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Demografie: Altersbeben.

Wie wir die demografische Erschütterung in Wirtschaft und Gesellschaft meistern werden. Campus, Frankfurt am Main 1999. 291 Seiten, DM 39,80.


Die Zunahme der Lebenserwartung und die zum Teil stark zurückgehenden Geburtenzahlen werden vor allem in den hoch entwickelten Ländern die Altersstruktur dramatisch verändern. Aus der Bevölkerungspyramide wird ein Pilz, vielen Alten werden in vierzig Jahren wenig Junge gegenüberstehen. Wirtschaft, Arbeitsmarkt, soziale Sicherungssysteme und viele andere Bereiche werden von dieser Entwicklung stark beeinflusst werden. Mit diesem demografischen Strukturwandel und seinen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Herausforderungen und Folgen beschäftigt sich der englische Journalist Paul Wallace.

Seine These lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "Die demografische Entwicklung ist an allem schuld." Flott geschriebene Kommentare prägen den Stil der Darstellung, die viele Wahrheiten enthält, manches jedoch zu stark vereinfacht. Regionale und globale Betrachtungen überlagern sich mitunter kaum merkbar; was regional gilt, kann global jedoch falsch sein. Dieselben Belege werden einmal positiv, einmal negativ bewertet, und natürlich findet sich für alles eine Quelle.

Um seine Aussagen zu belegen, spielt der Autor durchaus elegant mit ökonomischen Größen und Zahlen. Manche Begriffe ("wahrscheinliche Lebenserwartung") werden – vielleicht aus journalistischer Großzügigkeit oder wegen schlechter Übersetzung – unsauber verwendet. So ist der Satz "Ich benutze den Begriff Durchschnittsalter durchgängig zur Bezeichnung jenes Mittelwerts des Alters, der die Gesellschaft in zwei Hälften teilt" sprachlich unglücklich, inhaltlich undeutlich und für den Laien kaum verständlich.

Die einzelnen Beiträge argumentieren mit absoluten oder mit relativen Werten statistischer Größen im ständigen Wechsel, was nicht ganz unproblematisch ist. Trivialitäten werden mit Spekulationen und Informationen gepaart verkauft. Alle Beiträge haben zwar dasselbe Thema zum Gegenstand, den demografischen Wandel und seine Folgen, und insoweit geht ein roter Faden durch das Buch; sie wirken dennoch unverbunden nebeneinander gestellt. An machen Stellen vermeint man zu spüren, dass für die deutsche Ausgabe der Text um auf Deutschland bezogene Beispiele nachträglich erweitert wurde; der Textfluss ist an diesen Stellen gestört.

Jeder Beitrag hätte Wesentliches zu sagen, wenn der Autor nicht jede Aussage durch Zusätze wie "wahrscheinlich", "unwahrscheinlich", "könnte", "vielleicht", "Potenzial vorhanden" halb wieder zurücknehmen würde.

"Auch wenn westliche Investoren nicht sicher da-rauf bauen können, dürften die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt, China und Indien, ihren Wandel zu Industriestaaten in den nächsten 50 Jahren mit allergrößter Sicherheit vervollständigen." Dieser Satz kann exemplarisch für den Buchinhalt stehen. Er ist weder neu noch falsch, er könnte in jedem populärwissenschaftlichen Ökonomiebuch stehen und ist so zurückhaltend formuliert, dass man dem Autor selbst dann keinen Fehler ankreiden kann, wenn die Vorhersage nicht eintrifft.

Weniger wäre mehr gewesen, so möchte man meinen. Das Buch muss mit besonders kritischen Augen gelesen werden, da es mitunter leichtfertig Kausalzusammenhänge suggeriert, Ursache und Wirkung vertauscht und teilweise Schlüsse in die Zukunft zieht, die allenfalls eine Möglichkeit darstellen. Es ist nicht leicht zu lesen; gleichwohl ist es inhaltlich interessant und regt zur Diskussion an.

Die Kritik am Buch soll nicht den Blick auf die Bedeutung des Themas verstellen: Die Druckwelle des Altersbebens wird uns alle erfassen; wir können ihr nicht entgehen, wir können uns aber darauf vorbereiten, ihr ins Auge sehen und sie dämpfen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2000, Seite 105
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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