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Agroforstwirtschaft - bedarfsgerechte Anbaumethoden für die Länder der Dritten Welt

Land- und Viehwirtschaft auf baumbestandenen Flächen kann in tropischen Regionen die Erträge steigern, die Bodenqualität verbessern, Erosionsprobleme mildern und den Holzbedarf decken.

Für die Entwicklung der Kulturlandschaft gilt der Gegensatz zwischen offenem, agrarisch genutztem Land und Waldfläche als grundlegend. Das trifft heute für Europa und viele außereuropäische Räume zu. Andererseits gibt es zahlreiche Beispiele einer übergreifenden Landnutzung, bei der Waldwirtschaft, Pflanzenbau und Viehzucht räumlich und funktional zumindest teilweise kombiniert sind. In Europa sind diese Formen, zu denen die Waldweidewirtschaft und die Feld-Wald-Wirtschaft (Hauberg- oder Reutbergwirtschaft) zählen, jedoch kaum noch anzutreffen; mit einem intensiven, auf Vermarktung ausgerichteten Landbau scheinen sie ebensowenig vereinbar wie mit den Zielen einer modernen Forstwirtschaft.

Was für Europa gilt, muß aber nicht unbedingt auch für andere Großräume der Erde zutreffen. Die Bevölkerung der Dritten Welt nimmt schneller zu, als neue landwirtschaftliche Flächen erschlossen werden können. Außerdem ist die derzeit praktizierte Rodung tropischer Wälder zur Neulandgewinnung ökologisch verhängnisvoll. Um die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln und pflanzlichen Rohstoffen zu sichern, müssen die vorhandenen Flächen unter Berücksichtigung ökologischer und wirtschaftlicher Aspekte besser genutzt werden.

Hier liegen große Reserven; denn noch längst ist nicht für jede Region die beste Form der Landbewirtschaftung gefunden. Die integrierte Nutzung von Wald oder lockeren Beständen ausdauernder Holzgewächse in Kombination mit Pflanzenbau oder Viehwirtschaft kann vor allem in den Tropen die Erträge wesentlich steigern. Je nach Standort muß man dabei auf traditionelle Formen zurückgreifen und sie zu fördern suchen oder aber neue Methoden entwickeln. Beispiele sind die seit langem in die dörfliche Wirtschaft einbezogenen Kulturbaumparks in Westafrika und die neu entwickelte Methode des Alley-Cropping, bei der die Feldfrüchte zwischen geradlinig angepflanzten Gehölzreihen angebaut werden. Als Oberbegriff für diese und eine Fülle weiterer Methoden und Techniken hat sich die aus dem Englischen entlehnte Bezeichnung Agroforstwirtschaft eingebürgert. Gelegentlich wird auch – meist in gleicher Bedeutung – von Intercropping gesprochen.

Kulturbaumparks

Traditionelle, autochthone Agroforstwirtschaft findet sich vor allem in semihumiden Gebieten der Feuchtsavannenzone Westafrikas. Charakteristisch sind lockere Baumbestände innerhalb der agrarisch genutzten Flächen – und zwar nicht nur auf Weideland, sondern auch auf Anbauflächen (Bild 1). Meist handelt es sich um sorgfältig ausgewählte Bäume – Reste eines ehemals dichteren Bestandes, die in irgendeiner Weise wirtschaftlich nutzbar sind. In der Regel bleiben solche Bäume stehen, deren Früchte eßbar sind oder sich zu Nahrungsmitteln verarbeiten lassen; oft werden aber auch die Blätter und jungen Triebe verwendet, sei es als Viehfutter oder zur Gründüngung. Bei traditionellem Anbau – wenn Menschen die Felder ohne Maschinen bestellen und abernten – und bei Weidewirtschaft stören Bäume nicht weiter. Erst beim Übergang zu modernen Techniken werden sie als lästig empfunden und schließlich beseitigt. Es gibt jedoch auch Bestände, die nachträglich mehr oder minder planmäßig neu angepflanzt worden sind.

In den westafrikanischen Kulturbaumparks sind vor allem seit je besonders geschätzte Baumarten verbreitet. Dazu gehört der Schibutterbaum (Vitellaria paradoxa). Aus den Kernen der Früchte läßt sich in einem aufwendigen und langwierigem Verfahren ein Pflanzenfett gewinnen, das insbesondere dort für die Ernährung wertvoll ist, wo keine Viehwirtschaft betrieben wird. Überschüsse bringen auf den lokalen Märkten Bargeld.

Dagegen besteht der hauptsächliche Nutzen des bis zu 20 Meter hohen Néré-Baums (Parkia biglobosa) darin, daß er mit seinem weitausladenden Kronendach die Feldfrüchte beschattet und die Verdunstung mindert. Seine vielseitig verwendbaren Früchte – aus dem Fruchtfleisch kann beispielsweise eine im Sudan weit verbreitete Würzpaste (Soumara) gewonnen werden – dienen gleichfalls zur Eigenversorgung wie zur Aufbesserung des Familienbudgets.

Wie dieses Beispiel zeigt, kommen zum unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen in vielen Fällen positive ökologische Effekte hinzu: Durch die geringere Verdunstung steigt der Grundwasserspiegel, und der Boden ist nicht nur besser gegen Abtragung geschützt, sondern wird auch durch Laubfall gedüngt, was seine Qualität deutlich verbessert.

Der Erfolg traditioneller Agroforstsysteme ist oft beeindruckend. Sie sind allerdings meist nicht ohne weiteres in andere Regionen übertragbar. Außer den jeweiligen natürlichen Gegebenheiten – vor allem Klima, Boden und Wasserhaushalt – spielen auch wirtschaftliche, kulturelle und ethno-soziologische Faktoren eine Rolle. Dazu gehören die Form des Grundbesitzes (Gemein- oder Privateigentum), die Größe des verfügbaren Nutzlandes, die Aufgeschlossenheit der Bevölkerung für Neuerungen, die Bereitschaft, zusätzliche Arbeit und eventuell Investitionen zu leisten, sowie die Absatzmöglichkeiten für Produkte, die nicht für den eigenen Bedarf gebraucht werden.

Alley-Cropping

Am Internationalen Institut für tropische Landwirtschaft in Ibadan (Nigeria) wurde 1976 mit der Entwicklung des Alley-Cropping als neuer Methode zur Bodenverbesserung und Ertragssteigerung begonnen. Als Gehölze dienen dabei schnellwachsende Bäume und Sträucher, die viel Stickstoff aus der Luft zu binden vermögen – zum Beispiel die Arten Leucaena leucocephala, Cassia siamea und Sesbania sesban. Sie werden in langen, heckenartigen Reihen ähnlich den früher in Norddeutschland üblichen Knicks in etwa vier bis acht Meter Abstand gepflanzt (Bild 2).

Da die tiefer als Feldfrüchte wurzelnden Bäume und Sträucher auch während der relativ kurzen Trockenzeit genügend Wasser aufnehmen können, erreichen sie schnell Höhen bis zu vier Metern. Zu Beginn und während der folgenden Regenzeit werden sie auf etwa ein bis zwei Meter gestutzt, so daß sie die Anbauflächen zwischen den Reihen nicht beschatten. Das dabei anfallende Holz kann als Brennstoff oder einfaches Baumaterial für Zäune und ähnliches dienen. Kleinere Zweige und die Blätter werden zur Bodenverbesserung untergegraben oder an das Vieh verfüttert. In der nächsten Trockenzeit läßt man die Hecken dann wieder auf ihre volle Höhe wachsen.

Die Vorteile sind vielfältig. So wird der Boden mit organischem Material und Nährstoffen angereichert und trocknet weniger leicht aus. Die Bäume produzieren beachtliche Mengen an Holz (jährlich gut sechs Tonnen je Hektar) und etwa 15 bis 20 Tonnen Laubwerk und Reisig, die ungefähr 160 Kilogramm Stickstoff, 150 Kilogramm Kaliumcarbonat (Pottasche) und 15 Kilogramm Phosphor enthalten. Untergraben dieser Pflanzenmasse (Mulchen) verbessert die Ernten beträchtlich und anhaltend.

In einem mehr als sechs Jahre laufenden Versuch wurde in Ibadan auf sandigem Boden ohne sonstige Düngemittel bei Mais ein Hektar-Ertrag von zwei Tonnen erzielt – mehr als doppelt soviel wie sonst durchschnittlich in Nigeria. Auf einem Vergleichsfeld ohne Alley-Cropping lagen die Erträge im ersten Jahr bei einer Tonne und gingen kontinuierlich auf 250 Kilogramm im vierten Jahr zurück. Ein anderer Versuch ergab, daß zehn Tonnen untergrabenes Laubwerk der Art Leucaena leucocephala rund 100 Kilogramm Stickstoffdünger entsprechen. Bauern, die diese Methode übernahmen, ernteten im Durchschnitt fast 40 Prozent mehr als zuvor.

Der erste große Farmversuch begann 1984 in zwei Dörfern in der Nähe von Oyo. Die Zahl der freiwillig teilnehmenden Bauern hat sich inwischen rasch erhöht. Demnach vermag dieses Anbaukonzept die örtliche Bevölkerung zu überzeugen. Die Kosten für das Anlegen und Unterhalten der Hecken sind gering. Das Beschneiden der Bäume und Sträucher ist allerdings arbeitsintensiv. Andererseits bringt der Einsatz doppelten Nutzen – was an Reisig und Laub nicht für die Gründüngung gebraucht wird, kann als Brennmaterial und teilweise auch als Viehfutter verwendet werden.

Zur langfristigen Ertragssicherung trägt bei, daß der Boden kaum durch Wind abgetragen oder, wie es sonst vor allem in tropischen Bergländern geschieht, durch heftige Regenfälle abgespült wird; für diesen Erosionsschutz müssen die Gehölzreihen lediglich in Streichrichtung der Hänge angelegt werden. Ein großer Vorteil ist auch, daß Brachjahre entfallen können.

Den humiden und semihumiden Bereichen der Tropen scheinen Methoden wie das Alley-Cropping also optimal angepaßt zu sein; dabei lassen sie sich – was gerade in Afrika wichtig ist – gut mit traditionellen Anbauweisen vereinbaren. Sie können aber auch den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten angepaßt werden: Technische Hilfsmittel wie Motorsägen verringern den Arbeitsaufwand, während zusätzliche Düngergaben den Ertrag weiter steigern.

Das Alley-Cropping-Projekt wird vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung derzeit in 18 Ländern Afrikas unterstützt. Wie bei anderen Agroforstprojekten lautet das Ziel,

– bessere Anbaumöglichkeiten (auch für bisher nicht angebaute Produkte) zu schaffen und die Erträge zu steigern,

– durch Verminderung der Bodenabtragung und ähnliche Effekte die ökologische Situation zu stabilisieren,

– der bäuerlichen Bevölkerung durch Anbau von Handelsfrüchten ein zusätzliches Einkommen zu sichern;

– durch Nutzung des anfallenden Holzes den Waldbestand vor ungeordnetem Einschlag zu schützen.

Gerade der letzte Punkt ist sehr wichtig, da Holz (oder Holzkohle) in vielen Entwicklungsländern – zumindest auf dem Lande – praktisch das einzige Brennmaterial ist und viele Nahrungsmittel erst durch langes Kochen genießbar werden. In Kenia ließ sich durch Förderung von Agroforsten erreichen, daß der Holzbedarf heute zu 47 Prozent von landwirtschaftlichen Nutzflächen und zu 25 Prozent von naturnahem Weideland gedeckt wird; aus dem Wald stammen nur noch 28 Prozent. Auch in anderen Ländern, etwa in Pakistan und auf Java, scheint die Anlage von Agroforsten den wilden Holzeinschlag zumindest eingedämmt zu haben.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 25
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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