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Metzler Lexikon Philosophie: Ideologie

nach Destutt De Tracy (Éléments d'idéologie. 5 Bde. 1801–1815) eine wissenschaftliche Lehre, in der allein Ideen als erfassbare, quasi physiologische Erkenntniselemente ein sicherer Ausgangspunkt für Erkenntnisgewinnung sein können. I. ist danach eine strenge Wissenschaft mit Grammatik und Logik als Hauptteilen. In der besonders von Napoleon I. geübten Kritik an Destutt De Tracy erhält I. seine pejorative Konnotation des Wirklichkeitsfremden, Abstrakten, Praxisfernen, Elitären etc. Marx knüpft an dieser Begriffsbestimmung an. Danach ist I. notwendig »falsches« Bewusstsein. Alle vor-sozialistischen Gesellschaften müssten sich aufgrund der unentwickelten materiellen Verhältnisse ein zwangsläufig falsches Bild von sich machen. Dabei werden insbesondere die Partikularinteressen der ökonomisch und politisch herrschenden Klasse zu Allgemeininteressen erklärt. In der bürgerlichen Gesellschaft stellt die Verdinglichung aller sozialen Beziehungen und Bewusstseinsinhalte zu Warenformen die herrschende I. (Warenfetischismus) dar. Von älteren Theorien des falschen Bewusstseins (Priestertrugstheorie) unterscheidet sich das marxistische I.-Verständnis durch den Hinweis, dass auch die Herrschenden selbst nicht in der Lage sind, ihre trügerische Usurpation des Allgemeinen zu erkennen. Die wirklichen »Bewegungsgesetze« enthüllten sich erst dem zur Klasse für sich findenden Proletariat, dessen Bewusstwerdung seiner realen Existenzbedingungen den Schleier politischer und gesellschaftlicher Mystifikation durchstößt. Allerdings verweisen auch Partikularinteressen mit falschen Allgemeinheitsansprüchen auf Wahrheitspartikel. Danach gibt etwa die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit politische Ziele vor, die erst in der sozialistischen Revolution wirklich allgemein werden könnten. Jede I. schießt also in diesem Denken im Versprechen besserer Verhältnisse über sich hinaus. An dieser utopischen Qualität setzt die I.-Kritik an, die daraus eine normative Grundlage für sich konstruiert. Das geschichtsphilosophische Subjekt der I.-Kritik ist von verschieden Autoren unterschiedlich bestimmt worden. Gehen Marx/Engels von einer Symbiose zwischen dt. Philosophie und Proletariat aus, so sehen andere eher in gesellschaftlichen Randgruppen (H. Marcuse) oder Frauen (S. Firestone) Träger der I.-Kritik. Die leninistische Interpretation rückt von der Synonymisierung von I. und falschem Bewusstsein ab. Nach ihr besitzt auch die Arbeiterklasse eine I., die sich nur in ihrer historischen Fortschrittlichkeit von anderen I.n unterscheidet. Trägerin dieser I. ist »die« kommunistische Partei. Einen anderen Weg beschreiten Horkheimer/Adorno (Kritische Theorie). Für sie existiert ein gesellschaftliches Subjekt der I.-Kritik nicht: »Mit der Gesellschaft ist die Ideologie derart fortgeschritten, dass sie nicht mehr zum gesellschaftlich notwendigen Schein und damit zur wie immer brüchigen Selbständigkeit sich ausbildet, sondern nur noch als Kitt: falsche Identität von Subjekt und Objekt« (Th. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt 1969. S. 339). Der ideologische »Verblendungszusammenhang« konstituiert gesellschaftliche Beziehungen und wird hier nicht mehr als potentiell von fortgeschrittenen Produktionsverhältnissen zu dementierendes Überbauphänomen angesehen. Im Gegensatz zu diesen I.-Begriffen konstituiert sich im Kontext wissenssoziologischer Ansätze ein I.-Begriff, der Inhalte, Struktur und Funktion jeder systematischen Welt- und Sinnproduktion (A. Seidel) umfasst. Die Überprüfung von I. ist danach die Aufgabe einer selbstkritischen, wissenschaftlich-hygienischen »freischwebenden Intelligenz« (K. Mannheim). In der Systemtheorie N. Luhmanns ist schließlich »ein Denken ... ideologisch, wenn es in seiner Funktion, das Handeln zu orientieren und zu rechtfertigen, ersetzbar ist« (N. Luhmann: Soziologische Aufklärung. Frankfurt 1970. S. 57).

Literatur:

  • U. Lorenz: Das Projekt der Ideologie. Stuttgart-Bad Cannstatt 1994
  • H. J. Lieber (Hg.): Ideologie – Wissenschaft – Gesellschaft. Darmstadt 1986
  • K. Mannheim: Ideologie und Utopie. Frankfurt 31952.

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Herausgegeben von Peter Prechtl (†) und Franz-Peter Burkard.

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