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Am Rande: Ins Hirn geguckt



Seit ich hauptberuflich Wissenschaftsjournalist und damit praktisch immer auf Themensuche bin, studiere ich die Aushänge in meinem ehemaligen Institut besonders gründlich. Abgesagte Vorträge, alte Autos, Studentenzimmer … halt, da ist was Interessantes. Es werden Versuchspersonen für neuropsychologische Experimente im Kernspin-Tomographen gesucht. Ich wollte schon immer mal wissen, wie so ein Ungetüm von innen aussieht – dito in Bezug auf mein Hirn. Praktischerweise gibt’s einen Schnipsel zum Abreißen und Mitnehmen, mit einer E-Mail-Adresse drauf.

Der Projektleiter ruft auch gleich zurück, innerhalb weniger Minuten ist alles geklärt – ich habe weder Klaustrophobie noch Metallteile im Körper, und das Experiment ist völlig nichtinvasiv. Magnetfelder sollte ich gerade noch aushalten, laut "New Scientist" machen sie sogar glücklich. Wenn das mal stimmt...

Knapp eine Woche später sitze ich dann in einem halbdunklen Labor am Computer, um den Test schon mal im Trockenen zu üben, während die zwei Hirnforscher ihren Magneten starten. Wenn ein Kreis kommt, muss ich mir merken, dass ich ein paar Sekunden später den linken Knopf drücken muss, aber erst, wenn mich ein weiteres Symbol mit einem Fragezeichen dazu auffordert. Es soll zwischen der Planung und der Ausführung einer Handlung unterschieden werden. Kommt ein Quadrat, dann muss ich nach Anforderung den rechten Knopf drücken, und bei einem Dreieck muss ich wie Schrödingers Katze im Zustand der Unentschiedenheit verharren, bis mir das Anforderungssymbol verrät, ob ich links oder rechts drücken soll.

Soweit ist alles klar. Das neurologische Korrelat der Genialität werden die beiden mit diesem Test wohl nicht entdecken, denke ich, aber vielleicht gibt’s ja wirklich einen Unterschied zwischen den Malen, wo ich zehn Sekunden lang "links, links, links" denke, und jenen, wo ich in freudiger Erregung auf das alles entscheidende Symbol warte.

Dann geht’s los: Plastikbrille statt meiner metallischen, zusätzlich Prismengläser, damit ich um die Ecke und aus der Röhre hinausgucken kann. Knöpfe zum Drücken in der rechten Hand, ein Blasebalg als Notbremse in der linken. Ohrstöpsel und Kopfhörer, denn die Maschine ist ziemlich laut. Warum, weiß keiner der Experten, ist eben so. Dann werde ich in die Röhre geschoben, mein dicker Kopf mit Kopfhörern passt erst im fünften Anlauf, und schließlich wird das Gerät angeworfen. Die ersten zwanzig Durchgänge schaffe ich noch mit einiger Konzentration, aber danach beherrscht nur noch ein Gedanke das Objekt dieses Experiments: Wann hört dieser Lärm auf? Der Versuch soll etwa eine Stunde dauern, aber das Zeitgefühl ist unter diesen Bedingungen völlig abgeschaltet (zumal die Zeitintervalle in den Schritten des Experiments zufällig variiert werden).

Zu einem gewissen Zeitpunkt entschließe ich mich (immer in dem Bewusstsein, dass jeder Gedanke irgendwo auf einem Bildschirm ein verdächtiges Flackern auslösen kann), noch hundert Durchgänge dieses Idiotentests mitzumachen und dann den Blasebalg zu drücken. Das Zählen der Durchgänge hilft mir, bei halbwegs klarem Verstand zu bleiben, und nach etwa fünfzig Runden ist das Experiment dann tatsächlich zu Ende (abgesehen von weiteren fünf Minuten für ein Strukturbild, aber die sind schon fast Erholung).

Im Anschluss bleibt nicht viel Zeit für wissenschaftliche Diskussionen, da der nächste Kandidat schon im Vorbereitungsraum ist. Ich bekomme immerhin noch einen dringend benötigten Kaffee im Großraumbüro mit Tageslicht und ohne Lärm. Ich versuche, zu Hause anzurufen, kann mich aber zum ersten Mal in meinem Leben nicht an die eigene Telefonnummer erinnern. Liegt das jetzt an dem Idiotentest, am Lärm oder am Magnetfeld? Es gibt noch viel zu erforschen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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