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Am Rande: WAP statt Web

Oder: Die Wiederentdeckung der Langsamkeit


Nun habe ich mich mühsam daran gewöhnt, meine Unterwäsche via World Wide Web bei Yahoo zu ersteigern und das Fernsehprogramm online abzufragen, doch wenn ich nicht aufpasse, überrollt mich der nächste Trend: In drei Jahren sollen 200 Millionen Europäer via Handy oder Palmtop im Internet surfen, vom PC aus nur halb so viele. Da hilft jetzt nichts: WAP statt Web lautet nun die Devise.

Aber das ist hart. Das Akronym steht eigentlich für "Wireless Application Protocol", ein Standard für die Übertragung von Internet-Seiten in drahtlosen Netzwerken. Dass es gern als "Wait and Pay" übersetzt wird, liegt an der momentanen Übertragungsrate von 9,6 Kilobit pro Sekunde. Da bleiben vor allem die schönen Bilder und Werbebanner auf der Strecke – wie soll ich nun wissen, was ich kaufen will? Und dann dauert es und dauert es und kostet es und kostet es. WAP, das heißt derzeit: Surfen auf der Standspur.

Aber bald wird alles besser, dann klappt das auch mit den Unterhosen und Musikdateien und Videos und vielem mehr. Dafür investieren Mobilfunkbetreiber etliche Milliarden. Sie beschleunigen die Datenraten mit weiteren Kürzeln: UMTS, GPRS, EDGE. Das sind wohlklingende Techniken, die Informationsströme in den mobilen Netzen schneller fließen lassen sollen. Sie werden die Wirtschaft ankurbeln, und das kommt letztlich jedem von uns zugute. Denn aus E-Commerce wird M-Commerce, die mobile, wachstumsfördernde Geldverschiebe-Maschine.

Die Antenne am Ohr lockert nämlich die Geldbörse. Ein Gebührchen hier, eine winzige Abbuchung dort – alles kein Problem. Wäre da nicht eine Sicherheitslücke: Verschlüsselte Daten etwa für die Abbuchung durch den Pizza-Service müssen auf einem WAP-Server neu chiffriert werden und liegen dann für Bruchteile einer Sekunde offen. Diese Lücke sei bloß einem Loch von einem Zentimeter Durchmesser in einer hundert Meter langen Mauer vergleichbar, beruhigen Interessenvertreter. Das müsse ein Schurke erst einmal finden. Ein solcher ist, wer nun an spannende Gucklöcher seiner Jugendzeit denkt.

Genug geunkt und schwarz gemalt, der Markt muss schließlich in Gang kommen, sollen die Aktien von Nokia und Co. wieder rasant steigen. Wer sich jetzt WAPpnet, fördert den Standort Europa. So bald wie möglich werfe ich mein Handy in den Elektromüll und kaufe eines, das GPRS kann. Den nächsten Weihnachtswunsch kenne ich auch schon: der UMTS-Palmtop. Und bis dahin? Wait and Pay. Aber irgendwie hat das auch was Nostalgisches. Ja, wirklich, irgendwie erinnert mich das WAP-Web von heute an die gute alte DOS-Zeit. Wer niemals Minuten in stiller Kontemplation vor einem Rechner verharrte, der hat jetzt eine letzte Chance, den Pioniergeist der Achtziger zu atmen. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit hat Kult-Potenzial! Ob ich auf die nächste Oldie-Party mein WAP-Handy mitnehmen soll?

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 83
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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