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Am Rande: Mein Cybersex



In den USA sollen schon Hunderttausende süchtig nach Online-Sex sein; die "New York Times" widmete dem Phänomen kürzlich eine ganze Seite. Willenlos hängen die Opfer im Netz, führen stundenlang anzügliche Gespräche, verlieren ihr Herz an virtuelle Sexpartner, vernachlässigen Job und Familie. Manche verabreden sich schließlich sogar – Gipfel der Perversion – off-line mit realen Personen, die sie beim Cyber-Talk kennen gelernt haben.

Mit mir ist es vorläufig noch nicht ganz so weit gekommen. Noch bin ich über die Stufe der Spielkarten-, Flugzeug- und Klötzchensucht nicht hinaus. Mit dem Flugsimulator brumme ich nachts Stunde um Stunde über schematische Landschaften, durch virtuellen Wind und unwirkliche Wolken, bei absichtlich schlechter Sicht, und versuche auf handtuchgroßen Flugfeldern im Mittleren Westen der USA zu landen. Seitdem bekomme ich Herzklopfen, wenn ich in einer wirklichen Verkehrsmaschine sitze, die zum Landeanflug ansetzt. Denn ich weiß: Starten ist leicht, Fliegen ungefährlich, solange man oben ist – aber Landen ist eine Kunst.

Und die Nächte mit Solitär, Free Cell, Minesweeper! Tetris löschte ich von der Festplatte, als ich mich dabei ertappte, wie ich schon tagsüber beim Blick aus dem Fenster Bauklötze zwischen die Schornsteine fügte.

Das einzige internet-erotische Erlebnis, das mir bisher zugestoßen ist, war kürzlich der berüchtigte E-Mail-Virus "ILOVEYOU". Ich verspürte zwar eine erhebliche Erregung, als ich den vermeintlichen Liebesbrief öffnete und sah, was dann geschah. Aber süchtige Lust, das immer wieder zu erleben, packte mich nicht: Zum Cyber-Masochisten scheine ich kein Talent zu haben.

Doch sicher ist es, schwach wie ich bin, nur eine Frage der Zeit, bis ich einer Spielart des Netzsex verfalle. Besorgt studiere ich die Symptome, welche die "New York Times" anführt: lange aufbleiben, den Bildschirm neugierigen Bli-cken entziehen, seltener Geschirr spülen und Wäsche waschen, schweigsam und abwesend werden, dem Partner wenig Aufmerksamkeit schenken, Familienausflüge meiden, im Büro einschlafen. Es geht mir wie beim Lesen des Medizinwörterbuchs "Pschyrembel": Alles trifft auf mich zu.

Aber ich weiß schon, was zu tun ist. Das Web bietet für meinesgleichen bereits professionelle Hilfe an. Nach rund einem Monat Therapie im Online-Gruppen-Chatroom, so verspricht die einschlägige Internet-Beratungsseite www.onlinesexaddict.org, winkt dem Cybersexmaniac Heilung.

Auf die Weise kann ich vielleicht demnächst den Cyber-Teufel mit dem Web-Beelzebub austreiben – außer ich entpuppe mich als therapieresistenter Cyber-Exhibitionist, der sich just an virtuell-anonym-omnipräsenter Selbstdarstellung berauscht.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2000, Seite 21
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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