftsphilosophischen Veröffentlichungen vertritt N. eine mechanistische Auffassung der Biologie. Aus dem Streit zwischen Vitalisten und Mechanisten, der in den 20er Jahren besonders heftig ausgetragen wurde, ging N.s Man a Machine (1927) hervor. In den Terry Vorlesungen, die N. an der Yale University hielt und die als Order and Life (1935) erschienen, wird der Zusammenhang zwischen molekularen Strukturen und der Ordnung und Organisation des Lebens untersucht. So bedingt für ihn das biochemische Substrat die biologischen Strukturen und die komplexe Organisation der Lebewesen.

N.s größtes Verdienst beruht zweifellos auf seinem Studium der chinesischen Wissenschaftsund Technikgeschichte. In einem späten, in The Great Titration (1969) enthaltenen Aufsatz Science and Society in East and West beschreibt er die zwei Leitfragen seiner Beschäftigung mit der chinesischen Wissenschaftsgeschichte: »Warum hat sich die moderne Wissenschaft nur in Europa und nicht auch in China oder Indien entwickelt?«, und: »Warum ist die Zivilisation der Chinesen zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 15. Jahrhundert n. Chr. in der Nutzung des menschlichen Wissens von der Natur für die praktischen menschlichen Bedürfnisse sehr viel erfolgreicher als der Westen gewesen?« Aus diesen Fragestellungen wird ersichtlich, inwieweit N. die Entwicklung der Wissenschaften im Westen als Vergleichsmaßstab bei seiner Untersuchung der chinesischen Wissenschaftsgeschichte heranzieht. Durch eine systematische Erforschung aller ihrer Bereiche gelang es ihm, das Entstehen einer modernen Wissenschaft auf traditionellem Boden zu schildern. Besonders intensiv hat sich N. mit dem Zeitbegriff bzw. der Zeitmessung in China und im Osten sowie mit der Geschichte der chinesischen Medizin (vor allem im Hinblick auf ihre kulturelle Verankerung) beschäftigt. Das erste Buch Chinese Science erscheint 1945. Ihm ging aber eine Reihe von Aufsätzen voraus, die viele Jahre später in Sammelbänden nochmals gedruckt wurden: Clerks and Craftsmen in China and the West (1969) und Moulds of Understanding (1976). Das Hauptwerk Science and Civilization in China spiegelt vollständig N.s Auffassung von universaler Wissenschaft wider. Nur auf der Grundlage einer gesamtkulturellen Sicht kann die Entwicklung der Wissenschaften und der Technik ausreichend erklärt werden. Zeitlebens am Caius College in Cambridge tätig, war N. zudem einer der ersten Unesco-Direktoren und engagierte sich als Teilnehmer an Friedensinitiativen.

Spengler, Tilman (Hg.): Einleitung zu Joseph Needham. Wissenschaftlicher Universalismus. Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft. Frankfurt am Main 1977. – Holorenshaws, Henry: The Making of an Honorary Taoist. In: Teich, M./Young, R. (Hg.): Changing Perspectives in the History of Science. London 1973.

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Herausgegeben von Bernd Lutz

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