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Die Lomborg-Kontroverse: 'Alles wird besser' - ganz von selbst?

Der Expertenstreit um Lomborgs Anti-Öko-Pamphlet


Im Jahre 1998 publizierte ein junger dänischer Statistik- und Politologie-professor eine Artikelserie über globale Umweltprobleme in der Zeitschrift "Politiken"; daraus entstand ein Buch in einem kleinen dänischen Verlag und im Herbst 2001 ein dicker Wälzer bei Cambridge University Press. Erst diese englische Ausgabe – "The Skeptical Environmentalist. Measuring the Real State of the World" von Björn Lomborg – schlug nicht nur in der angelsächsischen Fachwelt wie eine Bombe ein, sondern erregte auch darüber hinaus einiges Aufsehen. In diesem Monat erscheint nun die deutsche Ausgabe des umstrittenen Buchs ("Apocalypse: No! Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich ent-wickeln") und gibt uns Anlass, auch hier-zulande die wissenschaftliche Debatte um Lomborgs provokante Thesen zu führen.

Auf 600 Seiten Text und mit fast 3000 Fußnoten versucht Lomborg zu widerlegen, was er die Litanei der Umweltforscher nennt. Ob Luftverschmutzung, Klimawandel, Bevölkerungsexplosion oder Artensterben – in jedem Fall widerspricht der dänische Statistiker mit einem Wust von Zahlen den Warnungen der ökologischen Experten. Die Luftverschmutzung sei nicht etwa durch Umweltgesetze zurückgegangen, sondern sinke quasi von selbst durch den technischen Fortschritt in Fabriken, Heizungsanlagen und Kraftfahrzeugen. Der Klimawandel werde von interessierter Seite hochgespielt – das heißt von den Klimaexperten, die davon leben –, sei aber viel milder als meist behauptet. Darum erblickt Lomborg im Klimaschutz-Abkommen von Kyoto einen Irrweg, der immense Kosten verursacht und praktisch nichts nützt.

In ähnlichem Stil bestreitet Lomborg, dass das rasche Anwachsen der Erdbevölkerung ein Problem sei. Vor allem an dieser Stelle entpuppt er sich als Jünger des 1998 verstorbenen Ökonomen Julian Simon, der als Professor für Unternehmensführung an der University of Maryland lehrte und rege Verbindungen zu der politisch rechts stehenden wirtschaftsliberalen Lobby unterhielt. Simon fand, es könne gar nicht genug Menschen auf der Welt geben, denn sie seien die wertvollste Ressource überhaupt. Schon lange vor Lomborg sprach Simon von einer Litanei der Umweltschützer und verkündete wie Lomborg "Alles wird besser und besser". Simon wettete einmal mit Paul Ehrlich, der mit seinem Bestseller "The Population Bomb" in den 1960er Jahren den Begriff Bevölkerungsexplosion geprägt hatte, dass keine von dessen apokalyptischen Zehnjahresprognosen eintreffen würde – und behielt in allen Punkten völlig Recht.

Spätestens hier wird klar, dass Lomborg, so tendenziös er auch argumentiert, doch einen wunden Punkt getroffen hat: Engagierte Umweltschützer neigen in

ihrem durchaus ehrenwerten Anliegen, eine zunächst desinteressierte Öffentlichkeit auf ökologische Probleme aufmerksam zu machen, zu mehr oder weniger krassen Übertreibungen. Und auch Experten heben, wenn sie bei politischen Anhörungen oder öffentlichen Auftritten Wirkung erzielen wollen, gern den schlimmsten von mehreren ökologischen Schätzwerten hervor.

Man muss es tatsächlich – je nach dem Grad des eigenen Engagements für Umweltbelange – peinlich oder komisch finden, wie sehr manche Kassandra übertrieben hat: Nach etlichen Prognosen aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wäre die Erde schon heute für Menschen kaum mehr bewohnbar, die Ressourcen wären erschöpft, die Biosphäre um unzählige Arten dezimiert.

Das heißt wiederum nicht, dass Lomborg etwa Recht hätte mit seiner Gegendevise "Alles wird besser". Er denkt stets nur in Marktkategorien, destilliert aus unzähligen Statistiken unentwegt Schätzungen von Kosten und Nutzen. Doch gerade in Umweltbelangen ist der Markt ein schlechter Ratgeber – denn der Markt ist blind für alles, was nicht schon auf dem Markt ist.

Darum kann Lomborg zum Schluss kommen, das Kyoto-Protokoll bringe nur Kosten, keinen Nutzen. Darum verfällt er anderswo dem Irrtum, aus stagnierenden Rohstoffpreisen auf unerschöpfliche Reserven zu schließen. Da hat ihm das Lehrbuchwissen, wonach der Preis ein Knappheitsindikator ist, ein Schnippchen geschlagen: Der Markt weiß nicht von allein, was in Jahrzehnten knapp sein wird. Man muss ihm schon auf die Sprünge helfen, etwa durch künstliche Verknappungsaufschläge auf den Preis noch gängiger, aber demnächst absehbar rarer Güter – und ganz allgemein durch Einbeziehen externer Umweltfaktoren in den Preis.

Kurz, ohne aktive Umweltpolitik geht es auf Dauer nicht. Denn von selbst wird nichts besser; man muss es besser machen.

In den nachfolgenden Artikeln gehen drei ausgewiesene – und in Lomborgs Buch namentlich angegriffene – Experten ihres jeweiligen Fachs auf seine Attacken ein. Auf die zuerst im Januar 2002 in Scientific American publizierten Artikel reagierte Lomborg unterdessen mit einer gut dreißigseitigen Verteidigungsschrift, die im Internet sowohl auf der Scientific-American-Webseite (www.sciam.com) zu finden ist als auch auf der Webseite von Lomborg (www.lomborg.org). Außerdem gibt es im Netz eine Webseite seiner Gegner (www.anti-lomborg.com) sowie eine Stellungnahme der Union of Concerned Scientists (www.ucsusa.org/index.html). Damit dürfte die Lomborg-Kontroverse aber noch lange nicht zu Ende sein.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 36
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002

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