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Lexikon der Psychologie: suggestive Fragetechniken

suggestive Fragetechniken, führen zur Verfälschung von Erinnerung und Aussagen; Verfälschung wird im Zusammenhang mit der Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen hauptsächlich als Folge von Suggestivfragen angesehen. Sie spielen eine verhängnisvolle Rolle bei den Aufdeckungsgesprächen (Aufdeckungsarbeit) mit Kindern über mutmaßliche sexuelle Mißbrauchserfahrungen (sexueller Mißbrauch) und führen durch die Anwendung suggestiver Frage- und Untersuchungstechniken in der Regel zu der Bestätigung für bereits vorgefaßte Meinungen. Zu den Fragen mit hohem Suggestivpotential gehören die sogenannten Vorhaltfragen, bei denen dem Zeugen eine Information gegeben wird, über die er bisher nicht gesprochen hat, um eine bestimmte Antwortrichtung zu erreichen. (Beispiel: “Haben Sie gesehen, mit welchem Auto der Täter sich vom Tatort entfernt hat?”, bevor der Zeuge ein Auto in seiner Aussage erwähnt hat) (Arntzen, 1993). Solche Informationen können auch durch die Formulierung der Frage mitgeteilt werden: Beispiel: In einem bekannten Experiment wurde bei der Frage nach der Schätzung der Geschwindigkeit eines Fahrzeugs beim Aufprall das Wort “Zusammenstoßen” durch das Wort “Zusammenkrachen” ersetzt, was erhebliche Auswirkungen auf die Schätzung der Geschwindigkeit des Fahrzeuges hatte.
Für Kinder haben sogenannte Ja-Nein-Fragen eine hohe Suggestivwirkung, wobei insbesondere jüngere Kinder motiviert sind, auf Fragen eines Erwachsenen bejahend zu reagieren (Ja-Sage-Tendenz). Piaget stellte fest, daß durch suggestive Fragen einerseits und durch die Bereitschaft des Kindes, den Erwachsenen “zufriedenzustellen”, es zu sogenannten “suggerierten Überzeugungen” kommt. Sehr effizient im Sinne der Verfälschung von Erinnerungsleistungen und Aussagen ist z. B. auch die Vermittlung eines Negativ-Bildes (Stereotype) eines Beschuldigten. Es führt dazu, daß Wahrnehmungen und Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Beschuldigten die Tendenz haben, mehr und mehr mit dem Negativ-Bild von ihm übereinzustimmen, und es kann so zu einer wirklichkeitsfernen Häufung belastender Aussagen kommen.
Wiederholte Befragungen und Fragewiederholungen erwecken besonders bei Kindern den Eindruck, beim ersten Mal nicht die “richtige” Antwort gegeben zu haben, und führen zu der Tendenz, jene Antwort zu geben, von der sie glauben, daß sie die richtige ist und der Erwachsene sie hören will. Besonders groß ist der suggestive Einfluß nachträglich irreführender Informationen über den fraglichen Sachverhalt. Risiko und Wahrscheinlichkeit der Verfälschung der Aussage sind deswegen besonders hoch, weil es leicht zu Unsicherheiten über die Zuordnung der Informationen zu ihren richtigen Quellen kommen kann. Das heißt, der Aussagende kann nicht mehr zuverlässig zwischen Selbsterlebtem und nachträglich erhaltenen Informationen unterscheiden. Er neigt daher mehr und mehr dazu, nachträglich ihm mitgeteilte Sachverhalte als Selbsterlebtes zu schildern. Auch die Verstärkung (Bestätigung, Lob oder Anerkennung) bestimmter Aussagen oder Aussagerichtungen können zu einer Verzerrung und Verfälschung von Erinnerungsleistungen führen. Das gleiche gilt für den sogenannten Konformitätsdruck, der dadurch entsteht, daß einem Zeugen die Aussagen anderer Personen mitgeteilt werden und er bewußt oder unbewußt eine Bereitschaft entwickelt, seine Aussagen an die der anderen anzugleichen.
Die Wahrscheinlichkeit erheblicher suggestiver Beeinflussung durch einen Erwachsenen ist besonders groß bei Kindern, die z. B. bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch von ihrem Elternhaus getrennt wurden und sich in einem psychisch destabilisierten Zustand befinden. Emotionalen Halt und Zuwendung suchen sie dann bei jenen Erwachsenen, die sie umgeben. Wenn diese zugleich in der Rolle des Befragenden auftreten, entwickeln Kinder eine Bereitschaft, ihr Aussageverhalten an den vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen der Erwachsenen zu orientieren.
Die Lebensfremdheit experimenteller Studien zur Untersuchung der Wirkungen suggestiver Beeinflussung ist seit Beginn der 80er Jahre weitgehend überwunden. Der empirischen Forschung gelingt es mehr und mehr, durch wirklichkeitsnahe experimentelle Untersuchungen Risiko, Wahrscheinlichkeit und Ausmaß suggestiver Beeinflussung auf die kognitiven Prozesse eines Menschen aufzuhellen.

B.Scha.

Literatur
Arntzen, F. (1993). Psychologie der Zeugenaussage. Systematik der Glaubwürdigkeitsmerkmale (3. Aufl.). München: Beck.

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  • Die Autoren
Gerd Wenninger

Die konzeptionelle Entwicklung und rasche Umsetzung sowie die optimale Zusammenarbeit mit den Autoren sind das Ergebnis von 20 Jahren herausgeberischer Tätigkeit des Projektleiters. Gerd Wenninger ist Mitherausgeber des seit 1980 führenden Handwörterbuch der Psychologie, des Handbuch der Medienpsychologie, des Handbuch Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz sowie Herausgeber der deutschen Ausgabe des Handbuch der Psychotherapie. Er ist Privatdozent an der Technischen Universität München, mit Schwerpunkt bei Lehre und Forschung im Bereich Umwelt- und Sicherheitspsychologie. Darüber hinaus arbeitet er freiberuflich als Unternehmensberater und Moderationstrainer.

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