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Alchemistisches Gold.Paracelsistische Pharmaka.

Böhlau, Wien 1997. 336 Seiten, DM 69,80.

Auf dem Schloßgut Oberstockstall bei Kirchberg in Niederösterreich kam 1980 ein bedeutender Fund zutage: Unter dem Fußboden eines Nebenraums der Schloßkapelle stieß man bei Renovierungsarbeiten auf eine seit Jahrhunderten verborgene Grube, die Hunderte von Schmelztiegeln, Schalen, Töpfen, Kolben und weiteren Laborgeräten enthielt, daneben Holzkohlereste, Erzstufen, Knochen, Metallobjekte und weiteres Material. Wenn auch das meiste in Scherben lag, erwies sich das Loch doch als wahre Fundgrube; denn aus dieser Zeit sind zwar zahlreiche Texte erhalten geblieben, aber kaum gegenständliche Quellen – zumal dieses Umfangs. In der Folgezeit hat man den Fundkomplex archäometrisch untersucht und die Gerätschaften, soweit möglich, aus den Scherben rekonstruiert. Im vorliegenden Buch stellen die Autoren, Chemiker an der Technischen Universität Wien, die Ergebnisse dieser Arbeiten vor.

Offensichtlich gehörten die gefundenen Überreste zu einem bis dahin unbekannten Laboratorium, das sich am Ende des 16. Jahrhunderts auf Schloß Oberstockstall befand. Handelte es sich um den Arbeitsraum eines Alchemisten, eines „Bergprobierers“ (Metallurgen) oder eines Pharmazeuten? Wer arbeitete hier und wie lange? Mit Hilfe moderner Analyseverfahren, diversen Archivmaterials sowie der Fachliteratur des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ließen sich diese Fragen weitgehend klären.

Die Bewohner von Schloß Oberstockstall waren hochrangige Kleriker, die nicht nur das Pfarramt ausübten, sondern auch Domherren in Passau waren. Als wahrscheinlichen Erbauer des Labors konnten Soukup und Mayer den Passauer Fürstbischof Urban von Trenbach (1525 bis 1598) ermitteln. Ihm folgte 1570 als Pfarrherr von Kirchberg Victor August Fugger (1547 bis 1586), ein Sohn des Großkaufmanns und Mäzens Johann Jacob Fugger. Auch der ältere Bruder Victor Augusts, Sigmund Friedrich von Fugger (1542 bis 1600), gehörte als Salzburger Domdechant zum hohen Klerus. Nach der Wahl Wolf Dietrichs von Raitenau zum Salzburger Erzbischof konnte sich Sigmund Friedrich dort nicht mehr halten und zog sich 1589 auf die Pfarre Kirchberg zurück.

Beide Fugger waren an der Alchemie interessiert, Sigmund Friedrich beschäftigte in Oberstockstall 1594/95 den Alchemisten und Goldmacher Michael Polhaimer. Der Nachfolger Sigmund Friedrichs in der Kirchberger Pfarre wurde sein Neffe Johann Jakob von Lamberg (1561 bis 1630, seit 1603 Bischof von Gurk). Es wäre denkbar, daß auch Lamberg das Labor benutzte oder darin arbeiten ließ, wenn auch konkrete Hinweise darauf fehlen. Vermutlich haben die letzten Besitzer 1620, als Oberstockstall am Beginn des Dreißigjährigen Krieges geplündert wurde, das Labor samt und sonders in die erwähnte Grube verfrachtet; das legt jedenfalls der archäologische Befund nahe. Von den Laboröfen sind keine Reste mehr vorhanden; offensichtlich waren sie zu groß, um in die Abfallgrube zu passen.

Haben die Betreiber des Labors an der Transmutation der Elemente, vor allem an der Verwandlung unedler Metalle in Gold, gearbeitet? Die Hinweise darauf sind eher spärlich. Außer der archivalisch belegten Tätigkeit Polhaimers führen die Autoren an, daß auffallend viele große Schmelztiegel gefunden wurden, die sich für dokimastische Arbeiten (die Prüfung von Erzen auf ihren Edelmetallgehalt) wegen ihrer Größe nicht eignen. Einen Schmelzkuchen aus einer Kupfer-Silber-Legierung als „Kirchberger Goldimitation“ zu bezeichnen ist allerdings etwas kühn, zumal Soukup und Mayer selbst die Möglichkeit anführen, daß es sich um eingeschmolzene Münzen handeln könnte. Wenn überhaupt, wäre eher auf den Versuch zu schließen, Kupfer anstatt in Gold wenigstens in Silber zu verwandeln. Insgesamt rechtfertigt das magere Material kaum die Schlüsse der Autoren und den Buchtitel „Alchemistisches Gold“.

Recht gelungen sind dagegen die folgenden, umfangreichen Kapitel zur „Kirchberger Probier- und Scheidekunst“ und über „Klassische alchemistische Laboratoriumstechnik“. Soukup und Mayer erläutern in einzelnen Abschnitten die Vielzahl unterschiedlicher Verfahren und Geräte jener Zeit und setzen dazu die Funde von Oberstockstall in Beziehung. Ohne Zweifel waren die Laboranten erfahrene Metallurgen und Erzprobierer und beherrschten die einschlägigen Methoden. Knappe Darstellungen der historischen Entwicklung bestimmter Verfahren oder Gerätschaften enthalten manches aufschlußreiche Detail, etwa die Erfindung eingeschliffener Glasstopfen im 17. Jahrhundert durch Rudolf Glauber.

Einzelne Ungenauigkeiten können das positive Gesamtbild nicht trüben. So hat nicht die Entdeckung der Mineralsäuren die Destillationstechnik entscheidend verbessert, sondern die Erfindung des verlängerten und wassergekühlten Vorstoßes durch Thaddäus Alderotti (1223 bis 1303) und die damit mögliche Darstellung konzentrierten Alkohols. Sehr gelungen sind die Ausführungen zur Gewinnung von Schwefel- und Salpetersäure; man merkt, daß Chemiker am Werk waren. Die gar nicht so trivialen Reaktionsabläufe bei der thermischen Spaltung von Sulfaten und Nitraten werden im einzelnen erläutert und die archäometrischen Befunde durch die Nacharbeitung der damaligen Verfahren untermauert.

Auch die Belege für eine pharmazeutische Nutzung des Oberstockstaller Labors können überzeugen. Besonders interessant sind hier die Spuren von Kalomel (Quecksilber(I)-chlorid) in zwei Aludeln (Kolbenkappen); dies deshalb, weil zuverlässige Vorschriften zur Bereitung dieses „versüßten Sublimats“ erst am Beginn des 17. Jahrhunderts in der Literatur auftauchen. Auch der Nachweis von Antimonverbindungen belegt, daß die Oberstockstaller Laboranten durchaus auf der Höhe ihrer Zeit waren, denn eine eingehende Beschreibung des Antimons und seiner Verbindungen lieferte erstmals 1604 der „Triumphwagen Antimonii“ des Basilius Valentinus, eines Pseudonymus, der vermutlich mit Johann Thölde identisch ist. Dagegen versäumen die Autoren bei ihren Ausführungen zur Herstellung kolloidalen Goldes, die entsprechende Vorschrift von Rudolf Glauber von 1659 zu erwähnen, und versteigen sich statt dessen in problematische Spekulationen.

Weniger geglückt sind die abschließenden Kapitel. Die „Alchemistische Symbolik“, welche die Autoren in Oberstockstall selbst und auf dem Epitaph Urban von Trenbachs in der Trenbachkapelle im ehemaligen Kreuzgang des Passauer Doms zu sehen glauben, läßt sich viel einleuchtender anders interpretieren. Die schlichte Tatsache, daß der Arzt Michael Toxites (1515 bis 1581) im Jahre 1574 sein „Onomasticum spagyricum“ tituliertes Synonymen-Lexikon chemisch-medizinischer Termini den Fuggern widmete, erlaubt ebenfalls keinerlei Rückschlüsse auf Oberstockstall und rechtfertigt nicht die extrem breite Darstellung zum Lexikon und seinem Autor. Das Interesse einzelner Mitglieder der Familie an der Alchemie war bekannt; die Widmung erklärt sich bereits dadurch, daß ein Autor in der Regel auf einen großzügigen Druckkostenzuschuß hoffte.

Im letzten Kapitel „Historischer Kontext“ verfolgen Soukup und Mayer diesen Weg weiter: Ausführliche Erörterungen der „Verbindungslinien von Kirchberg nach Prag und Wien“ münden in die vage Vermutung, daß Erzherzog Leopold (nicht zu verwechseln mit Kaiser Leopold) in seiner Jugend in Oberstockstall experimentiert haben könnte. Es werden alle möglichen Hinweise auf Personen zusammengetragen, die mit Oberstockstall höchstens indirekt (wenn überhaupt) in Verbindung gestanden haben könnten, ohne daß damit über die konkrete Geschichte des Labors etwas Nennenswertes ausgesagt würde. Derartige Textexkursionen erwecken den Eindruck, Soukup und Mayer wollten die historische Bedeutung ihres Forschungsgegenstandes durch kaum belegbare Vermutungen aufbauschen. Dabei wäre dies gar nicht nötig, denn der Fund allein und die erfolgreiche Rekonstruktion zumindest einiger dort unternommener Versuche sind schon bedeutend genug.

Fazit: Soukup und Mayer haben eine in ihren wesentlichen Teilen sorgfältige und wertvolle Untersuchung vorgelegt, deren Geschlossenheit jedoch durch manchmal allzu kühne Hypothesen und durch überflüssiges Material beeinträchtigt wird. Zu loben sind der bibliographische Anhang und das Register sowie die gut ausgewählten Textabbildungen und die Farbtafeln mit Aufnahmen wichtiger Fundstücke. Für Fachhistoriker ist das Buch eine Pflichtlektüre, für interessierte Laien empfehlenswert.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1999, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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