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Otto Krätz: Alexander von Humboldt. Wissenschaftler - Weltbürger - Revolutionär.

Callwey, München 1997. 216 Seiten, DM 148,–.


Sein Name ist Legende. Nahezu tausend profane Dinge sind nach ihm benannt, von der Schreibfeder bis zu akademischen Institutionen. Seine Entdeckungen leben in der wissenschaftlichen Bezeichnung Hunderter von Pflanzen und Tieren sowie in geographischen Fachausdrücken weiter. Sogar mehrere geologische Strukturen auf dem Mond tragen seinen Namen. Alexander von Humboldt, geboren am 14. September 1769 in Berlin, gestorben am 8. Mai 1857 in seiner Geburtsstadt, hat Wissenschaftsgeschichte geschrieben wie kein anderer Forscher zu seiner Zeit.

Von Humboldt war eines der letzten naturwissenschaftlichen Universalgenies. Physik, Chemie und Biologie waren ihm ebenso vertraut wie Astronomie, Geologie und Kartographie. Geophysik und Pflanzengeographie wurden durch seine bahnbrechenden Arbeiten erst zu eigenen Fachdisziplinen. Und mit etwas Phantasie kann man ihn getrost als Begründer der Tropenökologie bezeichnen.

Daß der preußische Wissenschaftler aber auch "Weltbürger" und für die Normen seiner Zeit sogar ein "Revolutionär" war, ist der Biographie von Otto Krätz, Hauptabteilungsleiter am Deutschen Museum in München, zu entnehmen. Es ist ein Werk der Extraklasse: solide recherchiert, lebendig geschrieben und mit 228 Abbildungen opulent illustriert.

Schon beim Blättern wird für den Leser eine Epoche lebendig, die man rückblickend als das goldene Zeitalter der naturwissenschaftlichen Forschung bezeichnen könnte. Ein kluger Kopf konnte die vier großen Fachgebiete Physik, Chemie, Botanik und Zoologie noch überschauen, interdisziplinäre Forschung war an der Tagesordnung, und neue Hypothesen ließen sich rasch überprüfen. Wer wie Alexander von Humboldt auch noch mit einem gewissen Vermögen ausgestattet war, konnte sich seine Forschungsgebiete und -ziele sogar nach Gutdünken aussuchen und Grundlagenarbeit mit abenteuerlichen Reisen verknüpfen.

Wie gut Krätz dem Leser ein Bild der vielseitigen Forscher- und Weltbürgerpersönlichkeit vermittelt, wird exemplarisch an der Zeit von 1799 bis 1804 deutlich, die von Humboldt in Süd- und Mittelamerika verbrachte. Fünf Jahre Feldforschung in den heutigen Ländern Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Mexiko erbrachten eine solche Ausbeute an Material und Daten, daß hernach dreißig Jahre intensiver Auswertung erforderlich waren. Die Resultate, niedergelegt in bestem Französisch in 36 dickleibigen Bänden mit dem Titel "Voyage aux régions équinoxiales du Noveau Continent", machten Alexander von Humboldt endgültig weltberühmt.

Gemeinsam mit dem französischen Botaniker und Arzt Aimé Bonpland legte er mehrere tausend Kilometer zu Fuß, auf Maultierrücken, in Einbäumen und auf primitiven Flößen zurück, schleppte einige hundert Kilo wissenschaftlicher Instrumente mit sich sowie eine stetig anwachsende Sammlung getrockneter Pflanzen, präparierter Tiere und Mineralien, die schließlich 42 Kisten einnahm.

Die beiden Forscher entdeckten den Casiquiare, einen Flußlauf im südlichen Venezuela, der den Orinoco mit dem Rio Negro und dadurch mit dem Amazonas verbindet: eine einzigartige hydrogeographische Erscheinung, die auch heute noch extrem unzugänglich ist. Sie bestiegen den Antisana und den Cayambe, zwei berüchtigte Vulkane in Ecuador. Und von Humboldt wagte sich schließlich sogar an den Chimborazo, der damals als der höchste Berg der Welt galt. Bei 5767 Metern, exakt gemessen mit dem mitgeschleppten unförmigen Barometer, 500 Meter unter dem Gipfel, mußte der Abenteuerforscher allerdings aufgeben. Sein Trost war immerhin, daß noch nie zuvor ein Mensch seinen Fuß in diese Höhen gesetzt hatte.

Um seine Leistungen auf den Gebieten Botanik, Hydrologie, Meteorologie, Geophysik und Kartographie zu ermessen, muß man wissen, daß der lateinamerikanische Kontinent damals noch weitgehend terra incognita und zudem für europäische Wissenschaftler wegen der rigorosen Abschottung der Kolonien durch die spanische Krone auch verbotenes Land war. Es bedurfte schon des diplomatischen Geschicks, der Willensstärke und der Physis eines von Humboldt, um eine Reiseerlaubnis für die Gesamtheit der spanischen Besitzungen zu erreichen, den Kontinent im Zickzack zu durchqueren und in feuchtheißen Küstensümpfen, im tropischen Regenwald, in wasserarmen Steppen und bitterkalten Hochgebirgen gesund zu bleiben. In der Tat wurde Bonpland des öfteren krank, während von Humboldt sich nicht einen einzigen Tag unpäßlich fühlte.

Doch nicht nur der Forscher, auch der aufgeklärte Weltbürger meldet sich in dem wissenschaftlichen Mammutwerk zu Wort. So geißelt von Humboldt die Ausbeutung und Unterdrückung der indianischen Bevölkerung in den riesigen Gebieten, welche die Krone den Missionsgesellschaften zur Verwaltung übergeben hatte und in denen "die Indianer ihrer historischen und religiösen Identität beraubt" wurden. Und die Brutalität, mit der die Kolonisten ihre afrikanischen Sklaven behandeln, empfindet er als abstoßend und entwürdigend.

Wo immer der Forschungsreisende Natur und Gesellschaft im Lateinamerika der Kolonialzeit mit dem Messer des naturwissenschaftlich geschulten Analytikers seziert, ergeben sich – vor allem für die damalige Zeit – frappante ökologische Erkenntnisse. So bemerkt von Humboldt, daß die Abholzung der Wälder durch die europäischen Siedler zwangsläufig Erosion bewirkt, natürliche Wasservorräte zum Verschwinden bringt und langfristig das Klima verändert.

Nur in einem irrte der Forscher und Querdenker. Eine kommerzielle Nutzung des Casiquiare in Form eines 180 Seemeilen langen Kanals, der es ermöglichen würde – so seine Vision –, "Getreide von Neu-Granada an die Ufer des Rio Negro zu bringen und ohne Unterbrechung eine Reise von den Quellen des Amazonas bis zur Mündung des Orinoko durchzuführen", gibt es bis heute nicht. Ohne Zweifel ein ökologischer Segen für die Region.

Das Buch ist zweifellos eine der schönsten und gelungensten Bild-Text-Monographien, die je über ein Wissenschaftlerleben erschienen sind. Die Abbildungen machen einen neugierig, die klare Struktur verleitet zum Blättern, und die Texte animieren zum Weiterlesen. Mit sieben Seiten Fußnoten, einem ausführlichen Literaturverzeichnis und mit einem detaillierten Sach-, Orts- und Personenregister ist das Buch auch ein Werk zum Nachschlagen. Prof. Dr. med. Hermann Feldmeier Institut für Tropenmedizin, Humboldt-Universität Berlin.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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