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Metzler Lexikon Philosophie: Sokratisches Gespräch, sokratisch-platonischer Dialog

Den Ursprung des S.G.s bilden die Sokratikoi logoi, die argumentativen Zwiegespräche, die Sokrates in der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. mit Bürgern Athens – jungen Männern, Intellektuellen (Sophisten), Politikern und Handwerkern – auf dem Marktplatz führte. Aufgrund seiner kritischen Distanzierung von der normativen Autorität der Institutionen im Dialog, kann Sokrates als Begründer der Meta-Institution des argumentativen Diskurses bzw. der Kritik aufgefasst werden. Wenngleich von Sokrates selbst nichts Schriftliches überliefert ist, erhielten seine Dialoge bei den Sokratikern vielfältige literarische Fassungen, von denen jedoch nur diejenigen Platons und Xenophons erhalten sind. Die Dialoge Platons, in denen Sokrates als bestimmender Gesprächsführer auftritt, haben für den Begriff und die Methode der Philosophie ebenso herausragende wie wirkungsmächtige Bedeutung erlangt. Sie sind getragen von der argumentativen Suche nach Wahrheit. Im Dialog Gorgias legt Sokrates das Wissen des Wahren (Episteme) und das wahrhaftige Äußern der eigenen Einsichten und Zweifel als den wesentlichen Unterschied der Philosophie zur Rhetorik bzw. Eristik dar, für die der Glaube des Plausiblen und Angenehmen (Doxa) und die Täuschung der Gesprächspartner kennzeichnend sei. Die den Sokratischen Dialogen zugrundeliegende vernunftkritische Einstellung kommt im sog. Logos-Grundsatz des Sokrates zum Ausdruck: »Denn nicht jetzt nur, sondern schon immer habe ich ja das an mir, daß ich nichts anderem von mir gehorche, als dem Logos, der sich mir bei der Untersuchung als der beste zeigt« (Kriton, 46 b). Mit ihm unterstellte Sokrates sich und seine Gesprächspartner dem Gebot einer autonomen Vernunftorientierung, die sich nicht von bloßer Tradition, von verbreiteten Vorurteilen, von der Meinung der Menge, von Gefühlen, von Autoritäten usw. leiten lässt. In seinen mittleren und – deutlicher noch – in seinen späten Dialogen ordnet Platon das sokratisch-dialogische Denken der Theoria als der kontemplativen Schau der ewigen Ideen unter und führt damit das Paradigma der einsamen, akommunikativen Erkenntnis ein. Die Dialogform erscheint hier lediglich als Illustrationsmittel der monologisch aufgefassten Methode der Dialektik, die mittels der Unterscheidung des Wahren und Falschen die Schau der Ideen vorbereitet. Hierbei verhilft die Geburtshelferkunst (Mäeutik) des Sokrates einer mit sich selbst im Zwiegespräch stehenden Seele zur Erkenntnis, indem sie ihr den Weg der Wiedererinnerung (Anamnesis) zu dem ihr immer schon innewohnenden Wissen weist. In den frühen Dialogen Platons steht noch die ursprüngliche, kommunikativ orientierte Denkweise des historischen Sokrates im Vordergrund. Diese genuin sokratischen Dialoge stellen zum erstenmal in der abendländischen Philosophiegeschichte ausdrücklich die Frage nach dem geltungslogisch Allgemeinen als solchem, nach dem allgemeinen Wesen menschlicher Handlungs- und Lebensweisen. Die Untersuchung der sokratischen »Was ist-Frage« (z.B. »Was ist Frömmigkeit?«, »Was ist Tapferkeit?«) endet gewöhnlich ergebnislos – in einer Aporie. In jene treibt Sokrates seine Gesprächspartner mittels des indirekten Beweisverfahrens der Elenktik, eines Verfahrens der sinnkritischen Prüfung aufgestellter Behauptungen durch das Erinnern der Gesprächspartner an ihr widersprechende frühere Behauptungen, aus denen sie scheinbar hervorgehen (Reductio ad absurdum). Hierbei ist es für das Gelingen der Argumentation entscheidend, dass es sich um echte Überzeugungen handelt, die tief im Leben der Gesprächspartner verankert sind. S.G.e basieren auf dem Postulat einer Kohärenz von Leben und Wissen. An die Stelle dieses Postulats tritt in modernen Diskurstheorien (Apel, Habermas), für die das S. G. Paradigma ist, das Postulat der pragmatischen Konsistenz, der Widerspruchsfreiheit zwischen dem Aussageteil einer Behauptung (Propositionaler Gehalt) und den Voraussetzungen (Präsuppositionen), die für die performative Praxis des Behauptens konstitutiv sind. Indem die Diskurstheorie die reflexive Orientierung der S.G.e kommunikationsphilosophisch erneuert, transformiert sie die sokratische Elenktik zum diskursreflexiven Verfahren der strikten Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit sinnvollen Argumentierens (Argumentationstheorie). Zu diesen Bedingungen gehört die Orientierung an der regulativen Idee des herrschaftsfreien Diskurses und des idealen Konsenses (Konsenstheorie), die in der Idee des S.G.s vorgebildet sind. Die Realisierungsform des S.G.s hat in der Geschichte der Philosophie und Pädagogik viele, dessen Idee größtenteils verfälschende, Umgestaltungen erfahren. Die ursprüngliche Idee des S.G.s hat L. Nelson zu Beginn des 20. Jh. in seinem sokratischen Gesprächsmodell wieder aufgenommen und in Form einer allgemeinen Methode des (philosophischen) Unterrichts erneuert. Seine Schüler, insbesondere G. Heckmann, haben die sokratische Lehr- und Lernmethode in den nachfolgenden Jahrzehnten – seit einigen Jahren im Rahmen der Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren – weiterentwickelt. Kennzeichnend für das neo-sokratische Gesprächsmodell ist vor allem die weitgehende Aufhebung der asymmetrischen Kommunikationsbedingungen des klassischen sokratischen Dialogs und seine Umgestaltung zu einem Gruppengespräch. An die Stelle eines Sokrates, der zumeist die einseitige Rolle des suggestiv Fragenden und des inhaltlichen Lenkers des Gesprächs innehat, tritt der sich inhaltlich zurückhaltende, jedenfalls keine inhaltliche Vorzugsposition beanspruchende, Leiter eines Gruppengesprächs, der den Teilnehmern dabei behilflich ist, in möglichst gleichberechtigter Argumentation einen rationalen Konsens zu erreichen.

Literatur:

  • K.-O. Apel: Das Sokratische Gespräch und die gegenwärtige Transformation der Philosophie. In: D. Krohn u. a. (Hg.): Das Sokratische Gespräch. Ein Symposion. Hamburg 1989. S. 55–77
  • G. Heckmann: Das sokratische Gespräch. Frankfurt 1993
  • D. Horster: Das Sokratische Gespräch in Theorie und Praxis. Opladen 1994
  • C. H. Kahn: Socratic Dialogues. Art. in: A. Craig (Hg.): Routledge Encyclopedia of Philosophy. A.a.O., S. 19 ff
  • D. Krohn u. a. (Hg.): Diskurstheorie und Sokratisches Gespräch. Frankfurt 1996
  • D. Krohn: Theorie und Praxis des Sokratischen Gesprächs. In: K. R. Lohmann/Th. Schmidt: Akademische Philosophie zwischen Anspruch und Erwartung. Frankfurt 1998. S. 119–132
  • D. Krohn u. a. (Hg.): Das Sokratische Gespräch. Möglichkeiten in philosophischer und pädagogischer Praxis. Frankfurt 1999
  • R. Loska: Lehren ohne Belehrung. Leonard Nelsons neosokratische Methode der Gesprächsführung. Bad Heilbrunn 1995
  • L. Nelson: Die sokratische Methode. Kassel 1996
  • U. Siebert: Das Sokratische Gespräch: Darstellung seiner Geschichte und Entwicklung. Kassel 1996.

HGR/JPB

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Herausgegeben von Peter Prechtl (†) und Franz-Peter Burkard.

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