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Am Rande: Die Globalisierung der Steinzeit

Bringen Handys und Düsenflieger Fortschritt oder Rückschritt? Oder kommt beides immer zusammen?


"Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt", berichtet der Dichter. Und in einem räumlich begrenzten Waldstück, möchte man hinzufügen. Solange unsere fernen Vorfahren keine effizienten Verkehrsmittel hatten, waren sie auf eine zu Fuß erreichbare Umgebung festgelegt, in der sie naturgemäß fünfzig bis hundert Stammesgenossen vorfanden. Diese konnten sie täglich von Angesicht zu Angesicht sehen und per Zuruf erreichen.

Das mit den Verkehrsmitteln hat sich inzwischen geändert, doch das Sozialverhalten kaum. Schauen Sie in Ihr Adressbuch (E-Mail oder Papier): Vermutlich stehen fünfzig bis hundert Personen drin. Nur dass diese auf weit auseinander liegenden Bäumen hocken, die womöglich auf bis zu fünf verschiedenen Kontinenten stehen.

Doch irgendwo tief in unseren Steinzeithirnen muss das Bedürfnis verankert liegen, dass wir jene Menschen, mit denen wir auf die Jagd gehen oder Tauschgeschäfte tätigen, leibhaftig vor uns sehen wollen. Nur so lässt es sich erklären, dass Unternehmen ihre sündhaft teuren Manager im Wochentakt über den Atlantik pendeln lassen, obwohl Kommunikation in Echtzeit mit Geschäftspartnern an beliebigen Orten problemlos möglich wäre.

Ganz abgesehen von der Zeit- und Energieverschwendung – laut "Nature Neuroscience" führt Vielfliegen und der damit verbundene regelmäßige Jetlag zu messbaren Hirnschrumpfungen. Wenn Sie also demnächst jemanden im Nadelstreifenanzug auf einem Baum hocken sehen, dann wissen Sie warum.

Ganz analog lässt sich auch der aktuelle Handy-Wahn erklären. In der Steinzeitsippe waren alle Angehörigen und Stammesgenossen per Zuruf oder notfalls per Rauchzeichen erreichbar. Was die Mobilisierung uns nahm, gibt uns das Handy wieder: Sippenkontakt rund um die Uhr. So einfach wie Hinüberrufen.

Und wie beim Jetset übertönt auch hier der Ruf der Wildnis alle Bedenken und Warnungen. Na klar – ich weiß, dass die Mikrowellen keinen messbaren Effekt auf die Hirnzellen haben. Aber lassen Sie doch mal bei der nächsten Zugfahrt das Handy daheim und hören Sie den anderen Telefonierern zu. Was die sich so von Baum zu Baum zubrüllen, das wäre selbst Fred Feuerstein peinlich. Ob das nun an den Mikrowellen liegt oder an dem altvertrauten Gefühl, alle Bezugspersonen in Rufweite zu haben, ist letztlich egal. Ein Rückschritt ist es allemal.

Was lernen wir daraus für das Leben im 21. Jahrhundert? Wissenschaftlicher Fortschritt an allen Fronten, aber die Techniken, die uns erlauben würden, Probleme rational und effizient zu lösen, können sich oft nicht durchsetzen. Auch im 21. Jahrhundert wird dieselbe Straße jeden Monat aufs Neue aufgebuddelt, werden Häuser mit derselben Technologie gebaut wie vor hundert Jahren, bewegt manch einer ein bis zwei Tonnen Blech durch die Landschaft, nur um ein bis zwei Zentner Mensch von A nach B zu bringen. Was zieht – und vielleicht lässt sich diese Einsicht ja insgeheim für Mogelpackungen nutzen – sind nur die Entwicklungen, die uns auf die eine oder andere Weise dieses wunderbare Geborgenheitsgefühl der Baumhocker wiedergeben. Denn, so erkannte Erich Kästner schon vor siebzig Jahren:

"... bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen."

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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