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Metzler Lexikon Philosophie: Gewissheit

bedeutet im subjektiven Sinn den epistemischen Zustand des unerschütterten, vom Zweifel freien Überzeugtseins von einem Erkenntnisinhalt. Im objektiven Sinn bedeutet die von einem Erkenntnisinhalt ausgesagte G. seine Auszeichnung als berechtigt. G. im objektiven Sinne wird durch die Verfügbarkeit einer einwandfreien Begründung (etwa durch unmittelbare Aufweisbarkeit, Beweis o.a.) gekennzeichnet. G. im objektiven Sinne ist damit eines der Merkmale von Wissen. In beiden Verwendungsweisen ist absolute G. (d.h. die Freiheit von jedem denkmöglichen Zweifel, der Ausschluss jedes möglichen Irrtums) eine Idealisierung, die in praxi kaum jemals für einen Erkenntnisinhalt erreicht werden kann. Für das Handeln und die verantwortbare Praxis ist jedoch bedingte bzw. moralische bzw. praktische Gewissheit (d.h. die Freiheit von begründeten Zweifeln, der Ausschluss der Gefahr eines Irrtums) ausreichend. Handlungsleitende (subjektive) G. muss nicht durch Überlegung gewonnen sein (sog. reflexe G.), sondern wird in vielen Fällen spontane, unhinterfragte G. sein; erst durch Erfahrungen von Zweifel, Widerspruch, Irrtum, Misserfolg etc. wird der Prozess der Vergewisserung, d.h. der prüfenden Überführung spontaner in reflexe G. motiviert. Von der G. zu unterscheiden ist außerdem die Evidenz, das unmittelbare Einleuchten, das eine Begleiterscheinung mancher (nicht aller!) objektiv und subjektiv gewisser Erkenntnisgehalte darstellt.

Descartes stellte mit seiner Frage nach der Reichweite menschlicher Erkenntnis und nach der Erreichbarkeit absoluter G. das Ausgangsproblem neuzeitlicher Erkenntnistheorie; er erhob Unbezweifelbarkeit bei Klarheit und Distinktheit des Erkenntnisinhalts zum Kriterium objektiver Gewissheit (Clare et distincte). Wichtigstes Beispiel eines solchen unbezweifelbaren Gehalts ist die Selbstgewissheit der eigenen Existenz als Denkender. Diesem (für den Rationalismus prägenden) Geltungsideal der Unbezweifelbarkeit, Eindeutigkeit und damit absoluten Gewissheit wurde bereits seit dem Empirismus widersprochen. Dennoch wirkt dieses Ideal bis in die Gegenwart nach. Die insbesondere im Hinblick auf das Handeln überzogene Position, für sämtliche berechtigte Überzeugungen absolute G. zu fordern, wird mitunter als Certismus bezeichnet. Erkenntnistheoretische Positionen, denen zufolge es im System unserer Überzeugungen eine Teilmenge besonders irrtumsresistenter Überzeugungen gäbe (etwa: Überzeugungen aus unmittelbarer äußerer und innerer Wahrnehmung, aus begrifflichen Zusammenhängen etc.), auf die sich die sonstigen, abgeleiteten Überzeugungen stützen, nennt man Fundationalismus (engl. foundationalism, sollte zur Vermeidung religiös-politischer Konnotationen nicht als »Fundamentalismus« übersetzt werden). Fallibilismus, Letztbegründung.

Literatur:

  • J. de Vries: Grundfragen der Erkenntnis. München 1980
  • F.v.Kutschera: Grundfragen der Erkenntnistheorie. Berlin 1982
  • F. Wiedmann: Das Problem der Gewißheit. München/Salzburg 1966
  • N. Malcolm: Knowledge and Certainty. Englewood Cliffs 1963.

WL

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