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Ökologie: Am Anfang war die Ökologie

Naturverständnis im Alten Testament
Antje Kunstmann, München 2002. 189 Seiten, € 16,90


"Wenn man die Gesetze der Juden im antiken Palästina, die in der Bibel enthalten sind, auf ihren biologischen Gehalt hin untersucht, so wird man zu erstaunlichen Ergebnissen kommen."

Dieses Versprechen aus der Einleitung wird in der Tat eingelöst. Aloys P. Hüttermann, Direktor des Instituts für Forstbotanik der Universität Göttingen und Ehrenmitglied der Hebräischen Universität von Jerusalem, und sein Sohn Aloys H. Hüttermann, promovierter Chemiker, wagen sich mit ihrem Buch auf ein Terrain, das sowohl jüdische als auch christliche Theologen schon seit langem beschäftigt. So gehören zum überlieferen Bestand des jüdischen Glaubens überaus komplizierte Speisevorschriften; die Autoren fragen, ob diese Regeln nach dem heutigen biologischen Kenntnisstand einen Sinn ergeben.

Eigentlich hat die Bibel in Bezug auf ihre ökologischen Aussagen einen schlechten Ruf. Das bekannte Zitat "Macht euch die Erde untertan" ist jahrhundertelang als göttlicher Freibrief für eine rücksichtslose Ausbeutung der Natur verstanden worden. Ein Missverständnis, sagen Vater und Sohn Hüttermann, das auf einem Übersetzungsfehler beruht. Dem Menschen wird durch Gott zwar eine herrschende Position über die Natur zugedacht, aber nur so lange, wie er sich ihrer als würdig erweist und die Natur mit dem ihr gebührenden Respekt behandelt.

Die landschaftlichen und klimatischen Verhältnisse, mit denen die Juden zu Zeiten des Alten Testaments konfrontiert waren, entsprachen in etwa denen der heutigen Mittelmeerregion: Es gab nur sehr wenig Niederschläge, die unregelmäßig über das Jahr verteilt fielen. Andere Kulturen mit ähnlich hohen Besiedlungsdichten haben es nachweislich nicht geschafft, unter vergleichbaren Bedingungen zu leben, ohne dass es zu massiven Hungersnöten und Einbrüchen in der Bevölkerungszahl kam. Dies ist bei den Juden nie vorgekommen.

Die Autoren sehen den Grund dafür in der Einhaltung strenger religiöser Vorschriften, die eigentlich ökologisch begründet waren. So hatten die auf dem Lande lebenden und arbeitenden Juden alle sieben Jahre ein Sabbatjahr einzulegen. In diesem Zeitraum war es ihnen untersagt, die Felder und Weinberge abzuernten; sie lebten von ihren bis dahin erwirtschafteten Vorräten. Durch diese Pause hatten die bewirtschafteten Böden Zeit zur Regeneration, wodurch der Humusschicht ihre Fruchtbarkeit erhalten blieb.

Die in der Bibel aufgeführten Regeln wurden jedoch nicht blind befolgt, sondern in Krisenzeiten weiterentwickelt. Im Jüdischen Krieg (67-70 n. Chr.) verwüsteten die Römer das Land, weshalb die Juden in die für Ackerbau ungeeigneten Hügelgebiete ausweichen mussten. Unter diesen Bedingungen wäre das profitabelste Auskommen durch Schaf- und Ziegenhaltung zu finden gewesen. Genau das verboten jedoch die Rabbiner, und die Juden hielten sich daran. In irgendeinem Sinne muss ihnen klar gewesen sein, dass sie durch die Kleinviehhaltung ihre ohnehin schon kargen Lebensräume weiter verwüstet hätten. Dieses Wissen ist durch moderne Forschungen inzwischen bestätigt worden, aber noch längst nicht Allgemeingut. Die Ausbreitung von Wüsten ist ein globales Problem von solcher Bedeutung, dass die Uno eigens zu ihrer Bekämpfung eine Konvention (United Nations Convention to Combat Desertification) verabschiedet und mehrere Kommissionen gebildet hat. Deren Berichte benennen die Kleintierhaltung als eine der Hauptursachen.

Mit ihrem Naturverständnis waren die Juden den zu dieser Zeit blühenden Hochkulturen der Ägypter, Griechen, Römer und Babylonier weit voraus. Für diese Diskrepanz liefern die Autoren eine plausible Begründung: Ägypter und Babylonier siedelten in sehr fruchtbaren Landstrichen, in denen ein schonender Umgang mit der Natur nicht so dringend geboten war. Den Römern und Griechen war die Schädlichkeit ihres Verhaltens durchaus bewusst, sie zogen jedoch keine Konsequenzen daraus.

Die Juden dagegen konnten in ihrer unwirtlichen Umgebung nur überleben, indem sie ein profundes biologisches Wissen erwarben und daraus strenge Regeln herleiteten. Ökologische Vergehen hatten für sie denselben Stellenwert wie moralische. Da die Natur von Gott erschaffen war, sahen sie biologische Forschungen und gezielte Experimente nicht als Zeitverschwendung oder gar Sünde an, sondern als eine Form von Gottesdienst. Auf Grund des schon damals sehr hohen Alphabetisierungsgrades konnte das so angesammelte Wissen in schriftlicher Form, eben in der Bibel, für die Nachwelt erhalten werden.

Warum ging aber dieser enorme Wissensschatz verloren? Nach der Eroberung Palästinas durch die Römer veränderten sich die Besitzverhältnisse vom Kleinbauerntum hin zu Großgrundbesitz. Dadurch wuchs der Anteil der in Städten lebenden Juden immer weiter an. Vom 7. bis zum 19. Jahrhundert gab es überhaupt keine jüdischen Bauern mehr. Dadurch wurden viele der in der Bibel aufgeführten Regeln gegenstandslos, oder für ihre Einhaltung gab es keinen Grund mehr. Deswegen wurden seit dem Mittelalter einige der Vorschriften zunehmend nicht mehr beachtet. Und mit der Zeit ging das Wissen um ihre Bedeutung verloren.

Die Beweise und Schlussfolgerungen der Autoren sind bis auf einige wenige Ausnahmen ohne weiteres nachvollziehbar und plausibel; biologische Fachbegriffe werden dem nicht vorgebildeten Leser verständlich erläutert. Störend wirkt nur das stellenweise etwas gewaltsame Bemühen um eine moderne Sprache: "Es kommt zum Showdown", "ein Ranking der Wasserqualität", nach Alexanders des Großen Tod geriet "auch Palästina in die Konkursmasse seines riesigen Reiches".

Wer unvoreingenommen und aufgeschlossen an dieses Buch herangeht, wird Verblüffendes über das herausragende biologische Wissen der antiken Juden erfahren.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 101
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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