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Am Rande: Künstliche Intelligenz im E-Commerce?



Mein Buchhändler erinnert sich an jedes einzelne der vierzig Bücher, die ich in den letzten drei Jahren bei ihm gekauft habe. Er kennt alle drei Millionen Titel, die derzeit in den USA im Druck sind, dazu noch etliche vergriffene alte Schätze. Aus diesem Reichtum macht er mir bei jedem Besuch neue Vorschläge, was mich noch interessieren könnte, und oft finden diese tatsächlich mein Interesse. Ist ja kein Wunder, werden Sie jetzt sagen, der Buchhändler ist ein Computerprogramm.

Ist er das wirklich? Je perfekter das Programm wird, desto weniger kann man sich dessen sicher sein, dass es nur ein Programm ist. Der ganze E-Commerce ist ja ein gigantischer Turing-Test. Bei jeder Marketing-E-Mail, die man bekommt, bleibt ungewiss, welcher Anteil von einem menschlichen Wesen in die Tastatur gehackt wurde, und welcher unverfälscht aus den Gedanken eines Elektronenhirns entspringt. Doch die Web-Seiten der Internet-Händler bestehen den Test bisher noch nicht. Bei aller Bewunderung für die Effizienz meines elektronischen Buchhändlers kann ich – zumindest jetzt noch – in gewissen Situationen erkennen, dass ihm menschliche Intelligenz fehlt. Er hat nämlich bis heute nicht kapiert, dass ich in einer Art Dreifaltigkeit auftrete, da ich als Käufer, als Autor und als Verkaufspartner mit ihm kommuniziere.

Als Autor sehe ich natürlich – mit der Eitelkeit aller Autoren dieser Welt – ungefähr dreimal täglich nach, ob sich vielleicht eines meiner Bücher vom Verkaufsrang 36517 auf 21395 hochgeschwungen hat. Freudestrahlend verkündet mir das Programm jedes Mal wieder, dass ich genau dieses Buch am 17. November 1999 gekauft habe, und ob ich es nicht vielleicht rezensieren möchte. Für ein anderes meiner Bücher hatte ich bereits einen "Kommentar des Autors" beigesteuert, der auch in meinen Kundendaten aufgeführt ist, also hätte mein sonst so perfekter Buchhändler um zwei Ecken herum die Verbindung herstellen können, wenn ihm schon die Namensgleichheit und regelmäßige Wiederkehr zu derselben Seite nicht auffällt.

Als Autor mit einem recht häufigen Namen werde ich gleich zum Opfer einer zweiten Schwäche des Systems: Namensvettern werden nicht unterschieden. Wenn ich von meinem Buch ausgehend nach anderen Büchern desselben Autors frage, bekomme ich über fünfzig Angebote, darunter "Model – The ugly business …", eine Grammatik der französischen Sprache und einiges mehr. Mindestens fünf Namensvettern haben sich in die Liste eingeschlichen und sind für mehr als neunzig Prozent der aufgeführten Bücher verantwortlich. (Wir könnten schon bald einen Chat-Room aufmachen, obwohl die Identifizierung der Teilnehmer schwierig wäre.)

Mit meiner Identität als Kunde hat das Programm auch so seine Schwierigkeiten. Na klar, das assoziative Gedächtnis funktioniert gut (Kunden, die A gekauft haben, mögen auch B). Dass ich ein Fan der kolumbianischen Liedermacherin Shakira bin, hat mein Buchhändler (der auch mein CD-Händler ist) schon lange kapiert, sie taucht wie durch ein Wunder auf jeder Seite auf, die ich ansehe. Aber an der Frage, wie das mit den obskuren amerikanischen Science-Fiction-Romanen in Einklang zu bringen ist, knabbert er noch. Schließlich kann er ja nicht wissen, dass ich die für meine Frau bestelle, es geht ja alles an dieselbe Lieferadresse.

Wenn mein Händler mich als Verkaufspartner anspricht, scheint er schon wieder alles vergessen zu haben, was er über mich als Kunden weiß. Die Link-Empfehlungen für Partner sind in der Regel solche Produkte, die sowieso schon Bestseller sind und die mich nicht die Bohne interessieren. Anscheinend funktionieren Cookies nur für Kunden, nicht für Autoren oder Partner.

Derzeit verrät sich das Programm noch ebenso sehr durch seine Stärken wie durch seine Schwächen. Demnach dürfte der Tag, an dem Computer die Macht übernehmen, noch eine Weile hin sein. Wenn mich mein Buchhändler mit den Worten begrüßt: "Sie wissen doch, ich kann mir so schlecht Namen merken", dann werde ich anfangen, mir Sorgen zu machen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2002, Seite 97
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2002

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