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Metzler Lexikon Philosophie: Begriffsrelativismus

J. G. Herder und W. v. Humboldt vertreten einen B. in gemäßigter Form. Herder (Über den Ursprung der Sprache, 1770) sieht in der Sprache die Selbsttätigkeit und Spontaneität des Geistes, durch die die Vorstellungselemente erst geschaffen werden. Humboldt kommt einem B. nahe, wenn er das Verhältnis von Sprache und Welt so versteht, dass jede Sprache eine eigene innere Form besitzt, die eine bestimmte Weltanschauung enthält. Indem der Mensch in eine bestimmte Sprachgemeinschaft hineinwächst, wird er auch in ein bestimmtes Verhältnis zur Welt eingeführt. Sprache ist nicht zu verstehen als ein feststehender Bedeutungsvorrat, sondern als ein Prozess, aus dem die geistige Bedeutung selbst erst hervorgeht. Dadurch kommt der Sprache zentrale Bedeutung für den Aufbau der subjektiven und objektiven Wirklichkeit zu. Verschiedene Sprachen bedingen entsprechend verschiedene Weltansichten. Strawson interpretiert den B. derart, dass es möglich wäre, sich Arten von Welten vorzustellen, die von der Welt, wie wir sie kennen, ganz verschieden sind. Die Vorstellung solcher möglicher nicht-wirklicher Welten beinhaltet, dass diese sich durch den Gebrauch unserer jetzigen Sprache beschreiben ließen, indem man die Wahrheitswerte in verschiedenen systematischen Weisen anders auf die Sätze verteilt, als in unserer Welt. In einer radikaleren Form vertreten Whorf (im Anschluss an Sapir), Quine, Kuhn und Feyerabend einen B.: Nach Whorfs Verständnis klassifiziert und gliedert Sprache den Strom von Sinneserfahrungen, woraus eine gewisse Weltordnung resultiert. Daraus ergibt sich ein Relativitätsprinzip, das besagt, dass nicht alle Beobachter durch dieselben physikalischen Belege zum selben Weltbild geführt werden. Quine behauptet die wechselseitige Unübersetzbarkeit der Begriffsschemata: Die Ausdrucksmittel einer anderen Sprechweise sind von den unseren radikal verschieden, was bedeutet, dass die Übersetzung der Begriffschemata nicht reibungslos gelingen kann. Feyerabend und Kuhn vertreten für die Wissenschaftssprachen die These der Inkommensurabilität: Beim Übergang von einer Theorie zu einer nächsten ändern Wörter ihre Bedeutung oder Anwendungsbedingungen.

Literatur:

  • D. Davidson: Was ist eigentlich ein Begriffsschema. In: Wahrheit und Interpretation. Frankfurt 1986. S. 261 ff
  • P. K. Feyerabend: Erklärung, Reduktion und Empirismus. In: Probleme des Empirismus. Braunschweig 1981. S. 73 ff
  • W. v. Humboldt: Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. In: Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 61988. S. 1 ff
  • Ders.: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. In: a.a.O.S. 368 ff
  • Th. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt 1973
  • W. V. O. Quine: Zwei Dogmen des Empirismus. In: Von einem logischen Standpunkt. Frankfurt/Berlin/Wien 1979. S. 27 ff
  • B. L. Whorf: Sprache, Denken, Wirklichkeit. Reinbek 1963. S. 46 ff., S. 102 ff.

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Herausgegeben von Peter Prechtl (†) und Franz-Peter Burkard.

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