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Hirschhausens Hirnschmalz: Am Anfang war das Wort

Eckart von Hirschhausen

Was macht ein Pirat am Computer? Er drückt die Entertaste! Finden Sie nicht komisch? Dann denken Sie doch mal "um die Ecke", "über den Tellerrand hinaus" oder einfach "außerhalb der eingefahrenen Bahnen". Dass dies wirklich Ihren Horizont erweitert, zeigt eine neue Studie der Psychologin Angela Leung. Gemeinsam mit ihren Kollegen stellte sie populäre Metaphern über das kreative Denken auf den Prüfstand – indem sie diese ganz wörtlich nahm.

Die Forscher wählten das im Englischen arg strapazierte "thinking outside the box", was auf Deutsch als "außerhalb der Kiste denken" nie so gebräuchlich wurde. Bei uns steckt man Gedanken eher in Schubladen. Über 100 Freiwillige setzten die Forscher entweder in einen Pappkarton oder direkt daneben. Dann sollten die Teilnehmer klassische Kreativitätsaufgaben absolvieren, zum Beispiel möglichst originelle Verwendungen für einen Gegenstand finden. Das Ergebnis: Die ungewöhnlichsten Ideen lieferten die Probanden, wenn sie buchstäblich außerhalb der Kiste dachten.

Okay – der statistische Effekt war klein, aber trotzdem: Was ergibt sich aus diesem Ergebnis, wenn wir es für bare Münze nehmen? Soll man jetzt lauter Boxen bauen, nur um sie nicht zu benutzen? Was bedeutet das für Menschen mit Fertighäusern? Sind sie vor der Tür früher mit dem Denken fertig als drinnen? Oder sind sie dazu ohnehin zu fertig, weil sie zu wenig nach draußen gehen? Und soll man Künstlern raten, sich nicht in die Badewanne zu legen, sondern daneben? Wobei, die besten Ideen kommen ohnehin unter der Dusche. Aber nur, wenn man nicht auf dem Schlauch steht.

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Womit glauben Sie zu denken?

  1. A) Gehirn
  2. B) Geist
  3. C) Knie
  4. D) Sonstiges

In der Psychiatrie gilt es nicht als Zeichen von besonderer geistiger Leistung, alles wörtlich zu nehmen, im Gegenteil: Dieser "Konkretismus" weist auf krankhaft eingeschränktes Denken hin. Ein Arztkollege erzählte mir einmal, wie es ihn auf der Station genervt hat, dass die Patienten immer unangekündigt in sein Arztzimmer liefen. Er klebte ein Schild an die Tür: "Bitte klopfen!" Jetzt pochten einige bei jedem Vorbeigehen drauflos, auch wenn sie gar nicht zu ihm wollten – einfach weil sie impulsiv der Aufforderung folgten. Tja, noch schwerer als aus seiner Haut kommt man aus seinem Hirn! Der große Joseph Beuys machte es da wohl richtig, denn er meinte: "Ich denke sowieso mit dem Knie." Das könnte auch auf Schifahrer zutreffen. Sie rasen so schnell abwärts, dass der Nervenimpuls aus den Füßen, der für die Feinabstimmung der Schi sorgt, in den wenigen Millisekunden gar nicht bis ins Großhirn gelangen kann! Aber was denkt sich eigentlich das Hindernis beim Abfahrtsrennen? "Hier steh ich nun, ich armes Tor?" Vielleicht sollte ich selbst mal einen kurzen Boxenstopp im Denken einlegen. Apropos – ist bei Formel-1-Rennfahrern Déjà-vu als Berufskrankheit anerkannt? Dieses mulmige Gefühl: Diese Kurve hab ich genau so schon mal gesehen. Ein kreativer Pilot wäre demnach ein Quer-Lenker.

Wie ich auf all diesen Schmarren komme? Kann ich Ihnen auch nicht erklären. Ich hab schon mal ein MRT von meinem Kopf machen lassen. Ergebnis: "o. B.", ohne Befund. In jedem populären Buch zur Kreativitätsförderung wird empfohlen, man möge doch rechte und linke Hirnhälfte miteinander verbinden. Die beruhigende Nachricht: Die Hirnhälften sind bereits miteinander verbunden. Bei Ihnen auch! Die Verbindung nennt sich Corpus callosum, besser bekannt als der Balken. Nur bei wenigen Menschen fehlt er (siehe Artikel ab S. 70). Tätigkeiten, die uns auf vielen Ebenen fordern, fördern das Wachstum dieser Rechts-links-Verbindung, allen voran so schöne Dinge wie Tanzen, Musik machen oder Frau sein. Vereinfacht gesagt: Je dicker der Balken im Kopf, desto dünner das Brett vor dem Kopf. Horizont ist der Abstand von der Stirn bis zu diesem Brett. Und der kann offenbar erweitert werden, wenn man ab und an mal dicke Bretter bohrt. Na gut – ich hör schön auf. Seit meiner Knieoperation weiß ich: Nicht alles, was hinkt, ist eine Metapher! Aber einen hab ich noch: Wie nennt man einen Bumerang, der nicht zurückkommt? Stock.

April 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist April 2012

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  • Quelle
Leung, A. K. et al.: Embodied Metaphors and Creative "Acts". In: Psycholocial Science, im Druck