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Am Rande: Kilowatt, so viel Sie tragen können



Computer, Notebook, Walkman, ISDN, Handy – habe ich alles. Hat heute ja schon fast jeder Erstklässler. Gleichstrom, Wechselstrom – alles fließt, bei den niedrigen Preisen ist Energiesparen was für Kaltdu-scher und Solaranlagen-Bastler. Wir tanzen den Energiemambo! Treibhauseffekt? Egal, die Sommer sind eh zu kalt.

Was mir jetzt noch fehlt, ist eine Klimaanlage. Diesen Mangel empfinde ich beim Blick über den großen Teich. Vor allem die endemische Verbreitung von Computern und der verständliche Wunsch nach kalter, trockener Luft lassen den Stromverbrauch im boomenden Amerika stärker steigen als sonstwo auf der Welt. Die "Power" aus der Steckdose kostet dort ja auch nur noch 14 Pfennige pro Kilowattstunde im Schnitt, der Deregulierung des amerikanischen Energiemarktes sei Dank.

Doch wo viel Neonlicht, da ist auch Schatten. Immer häufiger stehen New Yorker und Detroiter im Dunkeln, vor toten Bildschirmen und im eigenen Schweiß, weil die Elektrizitätsnetze zusammenbrechen. Die meisten Kraftwerke, so warnen die Experten, sind hoffnungslos veraltet und laufen bereits an der Grenze ihrer Kapazität. Doch neue zu errichten kostet eine Stange Geld, und das ist in der jetzigen Konkurrenzsituation riskant.

Selbst seinen technischen Standard zu wahren, kann sich da manches Unternehmen nicht mehr leisten: Im Februar dieses Jahres setzte ein Dampferzeuger im Atomkraftwerk Indian Point 2 unweit von Manhattan eine ganz, ganz geringe Menge Radioaktivität frei. Viel Wirbel gab es da in der Presse. War nur dumm gelaufen: Erst 1997 hatte das Management des Betreibers ConEdison aus Kostengründen gegen den Austausch der kritischen Komponente entschieden. Ärgerlich: Einmal in die Kritik geraten wird nun sogar die Effektivität der Notfallpläne für das Kraftwerk angezweifelt.

Natürlich kann so etwas hierzulande nicht geschehen, denn erstens schützt ein Drahtverhau von Gesetzestexten gegen solch wirtschaftliches Kalkül, zweitens sind unsere Atomkraftwerke die sichersten weltweit, und drittens dürfen sie leider ohnehin nur noch 2623,3 Milliarden Kilowattstunden liefern, sofern die Regierungsfarben in den vermutlich etwa 32 Jahren Betriebsdauer nicht wechseln.

Tanzen wir bis dahin weiter den Energiemambo. Mit dem Strom schwimmen lautet die Devise. Mein Computer hat Flecken, vielleicht sollte ich einen neuen kaufen? Außerdem muss ich dringend auf Schnäppchensuche ins Internet: Kommkaufwas.com – die neue Solidargemeinschaft erleben. Vielleicht finde ich eine günstige Klimaanlage? Bis vor meiner Haustür Palmen wachsen und Nilpferde in Rhein und Neckar baden, dauert es wohl noch, aber Vorsorge schadet nicht.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2000, Seite 86
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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