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Metzler Philosophen-Lexikon: Schrödinger, Erwin

Geb. 12. 8. 1887 in Wien;

gest. 4. 1. 1961 in Wien

In physikalischen Veröffentlichungen ist es sein Name, der am häufigsten zitiert wird. Die heutige Physik und Chemie sind undenkbar ohne die Sch.-Gleichung und die Sch.sche Wellenfunktion. Beide bilden das Kernstück der sogenannten Wellenmechanik, die 1926 in Form von vier Mitteilungen über die Quantisierung als Eigenwertproblem veröffentlicht wurde. Sch. versuchte mit seiner Theorie ein klassisches und anschauliches Bild der Atome zu skizzieren und die im Jahr zuvor von Werner Heisenberg konzipierte Atommechanik zu überwinden, von der er sich »abgeschreckt, um nicht zu sagen abgestoßen« fühlte. Sch. wollte sich nicht mit den Unstetigkeiten, jenen »Quantensprüngen« abfinden, zu denen Atome als Konsequenz der Planckschen Quantenhypothese gezwungen wurden. Als sich zur allgemeinen Überraschung noch 1926 herausstellte, daß die Theorien von Sch. und Heisenberg äquivalent waren, wurde der Weg frei für die philosophische Interpretation der Quantenmechanik, die vor allem auf Niels Bohr zurückgeht und durch den Begriff der Komplementarität charakterisiert werden kann. Sch. konnte die in diesem Rahmen erfolgte Aufhebung einer kausalen Determiniertheit im atomaren Geschehen nicht akzeptieren. Unter seinen Bemühungen, die erkenntnistheoretische Lektion der Atome zu lernen, ragt eine Diskussion über Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik (1935) hervor. In diesen Aufsätzen bezeichnet er es als das eigentliche Charakteristikum atomarer Systeme, daß sie »verschränkt« sind. Unter Verschränkung versteht er dabei die Tatsache, daß atomare Objekte korreliert sein können, obwohl zwischen ihnen keine direkte Wechselwirkung besteht. Damit offenbart sich ein ganzheitlicher Zug der atomaren Wirklichkeit, der dem klassisch-physikalischen Denken fremd geblieben ist.

Als die Wellenmechanik entstand, war Sch. Professor für Theoretische Physik in Zürich. 1927 wurde er als Nachfolger Max Plancks nach Berlin berufen. Sch. verließ Deutschland 1933 und ging nach England. Im selben Jahr wurde ihm der Nobelpreis für Physik zuerkannt. 1936 kehrte er in seine Heimat zurück, aus der ihn die Nationalsozialisten zwei Jahre später vertrieben. Er konnte nach Dublin fliehen und blieb hier 17 Jahre lang, bevor er nach Österreich zurückkehrte. Sch. hat die theoretische Physik immer als Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln verstanden. Die ruhigen Jahre in Dublin gaben ihm Gelegenheit, über Die Natur und die Griechen (1954) nachzudenken. Die Philosophie der Griechen entfaltete sich nämlich noch »ohne die verhängnisvolle Spaltung, die uns jahrhundertelang gehemmt hat und heute unerträglich geworden ist«, die Spaltung nämlich von Naturwissenschaft und Philosophie bzw. Religion. Aus dieser Haltung heraus versteht man Sch.s Hoffnung, daß sich irgendwann auch im Bereich der Atome die Ordnung zeigen wird, die die klassische Physik gekannt hat. Die Ganzheit der Quantensysteme konnte nur eine Stufe auf dem Weg dorthin sein. 1944 erschienen seine Dubliner Vorlesungen zu der Frage Was ist Leben?. Dieses Buch übte einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Biologie aus und beschleunigte ihre Umwandlung zur Molekularbiologie. In einem Anhang über »Determinismus und freier Wille« bekennt sich Sch. zu der Einsicht der indischen Philosophie, daß wir in Wirklichkeit alle nur Aspekte eines einzelnen Wesens sind.

Moore, Walter: Schrödinger. Life und Thought. Cambridge 1989. – Scott, William Taussig: Erwin Schrödinger. An Introduction to his Writings. Amherst, Mass. 1967.

Ernst Peter Fischer

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