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Am Rande: Stoppt Alzheimer – spielt Schach!

Michael Groß weiß, wie wir uns vor dem Big-Brother-Syndrom schützen können


Darwins Mitstreiter Thomas Huxley (1825–1895) beobachtete dieses erschreckende Phänomen bereits im Tierreich: Wenn gewisse Meeresbewohner vom geistig anspruchsvollen Vagabundenleben Abschied nehmen und sich als Dauergäste etwa auf einer Schiffsplanke niederlassen, wo sie lediglich aus dem vorbeiströmenden Wasser Nährstoffe filtrieren müssen, bauen sie die überflüssig gewordenen Teile des eigenen Hirns ab. Der Genetiker und Autor Steve Jones weitete diese Beobachtung in seinem Buch "Almost Like a Whale" (auf deutsch: "Wie der Wal zur Flosse kam") auf den Menschen aus, als er konstatierte, dass manche Professoren auf die Erringung einer Dauerstelle (tenure) ähnlich reagieren.

Doch da Professoren keine eigene Spezies darstellen, ist Ähnliches möglicherweise für Homo sapiens ja ganz allgemein zutreffend. Nach den denk-intensiven Jahren der Schul-, Universitäts- oder Berufsausbildung sind manche froh, wenn sie sich auf ihrer Schiffsplanke niederlassen und die jeweils aktuelle Serie von Big Brother oder Girlscamp filtrieren können. Und wenn ökonomische Zwänge des Berufslebens sie allzu sehr zu geistiger Tätigkeit zwingen, neigen sie in der Freizeit besonders zum Abschalten.

Eine neue epidemiologische Studie aus den USA sollte allerdings zumindest denjenigen zu denken geben, bei denen die Hirnabschaltung noch halbwegs reversibel ist. Es war bereits vorher bekannt, dass hoher Bildungsgrad und anspruchsvolle Berufstätigkeit die Wahrscheinlichkeit verringern, an der Alzheimerschen Demenz zu erkranken. Nun fand das Team von Robert Friedland in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio heraus, dass diese Wahrscheinlichkeit (bei gleichem Bildungsgrad und Berufsstatus) in signifikantem Zusammenhang mit der Teilnahme an Freizeitbeschäftigungen im mittleren Lebensalter steht. Am besten "schützen", so Friedland, geistig anspruchsvolle Tätigkeiten wie Schachspielen oder Sprachenlernen. Womöglich hilft auch Spektrum-der-Wissenschaft-Lesen. Vielfältige sportliche und sogar "passive" Hobbys hätten zwar auch einen messbaren positiven Effekt. Der sei der Statistik nach allerdings geringer als bei intellektuell anspruchsvollen Beschäftigungen.

Wie das mit Statistiken so ist, kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass die Korrelation einen ursächlichen Zusammenhang enthüllt. Vielleicht schützt Schachspielen vor Alzheimer, vielleicht ist aber der Unwille zu geistiger Anstrengung in der Freizeit bereits das erste Symptom der Erkrankung, die erst Jahrzehnte später diagnostiziert wird. Oder beide Phänomene hängen von einer dritten, bisher nicht bekannten Variablen ab, etwa der Verfügbarkeit gesunder, nicht ausgelasteter Hirnzellen.

Wie dem auch sei, es ist zumindest denkbar, dass man sich mit geistigem Fitnesstraining vor Alzheimer schützen kann. Und selbst wenn der Kausalzusammenhang andersherum gelagert ist, wer wird sich schon durch offenkundige geistige Trägheit als zukünftiger Alzheimerpatient outen wollen? Also, keine Müdigkeit vorschützen! Sie und ich, wir haben ja schon einen Fitnesspunkt durch Spektrum-Lesen erworben. Nun lasset uns alle Schiffsplanken meiden und die Dummheit bekämpfen, ein neues Musikinstrument und eine zusätzliche Sprache erlernen, Schach spielen oder Differenzialgleichungen lösen. Wer das in mittleren Lebensjahren noch schafft, hat gute Chancen, sich im Alter noch daran zu erinnern. Und, liebe Frau Bundesgesundheitsministerin, vielleicht sollten Sie für solch lobenswerte Aktivitäten Bonuspunkte bei der Pflegeversicherung einführen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001, Seite 22
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001

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