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Ackerunkräuter - ein Spiegel der landwirtschaftlichen Entwicklung

Der ökonomisch und politisch erzwungene Strukturwandel der Landwirtschaft hat zur Folge, daß nun nach wenigen Jahrzehnten der floristisch uniforme europäische Einheitsacker vorherrscht. Der Verlust an Wildpflanzen dürfte die Ökosysteme der seit der Jungsteinzeit entwickelten Kulturlandschaft weiter destabilisieren.

Unkräuter wecken Emotionen; schon die Bezeichnung ist neuerdings umstritten. Naturschützer nennen sie lieber Wildkräuter oder Ackerbegleitflora. In der botanischen Forschung, die Pflanzen nicht unter dem Aspekt ihrer Beseitigung oder Bekämpfung betrachtet, wird zwar der Begriff trotz seiner negativen Vorsilbe verwendet, aber wertfrei als Terminus technicus.

Wildpflanzen werden nach dieser Sicht zu Unkräutern, wenn sie mehr schaden als nutzen (mäßige Bedeckung des Bodens wirkt beispielsweise der Erosion entgegen und sorgt für Artenvielfalt). Obwohl auch im Gartenbau und in der Forstwirtschaft vorkommend, sollen im folgenden nur solche Arten betrachtet werden, die auf landwirtschaftlichen Flächen von Bedeutung sind und daher traditionell als Ackerunkräuter zusammengefaßt werden (Bild 1).

Diese Pflanzen, die von selbst auf Äckern auftreten und dem Rhythmus der Feldbestellung bestens angepaßt sind, stehen mit den jährlich neu ausgesäten oder anderweitig ausgebrachten Kulturpflanzen im Wettbewerb um Licht, Wasser und Nährstoffe. Je nach Standort kann dabei die eine oder die andere Gruppe im Vorteil sein. Wärme und Nährstoffreichtum beispielsweise begünstigen in der Regel das Getreide. In feuchtkühlen Mittelgebirgsgegenden setzen sich hingegen Unkräuter stärker durch und verursachen mitunter erhebliche Ernteeinbußen. Von einer Bedrohung für die Ernährung, wie sie früher von dieser Pflanzengruppe ausging, kann gegenwärtig jedoch – in Zeiten einer Überproduktion von Agrarerzeugnissen – zumindest in Zentraleuropa nicht mehr die Rede sein. Deshalb ist es auch unzeitgemäß, pauschal eine Schadwirkung aller als Unkräuter zusammengefaßten Wildpflanzen anzunehmen.

Herkunft

In Mitteleuropa breiteten sich Ackerbau und Viehwirtschaft im sechsten Jahrtausend vor Christus aus. Diese neue Lebensform, die den Beginn der Jungsteinzeit kennzeichnet, und die damit einhergehende Seßhaftigkeit brachten die ersten gravierenden Eingriffe für die nach der letzten Vereisung weitgehend wiederbewaldete Naturlandschaft mit sich (Spektrum der Wissenschaft, April 1989, Seite 78). Die mit den damals noch einfachen Geräten am ehesten zu be-arbeitenden Sand- und insbesondere die fruchtbaren Lößböden der Tieflagen wurden zunächst in einer Art Wanderfeldbau genutzt, wie er heute noch in zahlreichen tropischen Regenwaldgebieten üblich ist: Man rodete kleinere Flächen und bestellte sie für wenige Jahre. Mit der Zeit gingen die neolithischen Bauern aber zu einer dauerhaften Nutzung der Fluren über. Viele solcher Altsiedellandschaften sind auch heute noch ausgesprochene Ackerbaugebiete.

Mit der neuen Wirtschaftsform kamen aus Kleinasien über die Balkanhalbinsel auch Ackerunkräuter als Begleiter von Kulturpflanzen nach Mitteleuropa. Allein während der Jungsteinzeit stieg ihre Zahl von 8 auf 120; mit Abschluß der ausgeprägten mittelalterlichen Rodungsphase, in der nahezu alle ackerfähigen Böden unter den Pflug genommen wurden, waren es schließlich mehr als 300 Arten. Später konnten sich – trotz regen Frachtverkehrs mit der Neuen Welt – nur noch wenige Neuankömmlinge etablieren. Rückläufig ist die Artenzahl erst seit Mitte unseres Jahrhunderts.

Viele der heute zu den Ackerunkräutern zählenden Pflanzen gehören zu den alteingebürgerten. Sie stammen vornehmlich aus den Steppengebieten Südosteuropas und des Vorderen Orients, also aus der Heimat der Ursprungsformen der meisten Getreidearten. Daneben treten aber auch zahlreiche Wildpflanzen aus dem mediterranen Raum auf, die offenbar mit der Ausdehnung des Römischen Reiches nach Norden gelangten. Arten, die es bereits vor dem Seßhaftwerden des Menschen in Mitteleuropa gab und von denen die nomadischen Jäger und Sammler manche nutzten, wurden zum Unkraut, als sie ihren Lebensraum auf die durch den Ackerbau geschaffenen Flächen ausdehnten. Bis dahin besiedelten sie Standorte, die in der Naturlandschaft nur sehr kleinflächig auftraten, zum Beispiel Spülsäume an Flußufern, Wildwechsel oder die Umgebung von Tierbauten – Orte, die auch günstige Nährstoffverhältnisse boten.

Konflikt mit der Landwirtschaft

Von jeher bemühten sich die Ackerbauern, die auf den bestellten Flächen spontan auftretenden Wildpflanzen gezielt zu bekämpfen – erkannten sie doch früh, daß diese Arten den Kulturpflanzen in der Ressourcenkonkurrenz überlegen waren. Zur mechanischen Beseitigung mittels Hacken und Jäten kam relativ bald die geschickte Wahl von Fruchtfolgen. Vor allem wirkte die Dreifelderwirtschaft, bei der in jedem Jahr ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche brachfiel und dann beweidet wurde, einer übermäßigen Verunkrautung entgegen. Weil damit die Wuchsbedingungen wechselten, konnten sich einzelne Arten, die an bestimmte Kulturpflanzen gebunden waren, nicht mehr Sommer um Sommer unter für sie günstigen Bedingungen ausbreiten.

Die heutigen sogenannten Problemunkräuter, die Massenbestände bilden können und sowohl Kulturpflanzen wie auch andere Wildkräuter unterdrücken, waren bis zur Flurbereinigung und zur Einführung großflächiger Monokulturen die Ausnahme. Vordem gelegentlich auftretende Herden solcher Arten, wie zum Beispiel der Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense), ließen sich durch regelmäßiges Hacken erfolgreich bekämpfen.

Das damals übliche Ernteverfahren – Schneiden der Feldfrucht mit der Sense, Binden der Garben und Aufhocken auf dem Acker zum Trocknen – hemmte auch die Verunkrautung der Böden. Da das Getreide zum Dreschen auf den Hof transportiert werden mußte, durften die Körner noch nicht so weit ausgereift sein, daß sie auf dem rüttelnden Pferdefuhrwerk ausfielen; geerntet wurde deshalb frühzeitig. Weil dann auch die meisten Unkräuter noch nicht reif waren, fiel nur ein geringer Anteil ihrer Samen auf die Felder; der Hauptanteil verblieb im Stroh und kam mit in die Stallstreu. Nur wenige besonders resistente Samen überstanden den anschließenden Verrottungsprozeß auf dem Misthaufen (Haferstroh wurde meist als Häcksel verfüttert und bot mithin noch schlechtere Überlebenschancen). Die auf den Höfen anfallenden Mengen an organischem Dünger genügten gerade, um die Nährstoffverluste der Böden durch das Abernten auszugleichen; nährstoffliebende, starkwüchsige und konkurrenzstarke Unkräuter wurden denn auch nicht wie heute durch Überdüngung gefördert. Andererseits waren die Kulturpflanzenbestände lückig genug, um den zwar artenreichen, aber individuenarmen Ackerunkrautgemeinschaften Lebensraum zu bieten.

Problematisch waren giftige Unkrautsamen, die im Korn verblieben und sich nur unzureichend davon trennen ließen, wie etwa die der Korn-Rade (Agrostemma githago). Leichte Samen flogen beim Drusch zur Spreu; besonders kleine und sehr große konnten ausgesiebt werden. Unter diesen Bedingungen stellte sich ein in Menge und Artenzusammensetzung relativ konstanter Unkrautbesatz der Felder ein (Bilder 2 und 3).

Das änderte sich vor allem mit Einführung des Mähdreschers. Da er nur bei fortgeschrittenem Reifegrad des Getreides optimal arbeitet, mußten die Erntetermine hinausgeschoben werden. Somit konnten zahlreiche Wildpflanzen am Standort aussamen und sich dadurch stärker vermehren. Zudem wird die Spreu gleich auf den Äckern verblasen und damit ein erheblicher Anteil der Unkrautsamen weit verteilt – größere Anstrengungen bei der Bekämpfung waren fortan erforderlich.

Mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft haben sich die Maßnahmen zur Unkrautbekämpfung grundlegend geändert. Agrochemikalien ermöglichen dem Landwirt, praktisch nach Belieben in das Wirkungsgefüge der Ackerökosysteme einzugreifen. Auch wenn man den Einsatz von Herbiziden beschönigend als Steuerung oder Regulierung der Verunkrautung bezeichnet, handelt es sich dabei doch zumeist um eine systematische Vernichtung aller in den Äckern auftretenden Wildpflanzen – und zwar, ohne daß ihr ökonomischer Schaden gegen ihren ökologischen Nutzen abgewogen würde.

Die ökonomische Schadschwelle

Diese Praxis ist auch heute noch weit verbreitet, obwohl seit mehr als zwei Jahrzehnten eine differenzierte Anwendung der Pestizide gefordert wird. Einschlägige Untersuchungen belegen, daß der Einsatz von Herbiziden nur unter bestimmten Voraussetzungen – ab einer bestimmten ökonomischen Schadschwelle – sinnvoll wird: wenn die Unkrautdichte so hoch ist, daß die Bekämpfung mindestens Mehrerträge in Höhe der Kosten gewährleistet.

Dies klingt einleuchtend, und es verwundert, daß solche Kriterien in der Praxis bislang nur wenig berücksichtigt werden. Allerdings läßt sich auch kaum objektiv feststellen, wann diese Schwelle erreicht ist; die Angaben schwanken zwischen 5 und 25 Prozent Bodenbedeckung. Zudem beeinflussen verschiedene Rahmenbedingungen die Ernteerträge bei gleicher Verunkrautung, was die Beurteilung erschwert. Auf guten Böden beispielsweise sind Kulturpflanzen meist konkurrenzfähiger, so daß man dort einen dichteren Unkrautbesatz als auf armen Standorten tolerieren kann. Bei Problemunkräutern wird die Schadschwelle eher erreicht als bei anderen. Die Felder müssen auch über einen längeren Zeitraum beobachtet werden, weil die Samen nicht einheitlich aufgehen; und die Bestimmung von Keimlingen und Jungpflanzen sowie die Beurteilung der Bestandsdichte erfordern einige Übung, wie auch der Vergleich mit dem Entwicklungs- und Vitalitätszustand der Kulturpflanzen. Schließlich ist noch der richtige Zeitpunkt einer eventuellen Bekämpfung zu wählen.

All diese Schwierigkeiten veranlassen den Landwirt in der Regel, Wildpflanzen in seinen Kulturen pauschal präventiv zu bekämpfen. Dabei können als Unkräuter im traditionellen Sinne heute nur noch besonders konkurrenzstarke, zur Bildung von Massenbeständen neigende und schwer niederzuhaltende Arten bezeichnet werden, deren ökologischer Wert ihre ökonomische Schadwirkung nicht aufwiegt. Das sind vor allem Grasarten wie Windhalm (Apera spica-venti), Quecke (Agropyron repens), Flughafer (Avena fatua) und Acker-Fuchsschwanz (Alopecurus myosuroides), im Maisanbau verschiedene Hirsearten der Gattungen Setaria, Digitaria und Echinochloa sowie Kräuter wie die Acker-Gänsedistel (Sonchus arvensis), das Kletten-Labkraut (Galium aparine) und die schon erwähnte Acker-Kratzdistel.

Außer diesen (und wenigen weiteren) Problemunkräutern dürften die übrigen Wildpflanzen kaum jemals die ökonomische Schadschwelle erreichen, so daß auf ihre Bekämpfung – vor allem wegen ihres ökologischen Wertes – verzichtet werden sollte. Denn Ökosysteme, auch jene unserer Kulturlandschaften, sind in der Regel um so stabiler, je größer ihre Artenvielfalt ist; und die Pflanzen als Primärproduzenten stellen nun einmal die Nahrungs- und damit die Existenzgrundlage für die Konsumenten Tier und Mensch.

Wild- als Zeigerpflanzen

Früher waren die Ackerstandorte nicht nur regional, sondern auch kleinräumig viel differenzierter als heute. Das lokale Klima und die natürlichen Bodeneigenschaften boten sehr unterschiedliche Wuchsbedingungen, was sich auch deutlich auf die Artenzusammensetzung der verschiedenen Ackerunkrautgesellschaften auswirkte.

Die mit ihrer Umwelt noch stärker verbundenen Bauern kannten die Wildpflanzen und ihre Ansprüche, so daß sie aus deren Anwesenheit und Häufigkeit auf den Zustand der Äcker schließen konnten. Manche kommen zum Beispiel nur auf kalkreichen, andere nur auf kalkarmen Standorten vor; wieder andere weisen auf hoch anstehendes Grundwasser oder auf Staunässe in der Ackerkrume hin, auf wärmebegünstigte Lagen, auf gute Versorgung mit Stickstoff oder dessen Mangel.

Da es sich bei solchen Zeigerpflanzen meist um Gruppen von Arten handelt, die unter ähnlichen Bedingungen gemeinsam auftreten, bildeten sich jeweils charakteristische Gesellschaften heraus. Auf den nährstoffarmen Heideböden der norddeutschen Tiefebene etwa sind es andere als zum Beispiel auf dem schweren Mergel der Muschelkalkgebiete. In den kontinental getönten Leelagen der Mittelgebirge, also in deren Windschatten, dominieren häufig Unkrautarten, die aus den südosteuropäischen winterkalten Steppengebieten stammen, im Küstenraum hingegen eher solche, die von wintermildem, meeresbeeinflußtem Klima gefördert werden.

Außerdem spielt die jeweils angebaute Feldfrucht eine wichtige Rolle für die Zusammensetzung der Wildpflanzengesellschaft. Auf Rübenfeldern oder Kartoffeläckern findet sich stets eine ganz andere Artenkombination als unter Getreidekulturen, und selbst bei Winter- und Sommergetreide gibt es gemäß den Bestellungsterminen Unterschiede: Unter Hafer kann man frostempfindliche Unkrautarten erwarten, die erst im Frühsommer keimen, hingegen unter Roggen vorwiegend solche, die bereits im Spätherbst gemeinsam mit den Getreidepflanzen auflaufen und den Winter als kleine Rosetten überdauern, um dann in den ersten warmen Frühlingstagen im Wettlauf mit den Kulturpflanzen rasch zu wachsen.

Zudem bieten Sonderkulturen, etwa Leinfelder, ganz spezifischen Wildkrautgesellschaften einen Lebensraum. Daraus wird auch klar, daß bestimmte Gesellschaften dann schwinden, wenn die jeweilige Kulturpflanzenart nicht mehr oder nur noch selten angebaut wird.

Technisierung zu Lasten der Artenvielfalt

Die Landwirtschaft veränderte bereits in ihrer ursprünglichen, relativ schonenden Form die Natur; Ressourcen wurden gebraucht und verbraucht. Eine beständige Nutzung ist aber nur so lange möglich, wie die Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Ökosystems nicht beeinträchtigt oder erschöpft wird. Spätestens mit Beginn der Technisierung der Landwirtschaft zu Anfang und – in extremem Maße – Mitte dieses Jahrhunderts war dies aber der Fall. Maßgaben des Naturhaushalts beziehungsweise der Naturverträglichkeit wurden zugunsten der Ertragsmaximierung vernachlässigt oder mißachtet.

Diese Entwicklung ist allerdings nicht einzig den Landwirten anzulasten, sondern resultiert zu einem erheblichen Teil aus ökonomischen Zwängen, insbesondere infolge der Agrarpolitik der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die Höfe, die den Strukturwandel überstanden, übernahmen mehr und mehr Fabrikstrukturen. Der massive Einsatz immer schwererer Landmaschinen auf immer größeren Flächen sowie von Pestiziden, Mineraldünger, Gülle und Kalk veränderte den Naturhaushalt stark.

Die Folge war eine Nivellierung der Standortbedingungen. Verbleibende Unterschiede, die noch an geringen Abweichungen in der Zusammensetzung der Unkrautarten erkennbar waren, wurden mittels Agrochemikalien und durch eine perfektionierte Saatgutreinigung vollends verwischt.

Fatalerweise sind die diagnostisch wichtigsten Arten zugleich diejenigen, die auf Bekämpfungsmaßnahmen am empfindlichsten reagieren. Zumindest lokal sind heute kaum noch unterschiedliche Artenkombinationen auf den Ackerflächen zu beobachten, sondern – wenn überhaupt – fast nur einheitliche Restgesellschaften.

Aus heutiger Sicht unrentable Ackerstandorte werden immer weniger genutzt. Solche Grenzertragsflächen, die lange Zeit verhältnismäßig extensiv bewirtschaftet worden waren, sind praktisch die letzten Agrarstandorte mit einer gewissen Artenvielfalt. Dort kann man noch die natürlichen Standortbedingungen an den Unkrautarten ablesen.

Das Flächenstillegungsprogramm der EG hat aber gerade das Aufgeben und die Umwidmung dieser in ökologischer Hinsicht wertvollsten Ackerlebensräume gefördert. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um festzustellen, daß wir in wenigen Jahren in unserer Kulturlandschaft fast ausschließlich den floristisch uniformen europäischen Einheitsacker haben werden.

Gegenmaßnahmen

Heute werden vielerorts Genbanken (besser wohl Samenbanken genannt) eingerichtet, die mit hohem finanziellem und personellem Aufwand zu bewahren versuchen, was an nicht abschätzbaren genetischen Ressourcen – von Wild- und alten Kulturpflanzen, aber auch von echten Unkräutern – zu retten ist. Die Erfolgsaussichten sind umstritten. Sinnvoller wäre es, einer weiteren Artenverarmung entgegenzuwirken.

Reste einer ehemals an Unkräutern reichen Ackerflora wird man in absehbarer Zeit sicherlich nur noch dort antreffen, wo ein aktives Naturschutz- und Artenschutz-Management entsprechende Standortbedingungen erhält oder neu schafft.

Eine dieser Maßnahmen ist das Ackerrandstreifenprogramm: Landwirte, welche die wenige Meter breiten Randstreifen ihrer Ackerflächen zwar bestellen, aber weder mit Pflanzenschutzmitteln noch mit Mineraldünger behandeln, bekommen eine Prämie. Gleichwohl nehmen nur relativ wenige teil; auch mangelt es in den jahrzehntelang intensiv genutzten Böden an Samenvorräten der selten gewordenen Unkrautarten. Deshalb sind nicht sonderliche Effekte zu erwarten.

Der zur Zeit einzige erfolgversprechende Ansatz dafür, gefährdete Wildkräuter zu erhalten, ist meines Erachtens die Wiederbelebung alter landwirtschaftlicher Feldbaumethoden in möglichst vielen unterschiedlichen Landschaften. Initiativen dazu gibt es bereits mehrere.

Ein Beispiel ist das Feldflora-Reservat in Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Hier werden seit Jahren allgemein nicht mehr übliche Fruchtfolgen mit aufge-gebenen Kultursorten praktiziert. Artenreiche Ackerwildkrautgesellschaften sind aber selbst unter diesen Bedingungen nur durch wiederholtes Einbringen von Fremdsamen zu erhalten, die in Deutschland immerhin bereits von Firmen angeboten werden. Außerdem wächst mittlerweile die Zahl bäuerlicher Freilichtmuseen, wo nach traditionellen Methoden eine kleinflächige Landwirtschaft betrieben wird. Ob damit der Artenschwund gestoppt werden kann, ist freilich zu bezweifeln. Einige wenige Idealisten allein können das jedenfalls nicht leisten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1993, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1993

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