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Am Rande: Public oder Publikum?

Der schwierige Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Beziehungen sind etwas Schwieriges. Schon zu Beginn stellt sich die Frage, wie man die Gunst des anderen erlangt, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und sich und seine Absichten in ein falsches Licht zu setzen. Diese Frage peinigt nicht nur jeden von uns, sondern quält auch Wissenschaftler, die im unübersehbaren Gewimmel der Mediengesellschaft ins Abseits zu geraten drohen. Ob da ein Memorandum hilft, sich in Erinnerung zu rufen? Aus einer Denkschrift der großen Wissenschaftsorganisationen geht jetzt hervor, daß sie den Dialog mit der Gesellschaft verstärkt suchen wollen. Was aber ist aus der Sicht von DFG, MPG, HGF, HRK, FhG, WBL, Wissenschaftsrat und Stifterverband bloß mit der Gesellschaft los?

Die Unterzeichner des Memorandums diagnostizieren eine falsche Wahrnehmung der Wissenschaft durch die Öffentlichkeit. Die Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik werden, so beklagen sie, nicht als kulturelle Leistung gesehen. Wissenschaftliche Ignoranz würde man bei uns viel eher verzeihen als klassische Bildungslücken. Doch geht es wirklich um einen Kampf von Goethe, Grass und Grosz gegen Einstein, Edison und Euler?

Sicher ist naturwissenschaftliche Bildung von entscheidender Bedeutung, und vieles liegt dort im argen. Aber schon in diesem sensiblen Gebiet genügt kein Pochen auf ein Bildungstheater im Geiste Humboldts. Wenn der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft, Dieter Simon, klagt, daß zwar „die Schließung jedes Provinztheaters einen gellenden Schrei auslöst, der Verlust von Forschungsplätzen meistens nur in der Wissenschaft selbst thematisiert“ wird, wenn die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard fordert, man „sollte die Naturwissenschaften so wichtig nehmen wie das Theater“, dann spricht daraus nicht nur ein bestimmtes Bildungsverständnis, sondern auch eine Identitätskrise.

Gewiß: Die ganze Welt ist Bühne – und zwar eine, auf der die Wissenschaft sicherlich keine Nebenrolle spielt. Das Memorandum der deutschen Wissenschaftsrepräsentanten souffliert verunsicherten Wissenschaftlern allerdings einen Text, dessen Botschaft kaum ihr Publikum erreichen dürfte. Er verfehlt das, was er erreichen will: Verständnis, Verständigung und Verstand – zusammengefaßt im englischen Begriff Understanding – den zahlenden Zuschauern eindringlich zu vermitteln.

Es mag kleinlich erscheinen, am Titel „Public Understanding of Science and Humanities“ herumzuinterpretieren, doch fragt man sich, welches Stück wohl gegeben werden soll. Muß nicht auch der Wissenschaftler die Rolle des Bürgers ausfüllen können? Gibt es nicht auch eine falsche Wahrnehmung der Öffentlichkeit durch die Wissenschaft? Und in welchem Verhältnis stehen Natur- und Geisteswissenschaften zueinander? Gerade die „Humanities“ werden zwar großzügig in das Memorandum mitaufgenommen, verschwinden jedoch hinter der alles übertrumpfenden Naturwissenschaft und Technik. Bei diesem Paar dürften sich dem Bürger Fragen stellen: Wie harmonisch ist das Zusammenspiel von universitärer und industrieller Forschung? Was heißt es, naturwissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden? Zählt allein der Beifall oder doch nur das Eintrittsgeld? Hat man Budget und Laufzeiten stets im Griff?

Diese Fragen stellen hohe Anforderungen an die Wissenschaftler, wenn sie wirklich an einem „kritischen Dialog“ mit der Gesellschaft interessiert sind. „Die Wissenschaft“ darf dabei nicht vergessen, daß auch ihre Akteure letztendlich aus der Gesellschaft kommen. Ein großer, bunter Wissenschaftsjahrmarkt allein dürfte da den Spielplan wohl kaum entscheidend bereichern. Denn sonst – wer weiß? – geht der Bürger vielleicht doch lieber direkt ins Theater.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1999, Seite 97
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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