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Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft.

C. H. Beck, München 1998. 412 Seiten, DM 68,–.

Geheimhaltung ist ein grundlegender Bestandteil der alchemistischen Tradition.“ Licht in die vorsätzlich erzeugte Dunkelheit zu bringen, insbesondere Decknamen von Personen, Stoffen und Verfahrensweisen aufzuklären, ist deshalb ein ebenso schwieriges wie verdienstvolles Unterfangen. Das gilt um so mehr, als die Alchemie zu keinem Zeitpunkt eine geschlossene Lehre mit klar definierten Grenzen war und die miteinander oft erbittert streitenden Richtungen viele Fachtermini jeweils mit eigener Bedeutung verwendeten.

In diesem Buch geben 25 namhafte Autoren und Autorinnen verschiedener Provenienz in 200 Einzelartikeln eine umfassende Übersicht über die wichtigen Vertreter der Alchemie, die speziellen Theorien und die ihnen zugrundeliegenden allgemeinen Ideen; zudem stellen sie die Stoffe und Verfahren der alchemistischen Praxis vor. Es gelingt ihnen, auch für den Leser ohne Vorkenntnisse erhellende Strukturen in den terminologischen Wirrwarr hineinzubringen. Herausgeber sind Claus Priesner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, und Karin Figala, Professorin für Geschichte der Naturwissenschaften an der Technischen Universität München.

Es wäre verfehlt, die Alchemie nur als den Versuch der Goldmacherei aus Geldgier oder als eine – im heutigen Sinne – obskure Suche nach dem Stein der Weisen anzusehen. Vielmehr ist sie als eine äußerst komplexe, wenngleich nicht rationale Wissenschaft zu verstehen, in der Mensch und Kosmos in Wechselwirkung gesehen wurden. In den metaphysisch geprägten Vorstellungen von der Natur zeigen sich fließende Übergänge vor allem zur Philosophie und Theologie.

So gehörte zur Transmutationslehre die Vorstellung, bei der Verwandlung von Metallen in edlere würden sowohl Materie als auch Geist auf eine höhere Ebene gehoben. Dazu traten die Lehre des Aristoteles von den vier Elementen, die arabische Prinzipienlehre vom Schwefel und Quecksilber, Einflüsse aus Platonismus, Neuplatonismus, Gnosis, Scholastik, Kabbala und vielen anderen mehr. Erst aus diesen vielfach verwobenen Vorstellungen vom Menschen in seiner Beziehung zu Natur und Kosmos lassen sich die alchemistischen Experimente verstehen, die ansonsten für den aufgeklärten Menschen recht abenteuerlich klingen.

Erst im nachhinein suchten die Gelehrten – und längst nicht alle – praktisch-experimentelle Beweise für ihre Theorien. Wo es um die Praxis geht, werden alchemistische Schriften zuweilen zu handwerklichen Anleitungen (zum Beispiel für Erzaufbereitung und Metallverarbeitung) und medizinisch-pharmakologischen Rezeptbüchern.

Zahlreiche Gelehrte der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit sind in eigenen Artikeln zu Leben und Werk vertreten: von den antiken Gelehrten Pythagoras, Demokrit und Platon über den persischen Arzt und Philosophen Avicenna (980–1037), den Kölner Universalgelehrten Albertus Magnus (um 1200–1280), den toskanischen Arzt und Philosophen Marcilio Ficino (1433–1499) und den sächsischen Mystiker und Theosophen Jakob Boehme (1575–1624) bis hin zu neuzeitlichen Vertretern dieser Kunst, die eigentlich durch an-

dere Leistungen berühmt geworden sind: Isaac Newton (1643–1727), Robert Boyle (1627–1691) und Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Fiktive Personen wie etwa der mythische Begründer der Alchemie, Hermes Trismegistos (der Namensgeber der Hermetik), oder historisch nicht faßbare wie Maria die Alchemistin werden mit den ihnen zugeschriebenen Lehren und Schriften sowie deren Rezeption ebenso aufschlußreich beschrieben.

Gleichwohl fehlen einige besonders für die praktischen Verfahren der Alchemie relevante Autoren, so der sächsische Probier- und Münzmeister Lazarus

Ercker (um 1530–1594), der seine metallurgischen Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben hat. Für Hieronymus Brunschwig (gestorben 1512 oder 1513), der das maßgebliche Werk zur Destillation verfaßte, gibt es nur einen kurzen Hinweis unter dem Stichwort „Quintessenz“.

Stoffe und Verbindungen sind mit ihren modernen chemischen Namen benannt. Bei Bezeichnungen wie „Kobalt“ ist also Vorsicht geboten: Heute versteht man darunter das – 1735 erstmals dargestellte – Element, früher verschiedene Erze des Metalls. Zu den Stoffen beschreibt das Lexikon auch ihre Gewinnung und Anwendung sowie ihre wirtschaftliche und kulturhistorische Bedeutung: Kobalterze hielten die Hüttenleute zum Narren, weil sich aus ihnen keines der bekannten Metalle ausschmelzen ließ; der Name leitet sich von „Kobold“ her. Häufig gibt es wegen der Doppeldeutigkeit der alchemistischen Terminologie zu einem Stoffnamen auch eine übertragene Bedeutung zu erläutern. So meint „Quecksilber“ (Mercurius) sowohl das Metall als auch ein davon unabhängiges, nichtstoffliches Prinzip der Flüchtigkeit und der passiven Materie.

Die drei Epochen der Alchemie – Antike, arabisches und europäisches Mittelalter sowie Neuzeit – sind zusammenfassend in eigenen Lexikonartikeln beschrieben; wer sich nicht auskennt, sollte diese Artikel vorweg lesen. Bewußt ausgeklammert sind einerseits die chinesische und die indische Alchemie wegen Mangel an Informationen, andererseits die gegenwärtigen esoterischen Rezeptionen der Alchemie als grob vereinfachende Glücksversprechungen. Allerdings wird auf moderne Bewegungen, wie etwa die Anthroposophie Rudolf Steiners (1861–1925) und den Okkultismus Aleister Crowleys (1875–1947) hingewiesen, in denen sich noch heute Einflüsse alchemistischer Traditionen nachweisen lassen.

Ein sehr umfangreicher Index im Anhang ergänzt die alphabetisch geordneten Stichwörter. Zahlreiche Querverweise in den Artikeln ermöglichen den Zugang zu Namen oder Begriffen, die unter mehreren Bezeichnungen bekannt sind (etwa „Avicenna“ als „Ibn Sina“). Den Schritt zur Lektüre alchemistischer Originaltexte erleichtert eine im Anhang beigegebene Liste alchemistischer Symbole, die freilich nur eine Auswahl der gängigsten Zeichen geben kann. Zahlreiche Abbildungen mit teilweise recht aufschlußreichen Bildunterschriften erläutern die Themen der Artikel. Umfangreiche Literaturangaben zeugen von intensiver redaktioneller Arbeit.

Insgesamt ist das Lexikon eine wertvolle, angenehm zu lesende Informationsquelle für alle, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Wissensgebiet suchen, das sich dem direkten Zugriff entzieht.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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