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Metzler Philosophen-Lexikon: Porphyrios (d.i. Malchos)

Geb. 234 n. Chr. in Tyros;

gest. vor 305 n. Chr. in Rom

P., von Geburt Phönizier, lernte früh den Christen Origenes kennen, war aber selber niemals Christ. Nachdem er in Athen bei Longinos studiert hatte, ging er 263 nach Rom zu Plotin, dessen Schriften er später herausgab. Nach dem Tod Plotins (270) setzte er dessen Schule fort. Er starb zwischen 302 und 305 in Rom. – P. ist nach Plotin der wirkungsmächtigste Neuplatoniker. Im Zentrum seines Denkens steht die Erlösung der Seele und ihre Rückkehr zu Gott; er entwickelte einen trinitarischen Gottesbegriff, der für die Kirchenväter grundlegend wurde, gab als erster dem Willen eine zentrale Rolle in der Seelenlehre und harmonisierte Platon mit Aristoteles, in dem P. in erster Linie den Platonschüler sah und dessen Kategorienlehre er dem Platonismus integrierte. P. entwickelte eine symbolische Religionsphilosophie, welche die Mythen der heidnischen Religion als verhüllten Ausdruck metaphysischer Wahrheiten deutete. Zugleich war er ein scharfer Gegner des Christentums, der in seiner Kritik die Methode und manche Ergebnisse der historischen Bibelkritik vorwegnahm; z.B. erkannte er die Unechtheit des Buches Daniel und die Widersprüche der Evangelien untereinander. Der universalste Gelehrte der Spätantike, war P. eine wahre »Ein-Mann-Universität« (H. Dörrie). Sein Denken wurde besonders im lateinischen Westen rezipiert und wirkte stark u. a. auf Marius Victorinus, Augustinus, Macrobius und Boëthius. Seine bedeutendsten Schüler, die den Neuplatonismus weiterentwickelten, waren Iamblichos und Theodoros von Asine.

Eine handbuchartige Zusammenfassung der neuplatonischen Metaphysik gab P. in seinen Sentenzen. Im Zentrum steht die Lehre von den drei vollkommenen Hypostasen, in denen sich der absolute Ursprung alles Seienden manifestiert: das über alles Seiende erhabene Eine selbst, das P. mit Gott identifiziert. Seine erste Entfaltung ist der sich selbst denkende göttliche Geist, der als Inbegriff der Platonischen Ideen zugleich das wahrhaft, weil sich unveränderlich gleichbleibende Seiende ist; die zweite Hypostase ist die aus dem Geist hervorgehende Seele, in der die Einheit des Ideenkosmos in die harmonisch geordnete Vielheit der Einzelwesen auseinandertritt; aus der Seele geht als dritte Seinsstufe die sinnliche Welt als Inbegriff der materialisierten und vergänglichen Erscheinungen hervor. In den Grundzügen seines Denkens folgt P. Plotin, doch gibt er in seinem fragmentarisch erhaltenen Kommentar zu Platons Parmenides dem Gedanken des Absoluten, des Einen, eine neue Wendung. Zwar hält er an der negativen Theologie Plotins fest und betont wie dieser die Unerkennbarkeit des Einen, doch relativiert er dessen absolute Transzendenz, indem er es mit dem Sein selbst gleichsetzt. Als Ursprung alles Seienden ist das Eine für P. nämlich reine Wirksamkeit und darum das als Existenz oder Seinsakt verstandene absolute Sein, das allem bestimmten Seienden zugrunde liegt, an sich selbst aber unbestimmbar und darum kein Seiendes ist. P. unterscheidet dieses absolute Sein, »das Sein selbst«, von dem in allem Seienden anwesenden allgemeinen Sein und identifiziert es mit dem göttlichen Einen. Dieser Schritt war folgenreich für die Ontologie und Theologie des Mittelalters, er wurde z.B. von Thomas von Aquin und Meister Eckhart übernommen; eine ganz ähnliche Konzeption entwickelte der späte Fichte. Von weitreichender Wirkung war auch P.’ Systematisierung der neuplatonischen Triadik. Er unterscheidet im Geist die drei Momente Sein, Leben und Denken, welche die Selbstentfaltung des Einen in die Totalität der Ideen beschreiben: Als das Sein ist der Geist in sich bleibende einfache Einheit – so daß sein höchstes und erstes Moment mit dem Absoluten zusammenfällt –, als Leben entzweit er sich selbst und entfaltet sich in die Vielheit der Ideen, als Denken aber kehrt er in die Einheit zurück und erkennt sich selbst als entfaltete und erfüllte Einheit. Genau entsprechend faßt P. den Dreischritt von Denkobjekt, Denksubjekt und beide verbindendem Denkakt, durch den er die Einheit des sich auf sich beziehenden Selbstbewußtseins begreift. Dieser triadische Geistbegriff wirkt noch bei Hegel und Schelling nach.

Harmon, Roger: Art. »Porphyrios«. In: Der Neue Pauly. Stuttgart/Weimar 1996ff., Bd. 10, Sp. 174–181. – Girgenti, G.: Il pensiero forte di Porphyrios. Mailand 1996. – Dörrie, H.: Platonica Minora. München 1976. – Hadot, P.: Porphyrios et Victorinus, 2 Bde. Paris 1968 [Parmenideskomm. mit Übers. in Bd. 2]. – Theiler, W.: Forschungen zum Neuplatonismus. Berlin 1966.

Jens Halfwassen

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