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Am Rande: 'Noch ist nicht aller Tage Abend'

Y2K – und wieder ging die Welt nicht unter

Der Jahrtausendwechsel ist geschafft. Wider Erwarten ist die Welt nicht untergegangen. Darüber freue ich mich diebisch – erfreulich zudem, daß ich nun weiterhin auf der guten alten Erde verweilen darf.

Ein anderer Aspekt: Ich hatte recht! Eigentlich habe ich es immer gewußt. Aber mitunter ist es nicht einfach, den Glauben an den eigenen Verstand zu wahren, besonders wenn die heißeste Widersacherin die eigene Oma ist. Und meine Oma ist hartnäckig.

Der Naturwissenschaft zum Trotz hob die alte Dame, unterstützt von Nostradamus und Co, warnend den Zeigefinger. Strikt weigerte sie sich, im August in Urlaub zu fahren, verwies statt dessen inbrünstig auf die drohende Sonnenfinsternis.

„Wenn die Welt untergeht, da bin ich lieber zuhause.“ „Omi, bei siebzig Eklipsen pro Jahrhundert kann es auf eine mehr oder weniger wirklich nicht ankommen, selbst dann nicht, wenn sie mitten in Europa zu sehen ist.“

Politik hin oder her, ein Weltuntergang ist schon per definitionem kein rein europäisches Problem. Meine Oma sah das anders und ignorierte weiterhin standhaft alle Argumente. Die Finsternis kam und ging, doch die Tatsache, daß die Erde schon im August nicht untergehen wollte, besänftigte die alte Dame nur mäßig. „Kind, da haben wir dieses Mal halt Glück gehabt. Aber mit dem Jahrtausendwechsel kommt der Untergang“, warnte meine Großmutter stur.

„Du wirst noch an mich denken.“ Für die lapidare Antwort, es sei ja nicht die erste Zeitenwende, erntete ich nur einen besorgten Blick. Meine Oma wußte das schließlich besser. Selbst eine berühmte TV-Seherin hatte in einer nachmittäglichen Talkshow die Welt gewarnt, und nur Omis trotzige Enkelin leugnete alle untrüglichen Zeichen.

Doch nun schreiben wir tatsächlich und noch ungewohnt das Jahr 2000. Die Erde kreist weiterhin unermüdlich um die Sonne, und selbst Oma samt Enkelin erfreuen sich bester Gesundheit. Der Familienfrieden scheint gesichert. Doch meine Oma lächelt nur wissend: „Kind, noch ist nicht aller Tage Abend.“ Und wenn man es ganz genau nimmt, hat sie recht: Der Jahrtausendwechsel ereilt uns ja eigentlich erst mit dem Jahr 2001. Aber wäre das nicht ein bißchen zu penibel?


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000

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