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Lexikon der Psychologie: Pflegemanagement

Pflegemanagement, Organisation des Pflegewesens ( Abb. ). Zu den vorrangigen, äußerst schwierigen Aufgaben eines modernen Pflegemanagements gehört es, die Transformation der Pflege von einem vormodernen Berufszuschnitt zu einem modernen Dienstleistungsberuf zu steuern und zu gestalten. In Zeiten eines tiefgreifenden Umbruchs in den individuellen, kollektiven und gesellschaftlichen Grundstrukturen der Moderne sind damit neue Weltbilder, neue Menschenbilder, neue Bilder der Arbeit verbunden. Die Diskussion um ein neues Menschen- und Mitarbeiterbild der Pflege hat längst begonnen; gefordert werden heute aktive, konzeptionell und zielbezogen denkende Akteure im deutschen Gesundheitssystem, die sich den Leitlinien moderner Arbeitsgestaltung in einer Zivilgesellschaft verpflichtet fühlen, einer Gesellschaft engagierter “sich einmischender Individuen” (Beck). Dieser Bürger im Betrieb ist für die Mitgestaltung seiner Arbeitswelt, hier der “Arbeitsorganisation Pflege”, dann aber auch mitverantwortlich. Hiermit wird der Weg zu einer offenen demokratischen Zivilgesellschaft anvisiert, die das Pflegemanagement vor vollkommen neue Aufgaben und Herausforderungen stellt. Trotz zunehmender Tendenzen zu Ökonomisierung, Rationalisierung und Marktorientierung im Gesundheitswesen wird als grundlegende Leitlinie für ein zeitgemäßes Pflegemanagement Humanität für alle Beteiligten und Betroffenen gefordert. Dies erfolgt in Anlehnung an die WHO-Deklaration von Alma-Ata (1978) und der Maxime “Gesundheit für alle” der “Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung” (1986) und deren Fortschreibung in den weltweiten Leitbildern zu nachhaltiger Gesundheit und Entwicklung in “Health 21” und “Agenda 21”. In diesen Programmen und Resolutionen der WHO wird ein neuer erweiterter Gesundheitsbegriff und ein neues Verständnis von Gesundheit propagiert, das am Ressourcen-Konzept des Medizinsoziologen Antonovsky ansetzt und von der Pathogenese zum Konzept der Salutogenese führt. Diese Leitlinien der WHO haben weitreichende Auswirkungen auf alle Gesundheitsberufe und erfordern einen umfassenden Bewußtseinswandel hin zu einer neuen Gesundheitskultur und einer neuen Kultur des Helfens (SBG XI, § 8). Inbesondere das professionelle Handlungsfeld Pflege ist davon betroffen, das bisher häufig durch das Bild der helfender Hände, karitativer Nächstenliebe und Aufopferung beschrieben wurde. Die politische Schwerpunktsetzung des Vorrangs von ambulanter vor stationärer Versorgung sowie die Einführung der Pflegeversicherung stellen vielfältige neue Anforderungen an die Mitarbeiter der Pflege. Zu den Aufgaben des pflegerischen Managements gehört es deshalb vorrangig, ein geistiges Klima für den notwendigen Bewußtseinswandel von “ausführender” zu “gestaltender Handlungsorientierung”, von “anstaltlicher” zu “sozial-unternehmerischer Pflegeorganisation” (Landenberger) herzustellen und dafür diskursive Kommunikationsforen zur Verfügung zu stellen. Unternehmerisches, marktorientiertes, wirtschaftlich eigenverantwortetes Denken und Handeln sind neue Aufgabenstellungen und Herausforderungen. Selbstorganisation und Gestaltungsverantwortung rücken ins Blickfeld. Die Aufgabe des Pflegemanagements besteht in der Wandlung traditioneller Strukturen, die bisher auf der Idee der exakten Planung und Kontrolle beruhten (Maschinenmythos der Organisation). Ein neues systemisches Denken, auch im Pflegemanagement, ist erforderlich, um Gesundheits- und Krankheitsbewältigungsprozesse in den mikropolitischen Arenen des Gesundheitssystems mitzusteuern und proaktiv mitzugestalten, die sich von einer zentralen Steuerung des Gesundheitswesen topdown abwendet. Patienten, Konsumenten, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Gesundheitsberufe werden heute als Koproduzenten in ergebnisorientierte Dienstleistungsprozesse eingebunden. Patientenorientierung, Konsumentenorientierung und Ergebnisorientierung sind neue Schlüsselkategorien berufsübergreifender Versorgungskonzepte. Aufgabe des Pflegemanagements ist es, zu einer effizienten Gestaltung des Gesundheitssystems, zur Produktion von möglichst viel Gesundheit für die gesamte Bevölkerung beizutragen. Der programmatische Ansatz “Reflexive Modernisierung des Pflegemanagements” (Borsi & Schröck, 1995) stellt die Aufgabe, den Entstehungszusammenhang des gesellschaftlichen, betrieblichen und individuellen Netzwerkes Pflege auf den Zusammenhang zwischen Wertewandel, Modernitätskrise, Pflegephilosophie und -kultur kontinuierlich zu analysieren und gegebenenfalls zu revidieren (“institutionalisierte Reflexivität”). Die Transformation der Pflege kann nur bei einer gleichzeitigen Transformation des Pflegemanagements gelingen, das seine eigenen managementtheoretischen Grundlagen zwischen Humanität, Qualität und Wirtschaftlichkeit reflektiert.

Ga.Bo.

Literatur
Borsi, G & Schröck, R. (1995). Pflegemanagement im Wandel. Perspektiven und Kontroversen. Heidelberg: Springer.



Abb. Pflegemanagement. Das Pflegemanagement im Spannungsfeld gesellschaftlicher, betrieblicher und individueller Einflußgrößen.

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  • Die Autoren
Gerd Wenninger

Die konzeptionelle Entwicklung und rasche Umsetzung sowie die optimale Zusammenarbeit mit den Autoren sind das Ergebnis von 20 Jahren herausgeberischer Tätigkeit des Projektleiters. Gerd Wenninger ist Mitherausgeber des seit 1980 führenden Handwörterbuch der Psychologie, des Handbuch der Medienpsychologie, des Handbuch Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz sowie Herausgeber der deutschen Ausgabe des Handbuch der Psychotherapie. Er ist Privatdozent an der Technischen Universität München, mit Schwerpunkt bei Lehre und Forschung im Bereich Umwelt- und Sicherheitspsychologie. Darüber hinaus arbeitet er freiberuflich als Unternehmensberater und Moderationstrainer.

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