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Metzler Lexikon Philosophie: Impetustheorie

Mit der I. werden im MA. erstmals Vorstellungen von einer Kraftwirkung zur Erklärung des Zustandekommens und Fortwirkens einer Wurfbewegung (gewaltsame Bewegung) herangezogen. Aristoteles hatte in seiner Physik an jeden Bewegungszustand die Forderung gestellt, dass er von außen verursacht werden müsse. Er kann daher die Bewegung eines geworfenen Steines oder eines abgeschossenen Pfeiles nur aus dem Vorhandensein des äußeren Mediums (Luft) erklären, welches durch Einwirkung von außen auf den Wurfgegenstand den Bewegungszustand erzeuge und für eine Weile aufrecht erhalte (Berührungskausalität). Nach dieser Auffassung ist einerseits eine Bewegung im Vakuum unmöglich und andererseits das Vakuum selbst undenkbar, weil Aristoteles Bewegung als ein grundsätzliches Merkmal des Seins betrachtet. Wo keine Bewegung ist, ist auch kein Sein. – Die Aporien der aristotelischen Bewegungslehre, namentlich denen der gewaltsamen Bewegung (Wurfbewegung), haben zuerst Johannes Philoponos (495–575) auf eine alternative Theorie der Ursache von gewaltsamer Bewegung geführt. Dieser Gelehrte der Spätantike verzichtet auf die Forderung, dass Bewegung immer von außen verursacht werden müsse und erfindet den Begriff einer eingedrückten Kraft (kinetiken entheinai dynamin). Somit ist die Ursache der Bewegung und das Prinzip ihrer Fortwirkung ins innere des bewegten Körpers selbst verlagert (Übertragungskausalität). Neuerfunden und systematisch weiterentwickelt hat Johannes Buridan (1292–1363) die I.; auch geht auf seine einschlägigen Arbeiten zu diesem Thema der Name »Impetus« zurück. Der Impetus ist ihm zufolge eine »gewisse Bewegungskraft«, die ein Beweger dem bewegten Gegenstand einprägt und welche »in diejenige Richtung wirkt, in die der Beweger den Körper anstößt« und auch nach dem Abreißen des Kontakts mit dem Beweger noch eine Weile im Gegenstand als bewegendes Prinzip enthalten bleibt, bis sie sich abschwächt und wieder verlorengeht. Andere Autoren der Spätscholastik bedienen sich der I., um verschiedene Vorgänge der Übertragung einer Wirkung zu beschreiben. – Weil mit der I. erstmals eine Vorstellung einer bewegenden Kraft formuliert ist, haben sie Historiker seit Duhem zumeist in die Vorläuferschaft zur mechanistischen Denkweise Galileis und Newtons eingeordnet. Es lässt sich jedoch auch zeigen, dass die I. jene Merkmale aufweist, die für die pantheistische Naturphilosophie der Goethe-Zeit maßgeblich sind und sich als Gegenentwurf zur Newton’schen Mechanik verstehen.

Literatur:

  • P. Duhem: Le systeme du monde. Paris 1958
  • K.-J. Grün: Vom Unbewegten Beweger zur bewegenden Kraft. Der pantheistische Charakter der Impetustheorie in der Naturphilosophie des Mittelalters. Paderborn 1999
  • Joh. Buridanus: Quaestiones Super octo physicorum libros Aristotelis, Paris 1509. Nd. Frankfurt 1964
  • Joh. Philoponos: De opificio mundi; dt. Über die Erschaffung der Welt. Griech.-dt. übers. und eingel. von Clemens Scholten. 3 Bde. Freiburg u.a. 1997
  • M. Wolff: Geschichte der Impetustheorie. Untersuchung zum Ursprung der klassischen Mechanik. Frankfurt 1978.

KJG

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Herausgegeben von Peter Prechtl (†) und Franz-Peter Burkard.

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