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Lexikon der Psychologie

Sozialisation

Sozialisation, das Hineinwachsen in soziale Beziehungsnetze. Das theoretische Konzept der menschlichen Sozialisation entstand in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vor allem in den USA aus einer Verbindung lerntheoretischer, soziologischer und kulturanthropologischer Ansätze (Soziologie). Dabei betrachtete man zunächst die menschliche Entwicklung aus der gesellschaftlichen Perspektive eines sozialen Eingliederungsprozesses, dem das Individuum weitgehend passiv ausgesetzt ist. Ein solches mechanistisches Verständnis des Sozialisationsprozesses wurde durch Konzepte abgelöst, nach denen das Individuum durch eine aktive Auseinandersetzung mit anderen Personen spezifische, sozial relevante Verhaltensweisen und Erfahrungen erwirbt. Aus sozialisationstheoretischer Sicht wird heute die Gesamtheit dieses "Mitglied-Werdens in einer Gesellschaft” als ein wechselseitiger Vorgang angesehen, als Prozeß der Konstituierung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von und in kontinuierlicher Auseinandersetzung mit der sozialen und dinglich-materiellen Umwelt einerseits und der biophysischen Struktur des Organismus andererseits".
Dieser Prozeß beinhaltet also sowohl passive Momente im Sinne einer Anpassung an Normen und/oder Rollen (Vergesellschaftung) als auch eine aktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen und Forderungen (Individuierung). Sozialisation ist ein sozialer Lernprozeß, der sowohl durch lerntheoretische, psychoanalytische als auch entwicklungspsychologische Mechanismen erklärt werden kann. Die Theorie des sozialen Lernens beschreibt den Sozialisationseffekt als eine auf einer generalisierenden Erwartung basierende Handlungsform, die im Umgang mit den Sozialisanden (Eltern) erworben wird. Die Orientierung an Wertvorstellungen, Normen oder Rollenerwartungen kann zum einen durch externe soziale Kontrolle geschehen. D.h., Gebote und Verbote werden eingehalten, weil externe soziale Instanzen das Verhalten sanktionieren (können) (Werte). Diese Situation fördert das Vermeidungslernen, um sich den erwarteten oder angedrohten Sanktionen entziehen zu können. Zum anderen wird die Einhaltung von Geboten und Verboten durch interne soziale Kontrolle bewirkt. Dieses bedeutet, daß Werte und Normen internalisiert wurden und somit zu einem Persönlichkeitsbestandteil geworden sind. Zusammen mit den Verhaltensmustern werden dabei auch die Sanktionsinstanzen internalisiert, so daß ein Individuum sich selbst bestrafen oder belohnen kann. Sozialisationseffekte sind somit einerseits die Verhaltenskonformität (offen) und andererseits die Einstellungskonformität (verdeckt) (Konformität). In Abhängigkeit vom Grad des internalisierten Verhaltens variieren auch die Gefühlszustände für abweichendes Verhalten. Bei externer Kontrolle tendiert ein Individuum zu Scham und Vermeidungslernen, bei interner sozialer Kontrolle zu Schuldgefühlen oder Ärger und Wut.

Ma.Pe./Ru.Mi.

Literatur
Hurrelmann, K. & Ulich, D. (Hrsg.). (1991). Neues Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim: Beltz.

  • Die Autoren
Gerd Wenninger

Die konzeptionelle Entwicklung und rasche Umsetzung sowie die optimale Zusammenarbeit mit den Autoren sind das Ergebnis von 20 Jahren herausgeberischer Tätigkeit des Projektleiters. Gerd Wenninger ist Mitherausgeber des seit 1980 führenden Handwörterbuch der Psychologie, des Handbuch der Medienpsychologie, des Handbuch Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz sowie Herausgeber der deutschen Ausgabe des Handbuch der Psychotherapie. Er ist Privatdozent an der Technischen Universität München, mit Schwerpunkt bei Lehre und Forschung im Bereich Umwelt- und Sicherheitspsychologie. Darüber hinaus arbeitet er freiberuflich als Unternehmensberater und Moderationstrainer.

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