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Lexikon der Psychologie: Norm

Norm, im Sinne sozialer Normen (im Unterschied z.B. zu deskriptiv-statistischen Normen, mit denen der Durchschnitt oder der Regelfall gemeint ist) die Kennzeichnung zur Beschreibung von Verhaltensregelmäßigkeiten (wie z.B. Sitten und Gebräuche) – deskriptiver Normenaspekt – oder aber Maßstab zur Beurteilung von Verhaltensweisen bzw. Vorschriften – proskriptiver Normenaspekt – , wobei auf Abweichungen im allgemeinen mit Sanktionen und auf Befolgungen mit Gratifikationen reagiert wird. Normverletzungen werden erst außerhalb bestimmter Toleranzgrenzen sanktioniert, wobei je nach Verbindlichkeit der Norm, dem Ausmaß der geforderten Konformität der Norm gegenüber und der Stringenz der sozialen Kontrolle der Bereich der sanktionsfreien Normverletzung unterschiedlich ist.
Als Normadressaten werden diejenigen Individuen oder Gruppen bezeichnet, die sich traditionell, konsensuell, freiwillig oder unter Zwang den Normen untergeordnet haben, die ein Normsender, der zur Umsetzung der Normen über hinreichend Macht und Einfluß verfügt, in schriftlicher Form kodifiziert hat oder als implizite Standards in Form von Sitten und Gebräuchen kontrolliert.
Die Klassifikation sozialer Normen (Fischer & Wiswede, 1997) in institutionalisierte und informelle, in private und öffentliche ist nicht näher erklärungsbedürftig; universalistische vs. partikularistische unterscheiden sich danach, ob sie für alle Mitglieder eines Systems oder für Subgruppen privilegierter Personenkreise gelten. Kondukte Normen unterscheiden sich von disjunkten Normen danach, ob Nutznießer und Zielakteure identisch sind (z.B. bei den Normen des angemessenen Autofahrens) bzw. verschieden sind (Eltern verbieten ihren Kindern den Konsum von Rauschgift). Normkonflikte, z.B. bei innerfamilialer Gewalt, Sterbehilfe oder “Tyrannenmord”, verweisen auf die zeitliche und situative Kontextabhängigkeit der Geltung von Normen, verdeutlichen darüber hinaus die Wandelbarkeit von Normensystemen und die nicht vollständig auszuschließende Widersprüchlichkeit oder Unvereinbarkeit von Normen in konkreten Handlungssituationen.
Vor allem in den Theorien abweichenden Verhaltens bei Untersuchungen zu Normverletzungen, aber auch in Arbeiten zum Kulturvergleich (Eckensberger & Zimba, 1997) wird deutlich, einen wie weitreichenden Einfluß Normen auf unseren Alltag haben, wie sehr sich einzelne Normen wandeln, während andere relativ stabil bleiben und wie sie innerhalb eines kulturellen Systems an die in ihrer Geltung als übergeordnet angesehenen Werte geknüpft sind.
Die Entstehung sozialer Normen in Gruppen wurde innerhalb der Sozialpsychologie experimentell schon früh in den Experimenten von M. Sherif (1936) untersucht, in denen gezeigt werden konnte, daß Personen relativ schnell bereit sind, sich in ihren Schätzurteilen der Mehrheit anzuschließen.
Als Beleg für die Stabilität und Änderungsresistenz von Normen wird die sog. Bennington-College Studie von Newcomb (1943) verwendet. Die 1935 am Bennington-College begonnene Untersuchung zeigte einen deutlichen Einfluß der liberalen Erziehungsnormen auf die eher aus konservativen Elternhäusern stammenden 600 Studentinnen, – ein Einfluß, der auch nach 25 Jahren noch nachweisbar gewesen sein soll. Selbst nach ca. 50 Jahren ließen sich im politischen Wahlverhalten der Ehemaligen deutlich die Wirkung der Referenzgruppe ihres College auf ihre politischen Einstellungen nachweisen, wenn man der 1951 publizierten Nachuntersuchung von Alwin, Cohen und Newcomb folgt.
Sowohl in der Theorie des geplanten Verhaltens wie auch in der Theorie des überlegten Handelns (Handlung) sind soziale Normen, definiert als Erwartungen relevanter anderer Personen an mein Verhalten, neben den Einstellungen und den Verhaltensintentionen die entscheidenden Verhaltensprädiktoren und haben sich in dieser Funktion empirisch sehr bewährt. Erklärungen für hilfreiches Verhalten (Hilfeverhalten) liefern u.a. der Verweis auf die Geltung einer Norm der Reziprozität oder auf die Norm der sozialen Verantwortlichkeit.
Versteht man unter Normen Erwartungen an das Verhalten anderer Gruppen oder Gruppenmitglieder, dann wird unmittelbar die enge Beziehung zwischen Stereotypen, Vorurteilen und Normen deutlich, da auch Stereotype und Vorurteile in vielen Fällen nichts anders sind als Versuche, diejenigen Verhaltensweisen von den Mitgliedern der outgroup gezeigt zu bekommen, die man erwartet hat und die Teil des Stereotyps bzw. Vorurteils sind.
Wird das Verhalten allein von den situativ geltenden Gruppennormen beeinflußt und das eigene Verantwortungsbewußtsein (Verantwortung) zusätzlich durch starke physische Erregung aktiviert (Musik, Alkohol etc.), dann kann es zur De-individuierung kommen, die einen erheblichen Kontrollverlust zur Folge haben kann und zur Beteiligung an Aktionen führen kann, die der Einzelne zwar als integraler Bestandteil der Gruppe ausführt, nicht jedoch unter den Bedingungen selbstkontrollierten Verhaltens.
Auch die ebenso spektakulären wie bekannten Ergebnisse der Gehorsamkeitsstudien (Milgram-Experiment) zeigen die Bedeutung der Norm, den Anordnungen von Autoritäten Folge zu leisten. In vielen Einzeluntersuchungen und in weltweit wiederholten Studien konnte gezeigt werden, daß Personen, die in einer fiktiven Schüler-Lehrer-Situation in der Rolle des Lehrers immer stärkere Elektroschocks (bis zur letalen Dosis) austeilen sollten, wenn der “Schüler” in einem Assoziationsexperiment Fehler gemacht hatte, allein auf die bloße Aufforderung hin, das Experiment fortzuführen, weiterhin Elektroschocks bis zu einer Höhe von 450 Volt austeilten

B.S.

Literatur
Amelang, M.(1986). Sozial abweichendes Verhalten. Berlin: Springer.
Eckensberger, L.H. & Zimba, R.F. (1997). The development of moral judgement. In. Fischer, L. & Wiswede, G. (1997). Grundlagen der Sozialpsychologie. München: Oldenbourg.
Lamnek, S. (1988). Theorien abweichenden Verhaltens. München: Fink.
De Ridder, R. & Tripathi, R.C. (1992). Norm violation and intergroup relations. Oxford, UK: Clarendon Press.
Sherif, M. (1936). The psychology of social norms. New York: Harper and Bros.

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  • Die Autoren
Gerd Wenninger

Die konzeptionelle Entwicklung und rasche Umsetzung sowie die optimale Zusammenarbeit mit den Autoren sind das Ergebnis von 20 Jahren herausgeberischer Tätigkeit des Projektleiters. Gerd Wenninger ist Mitherausgeber des seit 1980 führenden Handwörterbuch der Psychologie, des Handbuch der Medienpsychologie, des Handbuch Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz sowie Herausgeber der deutschen Ausgabe des Handbuch der Psychotherapie. Er ist Privatdozent an der Technischen Universität München, mit Schwerpunkt bei Lehre und Forschung im Bereich Umwelt- und Sicherheitspsychologie. Darüber hinaus arbeitet er freiberuflich als Unternehmensberater und Moderationstrainer.

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