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Am Rande: Big Brother statt Fußfessel!

Was der moderne Strafvollzug vom Fernsehen lernen kann


Können elektronische Sender an Hand- oder Fußgelenk Verurteilter die Untersuchungshaft oder kurze Haftstrafen ersetzen? In Schweden, Holland und den USA gibt es diese Variante bereits, Hessen erprobt sie seit Mai. Die Idee: Ob sich der Delinquent zu vereinbarten Zeiten in seiner Wohnung aufhält, wird per Peilung und Zentralcomputer überwacht, widrigenfalls ein Alarm ausgelöst.

Die Vorteile: Entlastung der Gefängnisse, Kosteneinsparungen und natürlich: Integration des Straffälligen in die Gesellschaft. So überzeugend diese Argumente klingen, so wirken sie im Licht moderner Fernsehtechnik und Medienwirklichkeit doch schon veraltet: Denn nichts verankert einen Menschen offenbar stärker in der Gesellschaft, als ihn vorübergehend aus ihr auszuschließen – vorausgesetzt, man lässt sie dabei zuschauen.

Hand aufs Herz, steckt nicht auch in Ihnen ein kleiner "Big Brother"? Anderen beim Menscheln zuzusehen, das begeisterte die Nation 100 Tage lang und beflügelte Einschaltquoten wie Zugriffe auf die entsprechende Internetseiten. Die nächste Staffel ist schon geplant, für das Konkurrenz-Produkt "Robinson" haben sich zehntausende Kandidaten gemeldet.

Offensichtlich war die Lust der Kontrollierten an der permanenten Beobachtung kaum geringer als die der Observierer. Kein Wunder, genossen sie doch Popularität und Gewinnaussichten.

Gönnen wir auch rechtskräftig Verurteilten das Rennen um Einschaltquoten: statt Fußfesseln Videokameras und Webcams in den Knast. Allein die Vergabe von Übertragungsrechten dürfte die Strafvollzugskosten drastisch senken.

Alltag gäbe es genug zu bewundern, Action sicher auch: Kann Panzerknacker Ede sein 2000-Teile-Puzzle fertig stellen? Bekommt Mackie Messer die verdiente Abreibung? Besetzt Max der Hochstapler beim Monopoly wieder die Schlossstraße? Fragen, die bewegen dürften, zumal spröder Charme und Un-Bildung nach Zlatko-Art den Deutschen offenbar stark anspricht. Wer nicht gefällt, bekommt keinen Nachtisch oder gar Einzelhaft. Sogar Spartenprogramme wären denkbar: Ein Hauch von "Schweigen der Lämmer" aus der psychiatrischen Abteilung, ein Kochduell in der Gefängnisküche.

Deshalb: Wenn schon elektronische Fußfessel, dann nur als verschärfende Maßnahme für den Big-Brother-Hochsicherheitstrakt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2000, Seite 89
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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