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Archäologie: Als die Gallier Römer wurden

Mit militärischer Gewalt eroberte das römische Reich Gallien und mit Geschick romanisierte es die Kelten, bis nichts mehr an deren eigene Kultur erinnerte.


Wer in der Schule Französisch gelernt hat, tut sich später mit dem Italienischen oder Spanischen leicht. Dass sich die deutsche Sprache so stark von den als romanisch bezeichneten unterscheidet, ist leicht zu erklären: Im ersten Jahrhundert v. Chr. eroberte das römische Imperium ganz Westeuropa, von der Atlantikküste bis zum Rhein. Die Kultur der in Gallien – dem heutigen Frankreich, Belgien, der Westschweiz und Teilen Südwestdeutschlands – lebenden keltischen Völker verschwand in den folgenden 200 Jahren, wurde weitgehend von der römisch-italischen verdrängt; selbst die keltische Sprache verschwand und wurde durch die lingua Latina und die romanischen Tochtersprachen ersetzt.

Dieser als »Romanisierung« bezeichnete Prozess war weitaus radikaler als etwa die kulturelle Überfrachtung in den europäischen Kolonien des 19. Jahrhunderts oder die Amerikanisierung der Ureinwohner Nordamerikas. Archäologen verschiedener europäischer Einrichtungen tragen derzeit die Resultate ihrer Forschung zusammen, um diesen Vorgang besser zu verstehen. Wichtige neue Erkenntnisse lieferten insbesondere Ausgrabungen der letzten Jahre, die mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft beiderseits des Mittelrheins, im antiken Siedlungsgebiet des keltischen Volks der Treverer und ihrer östlich lebenden germanischen Nachbarn durchgeführt wurden.

Das römische Imperium war keineswegs die erste Macht des Mittelmeerraumes, die Kontakt zu den »Barbaren« nördlich der Alpen aufnahm. Griechen und Etrusker lieferten im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Wein und Trinkgeschirr von Italien und Südfrankreich aus in das heutige Württemberg oder Burgund. Zudem gelangten, wahrscheinlich als diplomatische Geschenke, kostbare Prunkgefäße, wie der berühmte Bronzekessel aus dem Fürstengrab von Hochdorf zu den Kelten. Welche Produkte im Gegenzug den Weg nach Süden nahmen, wissen wir leider noch nicht. Mit dem Handel einher ging auch ein Kulturimport. Die Kelten übernahmen Sitten, Techniken und Elemente der Kunst. Die in Südwestdeutschland und Ostfrankreich herrschenden Adligen pflegten um 500 v. Chr. Trinksitten, die dem griechisch-etruskischen Symposion ähnelten: Ausgestreckt auf griechischen Luxusklinen – bettenartigen Lagern aus reich mit Elfenbein- und Bernsteinintarsien verziertem Holz – trank man importierten Wein und einheimischen Met, die nach mediterranem Vorbild in Keramik- oder Metallgefäßen mit weiter Öffnung, so genannten Krateren, mit Wasser gemischt und aus Kannen ausgeschenkt wurden. Sie kopierten und modifizierten Schutzwaffen und beauftragten Steinmetze mit der Anfertigung lebensgroßer Statuen nach italischem Vorbild. An der oberen Donau entstand im 6. Jahrhundert v. Chr. sogar die erste Stadtanlage nördlich der Alpen. Wie die südlichen Städte wurde sie von einem Burgberg überragt, errichtet aus luftgetrockneten Lehmziegeln nach punisch-phönizischem oder etruskischem Vorbild.

Diese Phase der Mediterranisierung fand um 400 v. Chr. ein Ende, als keltische Völkerschaften ihre Heimat nördlich der Alpen verließen und auf ihren Wanderungen als Eroberer bis ins Karpatenbecken, nach Griechenland, ja selbst bis nach Anatolien zogen. Auch nach Italien drangen sie vor, besiegten die Etrusker, eroberten 387 v. Chr. Rom und beherrschten für die folgenden 150 Jahre die Gebiete nördlich des Po, welche von den Römern deshalb als Gallia Cisalpina (das diesseits, also südlich der Alpen gelegene Gallien) bezeichnet wurden. Erst mit dem Erstarken Roms gerieten die Kelten im 3. Jahrhundert v. Chr. militärisch in die Defensive, 222 v. Chr. verloren sie den Kampf um die Gallia Cisalpina. Etwa hundert Jahre später gelangte der Süden Galliens bis zum Genfer See unter römische Herrschaft.

Als Gaius Iulius Caesar (100-44 v. Chr.) im Jahre 58 v. Chr. Statthalter dieser jungen römischen Provinz in Südfrankreich wurde, erstreckte sich nördlich davon ein riesiges, den Römern weitgehend unbekanntes Gebiet, das sie pauschal als Gallia comata, als das langhaarige, das barbarische Gallien bezeichneten. Tatsächlich handelte es sich bei den dort herrschenden keltischen Völkern um hochkomplexe Gesellschaften, deren Kultur nicht zuletzt durch die jahrhundertelangen Kontakte mit Etruskern, Griechen und Italikern geprägt war. Diesen Stämmen konnten bis zu mehrere hunderttausend Menschen angehören. Die führenden Adligen und Fürsten kontrollierten urbane Zentren, lateinisch oppida genannt, in denen Handwerker und Händler lebten.

Gallien war vor der Okkupation also keineswegs unzivilisiert. Vielmehr lebten dort arbeitsteilige Gesellschaften mit Münzgeldwirtschaft und einem gut ausgebauten Straßennetz, zum Teil mit Brücken. Auch zu Wasser herrschte lebhafter Handelsverkehr. Allerdings war die Gallia comata politisch sehr instabil und damit eine latente Bedrohung für das Römische Reich. Für Unruhen sorgten insbesondere wandernde germanische Völker, wie die Kimbern und Teutonen oder die Sueben, die von Nordosten eindrangen und gallische Stämme in angrenzende Gebiete zwangen.

Genozid im Namen Caesars

So verließ im entscheidenden Jahr 58 v. Chr. der bedeutende keltische Stamm der Helvetier seine Heimat in der Schweiz und wanderte westwärts. Den Versuch, römisches Reichsgebiet zu passieren, deutete Caesar als aggressiven Akt und entfesselte ohne Auftrag des römischen Senates den gallischen Krieg (bellum Gallicum).

Glaubt man Caesars Angaben, haben seine Truppen 258000 Helvetier getötet, lediglich 110000 überlebten und wurden zur Rückkehr in ihre verwüstete Heimat gezwungen. Die römische Militärmaschinerie wütete mit erschreckender Brutalität. Siedlungen, Felder und Ernten wurden niedergebrannt, Vergewaltigung und Versklavung im großen Stil betrieben, ganze Völker und Stämme ausgerottet. Etwa drei Jahre nach dem Sieg über die Helvetier massakrierten die Soldaten am Niederrhein angeblich 430000 Germanen vom Volk der Tencterer und Usipeter, die über den Fluss nach Gallien vorgedrungen waren. Der Bericht über diesen Genozid, der auch vor wehrlosen Frauen und Kindern nicht Halt machte, erregte selbst im römischen Senat Empörung, sodass Cato der Jüngere forderte, Caesar wegen Verletzung des Völkerrechts an die Germanen auszuliefern, um den Zorn der Götter gegen Rom zu besänftigen. Doch diese Kritik blieb episodisch und war letztlich innenpolitisch motiviert. Im Wesentlichen herrschte in Rom Begeisterung über Caesars Erfolge, und der Senat billigte die Offensiven im Nachhinein. Kein Wunder: Italien wurde mit erbeutetem gallischem Gold derart überschwemmt, dass der Preis für das Edelmetall um 25 Prozent nachgab. Caesar betrat Gallien als verschuldeter Mann und verließ es als reicher Potentat, der Geld verleihen, Politiker bestechen und riesige Prunkbauten errichten konnte.

Trotz schwerer Verluste in den Jahren 58 bis 53 v. Chr. blieb der gallische Widerstand zunächst ungebrochen. Erst die Niederlage der großen Allianz gallischer Stämme unter ihrem Führer Vercingetorix in der Schlacht von Alesia 52 v. Chr. besiegelte das Schicksal der Kelten Galliens. Die Zahl der Toten, der Versklavten und Verstümmelten, der Waisen und Heimatlosen, die Caesars bellum Gallicum gefordert hatte, dürfte in die Millionen gehen.

Angesichts der blutigen Eroberung erstaunt die nun folgende, offenbar sehr gemäßigte und tolerante Kolonialpolitik. Spätestens mit Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. war die Provinz vollständig integriert, seine Bewohner dürften sich als Teil des Imperiums verstanden haben. Denn anders als der europäische Kolonialismus der Neuzeit verzichteten die neuen Herren auf Rassismus und missionarischen Eifer.

Kein Wechsel im Götterhimmel

Geschickt verstanden sie es vielmehr, traditionelle und zur römisch-italischen Kultur passende Strukturen in ihren Dienst zu nehmen. Wenn Römer wie Kelten bereits an eine Vielzahl von Götter glaubten, die auch noch miteinander vereinbar waren, warum dann die einheimischen verbieten? So durfte der zwischen Maas und Mittelrhein siedelnde Stamm der Treverer an seinem Hauptgott Lenus festhalten. Sie setzten ihn gleich mit dem römischen Mars und verehrte ihn fortan als Lenus Mars.

Der allmählichen Integration waren auch kompatible Gesellschaftsstrukturen förderlich, insbesondere das Patron-Klienten-System: Ein Hochrangiger herrschte über eine Vielzahl von Personen niedrigeren Ranges, trug aber auch Sorge für ihr Wohlergehen. Das war in Rom beispielsweise ein Feldherr, der nicht nur seine Beute mit den Soldaten teilte, sondern ihnen auch ein gedeihliches Auskommen nach ihrer Dienstzeit garantierte. Dafür konnte er bei Wahlen zu politischen Ämtern auf ihre Stimme rechnen. In Gallien hatten Krieger und Adlige eine Gefolgschaft von sozial tiefer stehenden Stammesangehörigen. Um diese Elite zu Abhängigen Roms zu machen und damit wiederum ihre Klientel zu verpflichten, forderte Caesar Geiseln von den Stämmen, ein damals übliches Verfahren. Meist wurden dafür Söhne führender Adliger ausgewählt. Nach Rom oder in eine andere Stadt des Reiches gebracht, erlebten diese Kinder und Jugendliche die Vorzüge der fortschrittlicheren Kultur. Umerzogen kehrten sie in ihre Heimat zurück und übernahmen ihre Rolle als Vasallen Roms. Viele erhielten sogar Befehl über Auxiliareinheiten – aus Nichtrömern bestehende Hilfstruppen – und kämpften an den Fronten des Imperiums.

Diese Entwicklung spiegeln auch Funde in keltischen Adelsgräbern: Wenige Jahre nach dem Krieg stammten die Beigaben meist noch aus einheimischer Produktion, waren aber ab etwa 30 v. Chr. mehr und mehr Importware. So verdrängte das römische Kurzschwert, gladius genannt, das keltische Hiebschwert; Krüge, Siebe und feinkeramische Teller zeugen von römischen Trink- und Gastmahlsitten. Offenbar hatte sich manch ein gallischer Adliger schnell von der schlichten einheimischen Küche getrennt und auch ansonsten von seiner neuen Rolle profitiert.

Wer aber mit den Eroberern nicht kooperierte, verlor Einfluss und Macht. Diesen Prozess konnte der Prähistoriker Ralf Gleser von der Universität Saarbrücken am Gräberfeld von Hoppstädten bei Birkenfeld an der oberen Nahe ablesen. Die Ausgrabungsergebnisse zeigen, dass hier bis in die ersten Jahre nach dem Gallischen Krieg Angehörige einflussreicher Adelsfamilien nach althergebrachter Sitte mit Wagen- und Waffenbeigaben bestattet worden waren. Diese betont konservativ ausgestatteten Gräber enthielten keinerlei Beigaben römischer Produktion. In den Grablegen der folgenden Generation lässt sich eine fortschreitende Verarmung ablesen, die den Machtverlust der dort ansässigen keltischen Adelsfamilien widerspiegeln dürfte.

Drehscheibe Trier

Eine grundlegende Neustrukturierung der von Caesar eroberten Gebiete setzte jedoch erst nach dem Ende des römischen Bürgerkrieges ein. Augustus begab sich zwischen 27 und 13 v. Chr. mehrmals selbst nach Gallien, förderte durch den systematischen Straßenbau eine bessere Erschließung des Landes und verlegte die Legionen aus dem Inneren an den Rhein. Von dort aus sollte die Eroberung Germaniens erfolgen. Damit erlangten die rheinnahen Gebiete Nord- und Ostgalliens zentrale strategische Bedeutung für das Imperium, denn sie mussten nun die Versorgung der Rheinlegionen sichern. Kooperation der einheimischen Eliten war dazu erforderlich; zahlreiche Angehörige der alten keltischen Adelsfamilien erhielten deshalb unter Augustus das römische Bürgerrecht.

Die meisten oppida waren nach dem Krieg aufgegeben worden, lediglich Tempelanlagen entwickelten sich an solchen Standorten weiter, wie etwa das Lenus-Heiligtum auf dem Martberg. Nun entstanden wieder Städte, diesmal aber mit römischem Zuschnitt. In sicherer Entfernung zur Rheingrenze errichtete man in einer Talweite der Mosel gleichsam vom Reißbrett ein urbanes Zentrum, die Augusta Treverorum, heute Trier. Die Bevölkerung bestand überwiegend aus einheimischen Galliern vom Stamm der Treverer, die aus aufgegebenen oppida umgesiedelt worden waren oder vom Land zuzogen. Immigranten, die es als römische Verwaltungsbeamte, Militärs oder als Kaufleute aus Italien und anderen römischen Provinzen nach Trier verschlug, waren dagegen deutlich in der Minderheit. Die Stadt entwickelte sich rasch zur Wirtschafts- und Verwaltungsdrehscheibe. Nach diesem Schema sollte wohl auch das rechtsrheinische Germanien romanisiert werden, doch die vernichtende Niederlage im Teutoburger Wald bei Kalkriese setzte diesen Plänen 9 n. Chr. ein Ende (Spektrum der Wissenschaft 2/1992, S. 40; 2/2000, S. 76).

Elemente der als überlegen empfundenen Fremdkultur wurden von keltischen Stadtbewohnern nach und nach übernommen und zunehmend als Bestandteil der eigenen Kultur angesehen. Schließlich profitierten diese Menschen davon. Die archäologischen Funde lassen keinen Zweifel daran, dass Gallien unter römischer Herrschaft einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Hochwertige Feinkeramik, Bronzeschmuck, Glas und Eisengeräte, die in der vorrömischen Eisenzeit kostbar und rar waren, gehörten spätestens seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. zum täglichen Gebrauchsgut eines Großteils der Bevölkerung. Aquädukte sicherten die Wasserversorgung der Stadtbevölkerung, und Kanalsysteme führten das Abwasser aus den urbanen Zentren hinaus. Intensivierung und Spezialisierung der Landwirtschaft nach römischem Vorbild verbesserte die Ernährungslage.

Auch die medizinische Versorgung der einheimischen Bevölkerung dürfte sich durch den kulturellen Einfluss Roms wesentlich verbessert haben. Im großen Gräberfeld des römischen Marktfleckens von Belginum (heute Morbach-Wederath) im Hunsrück, das unter der Leitung des Archäologen Alfred Haffner (Universität Kiel) vollständig ausgegraben wurde, fanden sich Bestattungen von Zahnärzten und Badern, die mit ihren medizinischen Instrumenten beigesetzt worden waren. Dergleichen findet man für das 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. zwar im römischen Reichsgebiet in großer Zahl, außerhalb des Imperiums aber kaum.

Der Anthropologe Manfred Kunter von der Universität Gießen hat die Skelettreste von Leichenbränden des Wederather Gräberfeldes untersucht und eine deutlich reduzierte Kindersterblichkeit im Zuge der Romanisierung ermittelt. Demnach betrug die durchschnittliche statistische Lebenserwartung während der vorrömischen Zeit 17,3 Jahre, in römischer Zeit dagegen immerhin 27,5 Jahre. Eine weitere Beobachtung des Anthropologen: Die Wederather Frauen litten in der römischen Zeit weniger unter Krankheiten; Mangelernährung, und Infektionen hatten viel von ihrem Schrecken verloren. Allerdings mussten die Männer nach der Besetzung Galliens offensichtlich härter arbeiten – degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule und an den großen Gelenken nahmen deutlich zu.

Die allgemeine Verbesserung der Lebensqualität spiegelt sich auch im Bevölkerungswachstum: Siedlungs- und Gräberfunden zufolge lebten im römisch besetzten Gallien zeitweise mehr als zwanzig Menschen pro Quadratkilometer. Allerorten wurden im späten 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. villae rusticae (ländliche Gehöfte) neu errichtet. Neue archäologische Kartierungen zeigen, dass das Trierer Land von einem dichten Netz von Bauernhöfen überzogen war, die maximal einen Kilometer voneinander entfernt lagen. Marktflecken und Kleinstädte säumten die Fernstraßen. Die Gesamtbevölkerung Galliens während der provinzialrömischen Blütezeit im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. wird auf etwa elf Millionen Menschen geschätzt. Eine vergleichbare Bevölkerungsdichte erreichte Gallien erst wieder im Hochmittelalter und während der frühen Neuzeit. Wer hätte angesichts solcher Vorteile der Fremdkultur widerstehen können?

Aufstand der Hilfstruppen

Auf dem Land verlief die Entwicklung länger in traditionellen Bahnen als in den Städten: Noch vier Generationen nach dem Ende des Gallischen Krieges wohnte die einfache Landbevölkerung in stroh- oder holzgedeckten Pfosten- oder Fachwerkbauten und lebte von dem, was die Scholle hergab. Erst im letzten Viertel des 1. Jahrhunderts n. Chr. änderte sich diese Lage. So entstanden zum Beispiel im Stammesgebiet der Treverer vielerorts respektable Gehöfte, Tempelanlagen und Marktflecken aus Stein. Andererseits wurden viele keltisch geprägte Friedhöfe plötzlich nicht mehr genutzt.

Der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (etwa 55-115 n. Chr.) hat möglicherweise eine Ursache dieser Entwicklung überliefert: In den Jahren 69 und 70 n. Chr., also etwa 130 Jahre nach der Eroberung durch Caesar, erhoben sich verschiedene nordgallische und niedergermanische Stämme gegen Rom. Die Anführer waren einheimische Adlige, die das römische Bürgerrecht besaßen und als Offiziere Auxiliareinheiten befehligten. Dem Treverer Iulius Classicus und dem Bataver Iulius Civilis gelang es zeitweise sogar, das Gebiet der heutigen Niederlande und die südlich anschließenden Regionen an Rhein, Mosel und Saar unter Kontrolle zu bringen. Die in Novaesium und Bonna, dem heutigen Neuß beziehungsweise Bonn, stationierten regulären römischen Legionen schlossen sich den aufständischen Treverern an und ließen sich von Classicus neu vereidigen. Ob sie ihm oder dem ausgerufenen imperium Galliarum, also einem von Rom unabhängigen Gallischen Reich die Treue schworen, ist nicht bekannt. Schlechter erging es den Legionären in Castra Vetera (Xanten). Nach erfolgreicher Belagerung richteten Civilis und seine batavischen Verbände ein Blutbad an und machten das Lager dem Erdboden gleich.

Die Hintergründe des Aufstandes liegen im Dunkeln. Wahrscheinlich spielten Übergriffe römischer Militärs bei der Aushebung von Truppen in Niedergermanien und Nordgallien eine Rolle. Letztlich verantwortlich dürfte jedoch die chaotische innenpolitische Situation des Römischen Reiches gewesen sein. Zwischen Juni 68 und Dezember 70 n. Chr. regierten in Rom fünf verschiedene Kaiser: Nero, Galba, Otho, Vitellius und Vespasian. Bis auf Letzteren fanden sie alle in diesem Zeitraum einen gewaltsamen Tod. Während sich die überwiegend aus Italien stammenden, am Rhein stationierten Legionäre letztlich opportunistisch verhielten und sich relativ schnell mit den wechselnden Machtverhältnissen arrangierten, war die einheimische Bevölkerung einschließlich der Auxiliareinheiten offensichtlich tief verunsichert. Die gallischen Adligen fühlten sich als Klienten jener Dynastie verpflichtet, die Caesar und Augustus begründet hatten. Die neuen Machthaber des Jahres 69 gehörten diesem Herrscherhaus nicht an und waren aus dieser Sicht keine legitimen Herrscher, Vespasian, Sohn eines römischen Zollbeamten, noch nicht einmal edler Herkunft.

Abgesang der Druiden Im Unterschied dazu konnte sich Iulius Classicus auf vorrömische königliche Abstammung berufen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die reichen und politisch einflussreichen Repräsentanten der alten keltischen Adelsfamilien selbstbewusst beschlossen hatten, angesichts der chaotischen Entwicklung in Rom in eigener Sache politisch aktiv zu werden.

Welche Motive die Aufständischen im Einzelnen verfolgten, ob sie lediglich die neuen Kaiser in Rom oder die Herrschaft Roms schlechthin ablehnten, lässt sich nicht ermitteln. Ebenso unklar ist die Rolle der Druiden in diesem Aufstand. Die Priester und einstigen Erzieher der Jugend verstanden sich als Bewahrer keltischer Geschichte, Mythologie und Religion. Obwohl das Römische Imperium in den eroberten Provinzen in aller Regel eine tolerante Religionspolitik praktiziert hatte, waren die Druiden Galliens und Britanniens wiederholten Verfolgungen ausgesetzt. Schon zur Zeit Caesars opponierten einige von ihnen gegen den römischen Einfluss. Zu einem systematischen und harten Vorgehen gegen die keltische Priesterschaft und ihre Lehre sah sich aber erst Kaiser Claudius (10 v.-54 n. Chr.) gezwungen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass sich gegen Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine religiös motivierte Freiheits- oder Heilsbewegung formiert hatte. Als um die Jahreswende 69 auf 70 die Nachrichten vom Brand des Kapitols in Rom, vom Tod des Kaisers Vitellius und von der Anerkennung des Emporkömmlings Vespasian durch den Senat den Rhein erreichten, sollen die Druiden das Ende des Römischen Reiches geweissagt haben.

Es ist denkbar, dass die keltische Priesterschaft, die offensichtlich als einzige gesellschaftliche Gruppe aktiven Widerstand gegen die fortschreitende kulturelle Assimilation leistete, eine entscheidende Rolle in den Aufständen der Jahre 69/70 n. Chr. spielte. Dieses Phänomen – Widerstand einige Generationen nach der Unterwerfung mit charismatischen Religionsführern an der Spitze – hat es im Laufe der Geschichte immer wieder in unterschiedlicher Ausprägung gegeben; man denke nur an die gewaltsame Mau-Mau-Bewegung in Kenia oder die friedliche nordamerikanische Geistertanzbewegung im späten 19. Jahrhundert.

Luxuriöse Prunkvillen

Und wie so oft in der Geschichte scheiterte auch dieser Aufstand am Militärapparat der Machthaber. Nachdem der Aufstand von zusätzlichen Legionen niedergeschlagen worden war, flüchteten 70n.Chr. mehr als hundert treverische Senatoren – ein Großteil der aristokratischen Führungsschicht – über den Rhein ins freie Germanien. Vermutlich konfiszierte das Imperium daraufhin ihre Ländereien und verteilte sie neu. Davon dürfte eine prorömische Mittelschicht profitiert haben, die nun mit Eifer die ländlichen Gebiete umstrukturierte. Die bislang auf Selbstversorgung ausgerichtete Landwirtschaft wurde weiter intensiviert und auf Überschussproduktion ausgerichtet. Allerorten entstanden luxuriöse Prunkvillen: Wohnsitze von Großgrundbesitzern, von denen die einfache Landbevölkerung als Pächter, Arbeiter oder Sklaven abhängig war. Das alte Patron-Klienten-System, das durch die Emigration der treverischen Adligen seine Basis verloren hatte, wurde nun durch neue Formen der Abhängigkeit ersetzt. Von da an konnte sich auch auf dem Lande niemand mehr der Romanisierung entziehen. Wie auch in heutiger Zeit dürften sich Angehörige der älteren Generation schwer damit getan haben, der rasanten Veränderung ihrer Lebenswelt zu folgen.

Der letzte Widerstand gegen das Imperium war gebrochen. Die wirtschaftliche und politische Lage blieb fortan stabil, die römische Kultur- und Religionspolitik sehr moderat. Vermutlich erschien die Zugehörigkeit zum Weltreich der Mehrheit der Kelten schließlich nicht nur segensreich, sondern selbstverständlich. Keine andere große ethnisch-kulturelle beziehungsweise sprachliche Gruppierung Europas wurde in einem solchen Maße überfremdet und ausgelöscht wie die der Kelten. Die archäologischen und literarischen Quellen lassen keinen Zweifel daran, dass von deren ursprünglicher Kultur im 4. Jahrhundert n. Chr. nur noch Rudimente erhalten waren.

Trier hatte sich vom Vorort zur Kaiserresidenz und führenden Metropole im Westen des Römischen Reiches, zu einer durch und durch römischen Stadt, entwickelt. Wie stark auch die umliegende Landschaft mediterran geprägt war, veranschaulicht eine epische Beschreibung des Mosellandes, die der in Trier lebende Prinzenerzieher Ausonius (etwa 310-395 n. Chr.) um 371 n. Chr. verfasst hat: "Villen, die mit ragendem Giebel auf Felsen stehen ... und Schlösser schmücken bald hüben, bald drüben die Ufer ... Käme ein Gast von Cumaes Gestaden hierher, so würde er meinen, das euböische Baiae habe dieser Gegend ein bescheidenes Abbild von sich geschenkt, solche Verfeinerung und solcher Glanz locken hier ..."

Bald verdrängte das Christentum die Überbleibsel der druidischen Religion und Latein ersetzte die keltische Sprache. Nur außerhalb des Imperiums, in Irland, Schottland, Wales und Teilen Südwestenglands konnte sie sich behaupten. Als das Imperium im 5. Jahrhundert n. Chr. unter dem Ansturm der Völkerwanderung zerbrach, brachten Bretonen aus Südwestengland das Keltische zurück auf den Kontinent. Ohne Bemühungen im 20. Jahrhundert, den einst bedeutenden Zweig des Indoeuropäischen zu erhalten, wäre Keltisch heute längst eine vergessene Sprache.

Literaturhinweise


Schwerpunktthema Romanisierung. Von Alfred Haffner et al. in: Archäologie in Deutschland, Heft 3, S. 18 (2001).

Kelten, Germanen, Römer im Mittelgebirgsraum zwischen Luxemburg und Thüringen. Von Alfred Haffner et al. (Hg.). Habelt, Bonn 2000.

Roman Germany. Studies in cultural interaction. Von J.D. Creighton et al. (Hg.). Supplementary Series No. 32, Journal of Roman Archaeology, Oxford und Portsmouth/Rhode Island, 1999.


Romanisierung in Germanien – Im Schatten des Limes


Das in Gallien erfolgreiche Konzept, durch Stadtgründungen römische Lebensart zu verbreiten, sollte auch die Germanen rechts des Rheins ins Reich integrieren helfen. Das jedenfalls belegen Ausgrabungen der letzten Jahre in Waldgirmes, einem kleinen Ort im Lahntal, zwischen Wetzlar und Gießen gelegen. Um Christi Geburt entstand hier ein durch Gräben geschütztes Stadtareal mit Keramikmanufakturen und einem umbauten Forum, in dem ein vergoldetes Reiterstandbild aus Bronze vermutlich den Kaiser Augustus verherrlichte. Da sich sowohl römische Artefakte als auch solche aus germanischer Produktion dort fanden, dürften in diesem urbanen Zentrum wirklich für einige Jahre beide Völker friedlich in Koexistenz gelebt haben. Doch zwei Jahre, nachdem der Feldherr und Verwaltungsfachmann Publius Quinctilius Varus den Posten des Statthalters im angeblich befriedeten Germanien übernommen hatte, fanden drei Legionen, drei Reitereinheiten und sechs Kohorten, insgesamt wohl etwa 20000 Mann in der Schlacht im Teutoburger Wald – nach heutiger Kenntnis in einem Sumpfgebiet bei Kalkriese – ein unrühmliches Ende. Die in Gründung begriffenen Römerstädte östlich des Rheins wurden aufgegeben.

Stattdessen entstand seit dem späten 1. Jahrhundert zwischen Rhein und Donau der obergermanisch-rätische Limes, eine Grenze mit wenigstens 900 Wachtürmen, kleineren Militäranlagen und etwa sechzig größeren Kastellen; später kamen Palisaden, Gräben und Wälle hinzu. Sie sollten aber wohl weniger Überfälle verhindern als im Notfall Einheiten aus dem Hinterland durch Feuer-, Rauch- und Hornsignale herbeirufen und den Waren- und Grenzverkehr kontrollieren. Dieser zeigte später in Innergermanien durchaus Wirkung; so entstanden im heutigen Thüringen nach römischem Vorbild organisierte Töpfereizentren. Doch die unmittelbaren Anwohner der Grenze bewahrten sich ihre traditionelle Lebensart. Das belegen auch Nahrungsreste und andere organische Funde: Anders als im römisch besetzten Gebiet dominieren die Sommergetreide die Pflanzenfunde, während Wintergetreide und andere Nutzpflanzen, Obst, Nüsse und Gewürze aus Mittelmeerländern offenbar weder angebaut noch importiert wurden. Wollten sich die Germanen des Limesvorlandes bewusst vom unmittelbar benachbarten Imperium abgrenzen, wie der Archäologe Bernd Steidl von der Prähistorischen Staatssammlung München glaubt? Siegmar von Schnurbein, Direktor der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt, sieht in dieser Haltung das Ergebnis einer Selektion: Wer Gefallen an der überlegenen Fremdkultur hatte, emigrierte über den Limes in die römische Provinz.


Römische Propaganda – Menschenopfer oder Bestattungsritus?


Unser Wissen über die keltische Kultur ist sehr lückenhaft, da sie erfolgreich von der römischen verdrängt wurde. So wissen wir nicht, ob die Berichte römischer und griechischer Historiker wirklich zutreffen, wonach die Kelten Menschenopfer vollzogen und die Schädel erschlagener Feinde einbalsamierten oder zu Trinkschalen verarbeiteten. In jedem Fall dienten entsprechende Greuelgeschichten der römischen Propaganda und lieferten Vorwände für die caesarische Expansionspolitik. Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte deuten allerdings darauf hin, dass Menschenopfer in einigen Regionen Galliens tatsächlich praktiziert wurden und dass die Kelten Bestattungssitten hatten, die auf römische Beobachter höchst befremdlich wirken mussten. So fanden Archäologen in dem keltischen Heiligtum von Ribemont-sur-Ancre (Frankreich) Skelette enthaupteter Männer, die mit Waffen in einem Graben lagen. Im keltischen Dorf von Acy-Romance in den französischen Ardennen freigelegte Skelette verblüfften durch eine stark gekrümmte Sitzhaltung. Wahrscheinlich hatte man die Leichname in enge Holzkisten gezwängt, um sie dann in einem tiefen Schacht der Verwesung auszusetzen. Erst danach wurden sie begraben. Die eigentümliche Fundlage und ein Beilhieb auf einem der Schädel lassen vermuten, dass auch diese Menschen bei kultischen Handlungen getötet wurden. Da diese Praktiken mit der römischen Kultur vollkommen unvereinbar waren, nimmt es nicht wunder, dass sie im besetzten Gallien schnell verschwanden.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2003, Seite 72
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2 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2003

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