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Medizin: Alkohol fürs Herz

Das tägliche Glas Wein scheint vor Herzinfarkt zu schützen. Bevor man es sich verordnet, sollte man aber die Risiken abwägen.


Als junger Politiker hielt Abraham Lincoln (1809-1865), späterer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, vor einem Abstinenzler-Verband eine Rede. Er mahnte seine pikierten Zuhörer: Gewiss hätten Alkoholika viele Menschen zu Grunde gerichtet. Dennoch dürfe man die "berauschenden Getränke" nicht von Grund auf verdammen. Schuld sei nicht, dass die Leute "etwas Böses" verwendeten, sondern dass sie "etwas sehr Gutes" missbrauchten.

Das gilt bis heute. Keinesfalls darf man herunterspielen, welch hohen Tribut die Betroffenen, ihre Mitmenschen und die Gesellschaft dem Alkoholmissbrauch zollen. Es wäre aber falsch, nur die Gefahren des Alkoholkonsums zu werten und den möglichen medizinischen Nutzen nicht sehen zu wollen. Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien zeigt solche Vorteile auf. Demnach vermag ein moderater Genuss alkoholischer Getränke vor Arteriosklerose und ihren Folgen – wie Herzinfarkt und (ischämischem) Schlaganfall durch Gefäßverschluss – zu schützen. Es gibt auch Hinweise, dass Alkohol einer Demenz vorbeugen hilft, die auf Durchblutungsstörungen beruht.

Was aber heißt "moderater Genuss"? An sich ist die Abgrenzung zum "geringen" beziehungsweise "starken" Alkoholkonsum eher willkürlich. In der medizinischen Literatur wird heute unter moderatem, also mäßigem Genuss meist verstanden, dass Männer am Tag höchstens zwei so genannte Standarddrinks zu sich nehmen. Nach einer internationalen Konvention wären das zwanzig Gramm Alkohol, etwas weniger als zwei kleine Bier oder zwei Gläser Wein. Für Frauen gilt aus physiologischen Gründen die Hälfte. (In diesem Text sind mit einem Drink der Vereinfachung halber ein kleines Bier oder ein Glas Wein gemeint.) Dass ein Mehr gesundheitsschädlich sein kann, haben Studien belegt. Aber selbst weniger kann bereits schlecht sein. Wie viel der Körper verkraftet, wo also die individuelle Grenze liegt, hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere auch von Geschlecht und Alter sowie von den gesundheitlichen Voraussetzungen. Jugendliche, Schwangere, Leberkranke und ehemalige Alkoholiker sollten auf das Genussmittel völlig verzichten. Große Vorsicht ist auch Personen anzuraten, in deren Familie Alkoholmissbrauch vorkommt.

Der wichtigste medizinische Nutzen von mäßigem Alkoholtrinken scheint zu sein, dass das Risiko einer koronaren Herzkrankheit (KHK) sinkt. Wenn sich in der Innenwand der Herzkranzgefäße mit der Zeit arteriosklerotische Herde – Plaques – bilden, kann das zur Folge haben, dass der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Diese Stellen sind entzündlich und können auch leicht aufbrechen. Wenn sich dann Blutgerinnsel bilden, verengen oder verstopfen sie die Gefäße. Die Folge: Angina pectoris – "Brustenge" wegen Sauerstoffmangels des Herzmuskels – bis hin zum Herzinfarkt, bei dem Herzmuskelgewebe infolge eines Verschlusses der versorgenden Arterien zu Grunde geht (siehe "Arteriosklerose als Entzündung", Spektrum der Wissenschaft 7/2002, S. 48).

Die Plaques entstehen in den Herzkranzgefäßen schleichend, mit ersten Ansätzen meist schon in jungem Alter. Gewöhnlich dauert es Jahrzehnte, bis sich das Vollbild einer Koronarerkrankung ausbildet, das häufigste Herzleiden in den Industrienationen. Hier geht jeder vierte Todesfall darauf zurück. Das sind sechzig Prozent aller Todesfälle durch Herzkreislauferkrankungen.

Erste Hinweise auf diesbezüglich günstige Wirkungen von Alkohol fanden Pathologen schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Blutgefäße von Alkoholkranken, die an einer Leberzirrhose gestorben waren, wiesen auffallend saubere Innenwände auf. Konnte Alkohol etwa Gefäßablagerungen auflösen? Oder waren diese Personen einfach so jung verstorben, dass sich Arteriosklerose bei ihnen noch nicht zeigte?

Enthaltsamkeit:der neue Risikofaktor

Weitere Erkenntnisse hierzu ließen lange auf sich warten. Ende der 1960er Jahre machte Gary D. Friedman von der größten nicht-kommerziellen Gesundheitseinrichtung der USA, dem Kaiser Permanente Medical Center in Oakland (Kalifornien), erstmals eine umfangreiche computergestützte statistische Analyse. Er suchte nach bis dato unbekannten Prädiktoren für den Herzinfarkt. Im ersten Schritt ermittelte der Computer gesunde Personen, die in vieler Hinsicht die gleichen Risikofaktoren aufwiesen wie Herzinfarkt-Patienten. Was war nun bei den Gesunden anders?

In jenen Jahren war der Herzinfarkt immer häufiger aufgetreten. Zu den bis dahin bekannten oder vermuteten Risiken zählten insbesondere Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Bedenklich waren ferner erhöhte Blutwerte des "schlechten" LDL-Cholesterins sowie niedrige Werte des "guten" HDL-Cholesterins (für englisch light density lipoprotein, ein Lipoprotein geringer Dichte, und high density lipoprotein, ein Lipoprotein hoher Dichte). Auch schienen Männer insgesamt stärker gefährdet als Frauen. Das Risiko wuchs, wenn in der Familiengeschichte eine Koronarerkrankung vorkam. Friedman verglich die Infarktpatienten mit der gesund gebliebenen Risikogruppe in mannigfaltigen Faktoren, darunter sportliche Betätigung, Ernährungsgewohnheiten oder verschiedene Blutwerte. Dabei stieß er auf einen erstaunlichen Zusammenhang: Alkoholabstinenz ging mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko einher.

Statistik für Nichtraucher

Frühere Studien hatten diesen Zusammenhang nicht aufdecken können, weil der Einfluss von Alkohol und von Tabak nicht getrennt untersucht wurde. Viele Alkoholliebhaber rauchen auch, was eine Arteriosklerose stark fördert und den günstigen Effekt des Alkohols überdeckt. Die erste Publikation, die das Nichtrauchen und seine Effekte analysierte, war unseres Wissens die Arbeit von meinen Kollegen Friedman, Abraham B. Siegelaub und mir aus dem Jahr 1974. Darin zeigte sich klar, dass die Herzinfarktgefahr für Nichtraucher geringer ist, wenn sie sich regelmäßig ein Gläschen gönnen, als wenn sie Alkohol meiden.

Dieser Erhebung sind seitdem Dutzende mit ähnlichem Ergebnis gefolgt. Erfasst wurden in einer Reihe von Ländern die Folgen bestimmter Alkoholmengen auf Männer und Frauen und auf Angehörige verschiedener Rassen. Dabei korrelierten die Forscher den derzeitigen Gesundheitszustand mit den zurückliegenden Trinkgewohnheiten. Auch diese Studien erhärteten den Verdacht, dass völlige Abstinenzler häufiger Koronarerkrankungen entwickeln und auch öfter daran sterben als Personen, die in geringem Maße Alkoholika trinken. Ein Forscherteam um Giovanni Corrao von der Universität Mailand-Bicocca und Kari Poikolainen vom Suchtklinikum in Järvenpää (Finnland) untersuchte vor einigen Jahren die Ergebnisse aus 28 solcher Statistiken in einer Metaanalyse. Heraus kam, dass bei täglich bis zu zwei Drinks (bei Männern) – oder 25 Gramm Alkohol – das Risiko für Herzattacken und plötzlichen Herztod infolge einer Koronarerkrankung sinkt. Innerhalb dieser Spanne ging es mit der Menge zurück. Wer täglich 25 Gramm konsumierte, dessen Risiko für Herzinfarkt oder plötzlichen Herztod war um zwanzig Prozent geringer als das abstinenter Personen.

Aktualisierte Analysen, die meine Kollegen Friedman, Mary Anne Armstrong, Harald Kipp und ich kürzlich auf einer Konferenz vorstellten, liefern noch eindrucksvollere Zahlen. Sie stützen sich auf die Daten von 128934 Personen, die sich zwischen 1978 und 1985 einem Gesundheitscheck unterzogen hatten und von denen bisher 16539 gestorben waren, davon 3001 an den Folgen einer Koronarerkrankung. Bei ein oder zwei Drinks am Tag lag das Risiko eines tödlichen Herzinfarkts infolge Arteriosklerose sogar um 32 Prozent niedriger als bei Alkoholabstinenz.

Der Cholesterin-Effekt

Wie erklärt sich die Schutzwirkung? Anscheinend tragen mehrere Einflüsse in unterschiedlichem Maße dazu bei. Besonders gewichtig dürfte die Auswirkung des Alkohols auf den Cholesterinspiegel sein. Alkoholliebhaber haben um zehn bis zwanzig Prozent höhere Werte für das herzschützende HDL-Cholesterin. Drei unabhängigen Untersuchungen zufolge könnte dies etwa zur Hälfte zum verringerten Risiko für eine koronare Herzkrankheit beitragen. Sportliche Betätigung, die bekanntlich Arteriosklerose entgegenwirkt, erhöht das gute Cholesterin ebenfalls, allerdings den Untertyp HDL2, während durch Alkohol HDL3 steigt. Auch manche Medikamente gegen Arteriosklerose erhöhen den Anteil des guten Cholesterins. Es sorgt unter anderem dafür, dass das schlechte, das LDL-Cholesterin aus dem Blut zurück in die Leber gelangt, wo es um- oder abgebaut wird. Somit reichert sich weniger LDL in den Gefäßwänden an und es entstehen weniger arteriosklerotische Plaques. Wie Alkohol bewirkt, dass die Leber mehr HDL liefert, ist noch ungenügend erforscht. Denkbar wäre, dass er Leberenzyme anregt, die bei der Herstellung dieser Cholesterin-Fraktion mitwirken.

Des Weiteren scheint Alkohol die Blutgerinnung günstig zu beeinflussen. Womöglich bewirkt er, dass die Blutplättchen weniger leicht zum Verklumpen neigen, sodass die Thrombusgefahr für die Herzkranzgefäße sinkt. Noch sind die Befunde hierzu allerdings widersprüchlich. Nachweislich erhöht Alkohol den Spiegel des gerinnungshemmenden Prostacyclin relativ zum gerinnungsfördernden Thromboxan. Zugleich steigert er den Gehalt an einem Gerinnsel auflösenden Enzym namens Plasminogenaktivator. Wie es aussieht, scheint Alkohol außerdem den Blutspiegel von Fibrinogen – einem gerinnungsfördernden Protein – zu senken.

Die Wirkungen auf die Blutgerinnung sind bislang weniger gut belegt als der Effekt auf das Cholesterin. Und bei starkem Alkoholkonsum sowie bei gelegentlichem Betrinken dürften sich manche der Folgen, etwa die verminderte Verklumpungsneigung der Blutplättchen, ins Gegenteil verkehren. Dennoch bleibt, dass die verminderte Herzinfarktgefahr bei moderatem Konsum offenbar auch auf den günstigen Einfluss auf die Blutgerinnung zurückgeht. Vor allem könnte dieser Effekt erklären, wieso schon der eher sporadische Genuss von Alkoholika, in der Größenordnung von drei oder vier Drinks pro Woche, das Risiko der Koronarerkrankungen deutlich zu senken vermag. Denn diese Mengen scheinen die Cholesterinwerte noch nicht stark zu verändern.

Ein geringer bis moderater Alkoholkonsum könnte auf noch subtilere Weise das Risiko beeinflussen. So wirkt Alkohol womöglich auch den Entzündungen in den Blutgefäßwänden entgegen, die zur koronaren Herzkrankheit beitragen, weil sich dadurch gefährliche, instabile Plaques bilden können. In letzter Zeit verdichten sich die Hinweise auf die Bedeutung solcher Entzündungen bei Arteriosklerose.

Alkohol und Diabetesrisiken

Auch für manche Diabetiker kann ein Drink ab und zu günstig sein (siehe Tabelle S. 67). Sie sollten allerdings dessen beträchtlichen Einfluss auf die Blutzucker- und Insulinwerte berücksichtigen. Diabetes geht häufig mit Gefäßschäden einher und birgt darum auch ein hohes Risiko, dass sich eine koronare Herzkrankheit ausbildet. Mäßiger Alkoholkonsum vermindert offenbar bereits die Gefahr, an Alters- oder Typ-II-Diabetes zu erkranken. Bei dieser Form der Zuckerkrankheit werden die Zellen unempfindlich gegen Insulin, das ihnen dabei hilft, Zucker aus dem Blut aufzunehmen. (Beim so genannten jugendlichen oder Typ-I-Diabetes gehen dagegen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zu Grunde.) Wahrscheinlich steigert der Alkohol die Insulinempfindlichkeit der Zellen. Allerdings gilt das nicht bei Alkoholmissbrauch. Er bewirkt offenbar sogar einen erhöhten Blutzuckerspiegel, womit sich ein drohender Altersdiabetes anzukündigen pflegt.

Bei Befunden wie den hier beschriebenen wird ein Epidemiologe immer zuerst prüfen, ob der Effekt nicht in Wirklichkeit eine völlig andere, versteckte Ursache hat. Alkoholtrinker und Abstinente könnten sich in irgendeiner noch nicht berücksichtigten Hinsicht unterscheiden, die vom Trinkverhalten unabhängig, aber für das Koronarrisiko relevant ist. Dabei mag es sich um eine psychische Eigenheit handeln, um irgendwelche spezifischen Gewohnheiten etwa hinsichtlich Ernährung oder körperlicher Betätigung, oder um etwas ganz anderes. Wäre dies mit den Trinkgewohnheiten gekoppelt, würden die Statistiken fälschlich so aussehen, als sei die Alkoholmenge der entscheidende Einfluss. Gäbe es solche verdeckten Faktoren, müssten sie aber bei beiden Geschlechtern, in verschiedenen Ländern und bei unterschiedlichen rassischen Gruppen vorhanden sein. Bisher ließ sich nichts dergleichen finden. Darum bleibt als einfachste und bisher plausibelste Hypothese, dass leichter bis mäßiger Alkoholgenuss tatsächlich die Gesundheit von Herz und Blutgefäßen unterstützt.

Die Belege hierfür genügen sogar weitgehend den Kriterien, die in epidemiologischen Studien standardmäßig verlangt werden, um einen Kausalzusammenhang zu begründen. Zum Beispiel kamen die verschiedenen Erhebungen, die nach der gesundheitlichen Wirkung leichten bis mäßigen Alkoholkonsums fragten, alle zu einem ähnlichen Schluss. Auch waren die Langzeitstudien im zeitlichen Ablauf korrekt konzipiert: Zu Anfang erfasste man die Gewohnheiten der Teilnehmer und verfolgte danach deren Gesundheitszustand über Jahre. Dabei zeigten sich zwischen Alkoholkonsumenten und Abstinenzlern klare Unterschiede im Gesundheitsprofil. Als weiterer Punkt kommt hinzu, dass sich die günstigen Wirkungen des Alkohols durch biologische Mechanismen plausibel erklären lassen. Für unsere These spricht außerdem, dass Alkohol nicht generell vor Krankheit schützt, sondern nur spezifisch die Blutgefäße. Und es fanden sich noch keine anderweitigen Faktoren, welche die Befunde erklären können.

Nur maßvoller Genuss kann schützen

Manche mag es überraschen, aber die Aussage, Alkohol senke das Risiko für eine koronare Herzkrankheit um dreißig Prozent, besitzt weniger Kraft als die eben genannten Argumente. Wir können nicht völlig ausschließen, dass doch ein starker unbekannter Störfaktor existiert, der dieses Risiko sehr deutlich herabsetzt, aber zugleich so eng mit dem – schädlichen – Trinkverhalten verbunden ist, dass dies einen falschen Zusammenhang vorgaukelt. Um ein Extrembeispiel zu konstruieren: Man stelle sich eine Genkombination vor, die ihrem Träger ein um sechzig Prozent vermindertes Risiko für eine koronare Herzkrankheit beschert und ihm gleichzeitig eine starke Neigung verleiht, dem Alkohol maßvoll, aber regelmäßig zuzusprechen. Dieser Konsum würde die günstige Disposition um die Hälfte schwächen. Ein Einfluss dieser Art ist aber weder bekannt noch wahrscheinlich.

Ein Schwachpunkt der hier besprochenen These ist, dass die Erhebungen keine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung ergeben, nach dem Motto: mehr hilft mehr. Starkes Trinken ist für das Herz nicht besser als mäßiger Konsum. Trotzdem sprechen die Daten sehr deutlich für die herzschützende Wirkung kontrollierten Alkoholgenusses. Allerdings fehlt bislang der beste Prüfstein: eine so genannte klinische randomisierte Blindstudie mit einer großen Teilnehmerzahl. Idealerweise hätten diese Personen bisher abstinent gelebt. Die Hälfte von ihnen "zöge das Los", von nun an täglich ein bis zwei Drinks zu konsumieren, die andere bliebe enthaltsam. Die Mediziner, die ihren Gesundheitszustand über Jahre beobachteten, wüssten nicht, wer in welche Gruppe gehört.

Wie sollen sich Ärzte angesichts der bisherigen statistischen Befunde verhalten? Welchen Patienten sollen sie ein tägliches Glas Wein oder Bier empfehlen? Wer darf das Genussmittel in geringen, wer in moderaten Mengen zu sich nehmen? Gewöhnlich trinken die Menschen Alkoholika nicht, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Trotzdem konsumieren viele von allein so geringe Mengen, dass ein gefäßschützender Effekt zu erwarten ist. Andere sind freilich weniger vernünftig. Aber selbst mäßiger Konsum ist nicht jedem anzuraten, auch wenn der wohl nicht dieselben gesundheitlichen Gefahren birgt wie Alkoholmissbrauch.

Starkes Trinken – und das beginnt für Männer bereits bei mehr als zwei Drinks täglich – ist auf jeden Fall bedenklich, sowohl in medizinischer wie in sozialer Hinsicht. Abgesehen vom Suchtrisiko kann es zahlreiche Krankheiten nach sich ziehen, neben Leberzirrhose und Bauchspeicheldrüsenentzündung beispielsweise eine Reihe von Krebsarten und degenerative neurologische Störungen. Auch bei unzähligen Unfällen, Verbrechen und Selbstmorden ist Alkohol im Spiel. Unbedingt erwähnt werden müssen außerdem die durch Alkohol in der Schwangerschaft hervorgerufenen Behinderungen von Kindern (siehe auch "Alkohol – Das unterschätzte Gift", Spektrum der Wissenschaft 4/2001, S. 58) .

Viel Alkohol ist auch für Herz und Gefäße sehr schädlich. Dem starken Trinker drohen Herzmuskelschwäche, Bluthochdruck und Schlaganfälle durch platzende Blutgefäße. Hoher Blutdruck ist selbst wieder ein Risikofaktor für Koronarerkrankungen, Schlaganfall, Herz- und Nierenversagen. Schon ein gelegentliches Besäufnis kann das Herz völlig aus dem Takt bringen. Amerikanische Ärzte sprechen von einem Urlaubs-Herz-Syndrom, denn sie diagnostizieren Herzrasen durch Vorhofflimmern gehäuft in Ferienzeiten und nach Feiertagen.

Unerwarteter Alkoholismus

Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr, alkoholabhängig zu werden. Sogar mäßiger Konsum kann zum Problemtrinken ausarten. Ließe sich dieses oft unterschätzte Risiko für den Einzelnen sicher vorhersagen, wäre das eine große Entscheidungshilfe. Auch wenn in der Familie keine Alkoholiker oder alkoholbedingten Organerkrankungen, etwa Leberschäden, vorkommen, können Menschen nach Schicksalsschlägen oder in schwierigen Lebenssituationen alkoholkrank werden.

Wegen dieser Risiken und Auswirkungen ging es den Gesundheitsorganen bisher fast allein darum, den Alkoholmissbrauch und seine Folgen zu unterbinden. Ihre Plädoyers für völlige Abstinenz rühren daher, dass das Maß alkoholbedingter Probleme mit der von der Gesamtbevölkerung konsumierten Alkoholmenge korreliert.

Besser wären aber auf den Einzelfall abgestimmte Empfehlungen. Wer ein hohes Risiko für eine koronare Herzkrankheit trägt, nicht mit Missbrauch rechnen muss und daran gewöhnt ist, gelegentlich ein Gläschen zu trinken, dem muss man davon nicht abraten. Das dürfte für viele Menschen gelten. Sie finden das richtige Maß und sollten dabei bleiben. Natürlich ist es für diese Gruppe noch wichtiger, die üblichen Gesundheitsempfehlungen zu befolgen, also sich gesund zu ernähren, viel zu bewegen, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und einen zu hohen Cholesterinspiegel wirksam zu bekämpfen – und auf das Rauchen zu verzichten. Doch auf die Liste gehört auch der Hinweis, dass ein wenig Alkohol für das Herz gut sein kann.

Andererseits sollte man Menschen, die keinen Alkohol trinken, niemals vorschnell zum Glas Wein der Gesundheit wegen raten. Die meisten haben für ihre Haltung sehr gute Gründe. Doch es gibt Ausnahmen: Da wäre etwa der Herzpatient, der seine Lebensführung komplett umstellt, zu rauchen aufhört, sich an leichte, gesunde Kost gewöhnt und mit Sport beginnt. In bester Absicht verzichtet er nun auch auf das gewohnte Bier oder Glas Wein am Abend. Das aber darf er sich guten Gewissens weiter gönnen. Ein anderer Fall sind Personen, die nur gelegentlich Alkohol zu sich nehmen. Besonders Männer über vierzig und Frauen über fünfzig mit einem hohen Risiko für eine koronare Herzkrankheit und einem geringen für Missbrauch oder alkoholbedingte Erkrankungen sollten erwägen, ob sie sich nicht täglich einen Drink gönnen sollten. Dabei müssen Frauen jedoch bedenken, dass möglicherweise das Brustkrebsrisiko steigt. Mehrere Studien wiesen dies für starken Alkoholkonsum nach, eine sogar für leichten. Zwar tritt nach den Wechseljahren Brustkrebs seltener auf als eine koronare Herzkrankheit, aber die Gefahr eines bösartigen Tumors hat doch hohes Gewicht. Das gilt in der Risikoabwägung noch mehr für junge Frauen, die in dem Alter selten zu einer koronaren Herzkrankheit neigen. Ohnehin liegt für Frauen die Obergrenze mäßigen Trinkens schon bei einem Drink täglich.

An sich gibt es nur eine klare Botschaft: Starke Trinker sollten sich einschränken oder mit dem Alkoholkonsum ganz aufhören. Gleiches gilt für alle Personen, die Risikofaktoren tragen, ob das nun Alkoholprobleme in der Familie oder in der eigenen Vergangenheit sind oder etwa Leberkrankheiten. Alle anderen müssen die Vorteile und Risiken im Einzelfall abwägen. Für diesen Kreis haben der Herz- und Gefäßchirurg Roger R. Ecker vom Summit-Medizinzentrum in Oakland (Kalifornien) und ich ein Entscheidungsschema entworfen, an dem sich Ärzte und Patienten orientieren können. Ich bin der Ansicht, dass ein Teil der Bevölkerung einen Nutzen davon hat, regelmäßig kleine Mengen Alkohol zu trinken, und dass sich angeben lässt, wie viel jedem wahrscheinlich gut tut. Die alten Griechen kannten das Motto, in allen Dingen Mäßigung zu üben. Auch für alkoholische Getränke gilt, das rechte Maß zu finden.

Literaturhinweise


Alcohol and Coronary Heart Disease. Von G. Corrao et al. in: Addiction, Bd. 95, Heft 10, S. 1505, Oktober 2000.

Epidemiology of Coronary Heart Disease – Influence of Alcohol. Von Arthur L. Klatsky in: Alcoholism: Clinical and Experimental Research, Bd. 18, Heft 1, S. 88, Januar 1994.


In Kürze


- Studien in der ganzen Welt zufolge sinkt das Risiko, an den Folgen einer koronaren Herzkrankheit zu sterben, bei leichtem bis mäßigem Alkoholkonsum fast um ein Drittel.
- Einzelne Untersuchungen deuten darauf hin, dass besonders Rotwein das Herz schützt. Rotweintrinker könnten aber Lebensgewohnheiten haben, die zu diesem Effekt beitragen.
- Wer ein hohes Risiko für eine koronare Herzkrankheit trägt oder schon daran leidet und gleichzeitig nicht mit Alkoholproblemen oder anderen Folgekrankheiten rechnen muss, könnte mit seinem Arzt besprechen, ob ein moderater Alkoholkonsum für das Herz günstig wäre.


Dunkles Rot oder kühles Blond – Der Mythos vom Rotwein


An sich senken offenbar alle Alkoholika bei mäßigem Konsum das Risiko für eine koronare Herzkrankheit, ob Bier, Wein oder Spirituosen. In Frankreich, wo man generell viel Rotwein trinkt, sterben aber anteilig nur halb so viele Menschen an den Folgen einer Koronarerkrankung wie in den Vereinigten Staaten, trotz vergleichbarem Fettkonsum und ähnlicher sitzender Lebensweise. Bewirken das im Rotwein enthaltene Stoffe, wie Antioxidantien?

Eine dänische Studie mit fast 13000 Teilnehmern, die über zwölf Jahre lief, kam zu dem Schluss, dass Weintrinker seltener an einer koronaren Herzkrankheit sterben als Menschen, die andere Alkoholika bevorzugen. Nach Erhebungen von meinen Kollegen Mary Anne Armstrong, Gary D. Friedman und mir tragen Wein- und Biertrinker ein geringeres Risiko als Liebhaber hochgeistiger Getränke, wegen einer Koronarerkrankung stationär behandelt zu werden oder daran zu sterben. In diesen Statistiken erfassten wir fast 130000 Kalifornier.

Kürzlich konnten wir zeigen, dass Menschen, die täglich Wein trinken, besser abschneiden als Biertrinker oder Liebhaber scharfer Getränke, die gleich viel Alkohol konsumieren: Ihr Risiko für Tod durch koronare Herzkrankheit ist um 25 beziehungsweise 35 Prozent geringer. Zwischen Rot- und Weißwein fanden wir allerdings keinen Unterschied.

Nun unterscheidet sich die Lebensführung von Weintrinkern, Bierliebhabern und Konsumenten harter Alkoholika im Allgemeinen beträchtlich. Zum Beispiel ernähren sich Dänen, die gern Wein trinken, oft auch gesund mit viel Obst und Gemüse, Fisch, Salat und Olivenöl, und sie haben einen höheren sozioökonomischen Status und einen höheren Intelligenzquotienten – beides Marker für bessere Gesundheit. Von den Teilnehmern der kalifornischen Studien rauchten die Weintrinker weniger und hatten einen höheren Bildungsstand. Generell tranken sie maßvoller als die Bier- oder Whiskeykonsumenten.

Noch ist nicht entschieden, inwie-weit manche Alkoholika tatsächlich gesünder sind als andere. Vielleicht hat die scheinbar größere Wirkung gar nicht der Rotwein mit seinen besonderen Inhaltsstoffen, sondern die Art des Konsums. Franzosen trinken Wein gern – langsam – während des Essens.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003, Seite 62
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003

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