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Interview: „Noch ist Geld ein Zwangsmittel“

Unsere Gesellschaft ist vom "Moneyismus" durchdrungen, erklärt der Soziologe Paul Kellermann. Wozu führt der blinde Glaube an das Geld – und welche Alternativen gibt es?
Paul Kellermann

Herr Professor Kellermann, Sie beschäftigen sich mit dem sozialen Stellenwert von Geld. Was interessiert Sie daran?

Ich bin über das Thema Arbeit dazu gekommen. Denn darunter verstehen wir heute fast nur noch Erwerbsarbeit, der man nachgeht, um auf legitime Weise an Geld zu kommen. Viel Arbeit wird einzig und allein des Geldes wegen geleistet, und umgekehrt gibt es eine Menge höchst dringlicher Aufgaben, die gar nicht angegangen werden, weil damit kein Geld zu verdienen ist. Man denke nur an den zerbröselnden Betonmantel um den geschmolzenen Reaktor von Tschernobyl – niemand käme auf die Idee, den zu erneuern, wenn daran nichts zu verdienen wäre. Der einseitige Fokus auf das Geldverdienen führt dazu, dass andere Arbeit, die aus ethischen, ökologi­schen oder gesellschaftlichen Gründen geboten erscheint, unerledigt bleibt.

Jeder strebt nach Geld, doch gleichzeitig verachten wir es auch zu einem gewissen Grad. Was ist der Grund für dieses ambivalente Verhältnis?

Geld ist ein Zwangsmittel, weil wir ohne es in ­unserer Gesellschaft nicht existieren könnten. Wir müssen eben so gut wie alles, was wir brauchen, kaufen. Das Paradoxe dabei ist, dass der Einzelne glaubt, Geld – und nur Geld – biete ihm die größtmögliche Freiheit, und gleichzeitig ist es, im größeren Maßstab betrachtet, das Medium der Unfreiheit: Die, die wenig oder kein Geld haben, müssen sich denen, die viel besitzen, ­unterordnen, für sie arbeiten, ihre Anweisungen befolgen. Der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau schrieb einst in seinem Werk "Du contrat social", in einer gerechten Gesellschaft dürfe niemand so reich sein, dass er andere Menschen kaufen kann, und niemand so arm, dass er sich anderen unterwerfen muss. ...

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  • Quelle

Kellermann, P. (Hrsg.): Die Geldgesellschaft und ihr Glaube. VS, Hiedleberg 2007

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