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Gesellschaft: Access

Das Verschwinden des Eigentums
Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden, Aus dem Englischen von Klaus Binder und Tatjana Eggeling. Campus, Frankfurt am Main 2000. 424 Seiten, DM 49,80


Car-sharing kommt zunehmend in Mode. Privatleute geben den belastenden Besitz eines Autos auf und ziehen es vor, bei Bedarf auf unkomplizierte Weise eins zu mieten. Unternehmen trennen sich von Grund- und Anlagenbesitz und leasen ihre Produktionsmittel, um flexibler auf die immer heftigeren Schwankungen des Marktes reagieren zu können. Software und Rechnerleistung werden nicht mehr gekauft, sondern bei Bedarf gegen Gebühr über das Internet abgerufen. Das Gleiche gilt für Musik-CDs, Spielfilme und überhaupt Kunstwerke aller Art. Die Amerikaner wohnen zunehmend zur Miete, weil der Erwerb eines eigenen Hauses nicht mehr lohnt; zu kurz ist die Zeit geworden, die man beruflich an einem Ort zu verbringen pflegt.

Jeremy Rifkin, Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, hat es zu seinem Beruf gemacht, diese Einzelerscheinungen und einige mehr – die zu einem wesentlichen Teil noch Zukunftsmusik sind – in ein Gesamtbild zu fügen: Bislang war Eigentum, nicht nur an Produktionsmitteln, sondern auch an langlebigen Konsumgütern, das Ziel aller wirtschaftlichen Tätigkeit. Durch den rasanten technischen Fortschritt – vor allem das Internet, was sonst? – verliert es zunehmend seine zentrale Bedeutung. Was die wirtschaftlich Bedeutenden von den Unbedeutenden trennt, ist nicht mehr der Besitz irgendwelcher Sachwerte, sondern der access, der Zugang zu den häppchenweis zu vergebenden immateriellen Gütern: Internetanschluss, Kreditkartenvertrag, Servicevertrag für den Computer, Mitgliedschaft in einem Videoclub, Abonnement fürs Bezahlfernsehen.

An die Stelle des Kaufes, einer kurzen Transaktion, deren Beteiligte sich im Regelfall nicht wieder begegnen, tritt eine langfristige Beziehung nach Art eines Wartungsvertrages. Ziel eines Unternehmens ist es nicht mehr, gute Einzelgeschäfte zu machen, sondern den Kunden langfristig an die eigene Firma zu binden. Große Medienkonzerne taxieren ihre Kunden bereits nach LTV, life time value, das ist der Umsatz, der aus dem jeweiligen Kunden während seiner Restlebenszeit noch herauszuholen ist.

Auf der anderen Seite setzen sich die Leute andere Lebensziele. Es geht nicht mehr darum, Besitz anzuhäufen (und insbesondere anderen dessen Nutzung zu verwehren), sondern von den reichlich angebotenen Mietgütern – Reisen, Fußballspiele, kulturelle Ereignisse aller Art – den vorteilhaftesten Gebrauch zu machen: Nicht haste was, sondern erlebste was, dann biste was. Persönliche Beziehungen werden zahlreicher, weniger intensiv und vor allen Dingen über das Netz vermittelt. Die kommerzielle Sphäre verleibt sich die kulturelle und die persönliche mit ein.

Rifkin versucht seine Botschaft durch zahlreiche Wiederholungen und Zitate eindringlich zu machen (die Lektüre der deutschen Fassung ermüdet zusätzlich wegen der zahlreichen Anglizismen); aber er bleibt gegenüber seinen eigenen Prophezeiungen merkwürdig indifferent. Dabei hat er durchaus Horrorgeschichten zu erzählen. So versuchen zur Zeit große Nahrungsmittelkonzerne, Saatgut von einer käuflichen Ware zu einer bei jeder Nutzung erneut zu bezahlenden Dienstleistung zu machen, und verleihen dieser Geschäftspolitik mit Hilfe der Gentechnik Nachdruck: Sie bauen in ihre Produkte ein unfruchtbar machendes Gen ein, dessen Wirkung nur durch Besprühen mit einer bestimmten Chemikalie aufgehoben wird. Wenn sich diese Technik durchsetzt, wird sie zweifellos, wie Rifkin schreibt, Millionen Bauern auf der ganzen Welt in ihrer Existenz bedrohen.

Auch bei jeder medizinischen Nutzung der Gentechnik wird eine Firma, die ein Patent auf das entsprechende Gen hat, die Hand aufhalten, und wenn diese Gentherapie mein Leben zu retten verspricht, habe ich wenig Möglichkeiten, durch Drohung mit Konsumverzicht den Preis zu drücken.

Je genauer man sich jedoch Rifkins Szenario anschaut, desto weniger überzeugend sieht es aus. Das "Verschwinden des Eigentums" ist in Wirklichkeit eine Verschiebung des Eigentums, und zwar ganz marxistisch vom Einzelnen in die Hände anonymer Großkonzerne; denn nur wer – geistiges – Eigentum besitzt, kann es in kleinen Brocken gebührenpflichtig unters Volk streuen. Dass eine gesellschaftliche Trennlinie nicht mehr zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen, sondern zwischen denen mit access und denen ohne verlaufen werde, das kann ja sein, ist aber belanglos, denn beide Trennlinien verlaufen ziemlich genau gleich. Wer nicht weiß, wie er seine Ernährung bezahlen soll, den kümmert es wenig, dass er zu Miet-Erlebnissen aller Art auch keinen Zugang hat.

Die wirklich üblen Folgen, die Rifkin an die Wand malt, sind nur denkbar unter den Bedingungen eines sehr monopolistischen Kapitalismus. Wie käme ich freiwillig und bei klarem Verstande dazu, mich auf einen lebenslänglichen Wartungs- und Betreuungsvertrag mit meinem Internet-Provider, meiner Bank, meinem Musikgeschäft, meinem Vermieter oder einer Firma, die alles zugleich ist, einzulassen? Wozu der vorzeitige Einzug ins virtuelle Seniorenheim, wenn es auch anders geht? Die Konzentrationstendenz in der Medien- und Softwarebranche ist unübersehbar, und Rifkin ist in ihrer Darstellung sehr aktuell; aber dass es Big Business gelingt, sämtliche CD-Hersteller, die Linux-Gemeinde, jede Menge Shareware-Produzenten und alle traditionellen Saatguthersteller von der Erde zu vertilgen – das übersteigt dann doch meine Vorstellungskraft. Immerhin gibt es ein technisch neues Medium, das seiner Natur nach stark antimonopolistisch ist: das Internet, was sonst.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2001, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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