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Am Rande: Warum Ordnung keinen Sinn mehr macht



Ich gebe es zu: Ich bin ein manischer Jäger und Sammler von Informationen. Bis heute habe ich keine einzige Fotokopie eines Fachartikels weggeworfen. Aber meine Sammelwut geht viel weiter: Meine Archive enthalten auch Artikel über die ehemalige Konzertpianistin, die 20 Jahre in einem Auto-wrack in einem Londoner Villenviertel lebte, bis es die Nachbarn verschrotten ließen. Ferner horte ich Berichte über naturkundliche Kuriositäten sowie Theater- und Konzertprogramme. Hinzu kommen Kritiken von Filmen, die ich gesehen habe. Und alle Spektrum-Hefte seit 1985 in Jahrgangsboxen.

Bis vor kurzem waren diese Informationsschätze in einem voluminösen, sinnreich geordneten Archiv aus Dutzenden von Pappkartons, Stehsammlern, Hängeordnern und Ringbüchern relativ leicht auffindbar. Nach mehreren Büroumzügen ist dieses System jetzt allerdings ein wenig durchgeschüttelt. Und ich fürchte, es wird seine glorreichen Tage nie wieder sehen. Denn vor einigen Monaten fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Dank der Suchmaschine Google hat das Ordnen von Informationen grundsätzlich jeden Sinn verloren. "Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen", sagte meine selige Großtante immer. Dabei konnte sie nicht ahnen, dass der zum Suchen nötige Aufwand eines Tages gegen null gehen würde.

Noch vor gut fünf Jahren waren Internet-Recherchen tatsächlich mühselig. Man hatte die Wahl zwischen Suchmaschinen, die einen mit nutzlosen Ergebnissen überschütteten, und endlosen Verzeichnissen, die nach Kategorien geordnet waren und wie die gelben Seiten funktionierten: Region / Dienstleistungen / Klempner – Heureka! In jener finsteren Zeit lohnte es sich noch, öffentlich zugängliche Informationen für den Hausgebrauch zusammenzustellen und nach einem durchdachten System zu archivieren. Ich hatte auf meiner Website ein Verzeichnis von Hunderten von Weblinks, wohlsortiert nach Kategorien und Unterkategorien.

Heute benutze ich es kaum noch, weil es viel zu viel Arbeit wäre, es auf dem neuesten Stand zu halten, und weil ich die Links über Google mindestens genauso schnell finde. Vom "Guardian" zu einem der sieben Weltwunder des Internets erklärt, erkundet die aus einem Forschungsprojekt an der Stanford-Universität hervorgegangene Suchmaschine nicht nur, welche Informationen die einzelnen Websites anbieten, sondern auch, wie relevant sie für andere sind. Damit gelingt, was wie Hexerei anmutet: Die gewünsch-te Verbindung taucht praktisch immer ganz vorne in der Liste auf.

Die Folgen sind revolutionär: Wir haben den Punkt erreicht, wo das geordnete Archivieren öffentlich zugänglicher Information unnütz geworden ist. Mich trifft das schwer. Meine gesammelten Zeitungsausschnitte sind Makulatur. Die meisten stammen aus dem "Guardian", und der unterhält eines der besten Zeitungsarchive auf dem Netz. Da finde ich Artikel, an die ich mich dunkel erinnere, leichter als in meinen Pappkartons. Informationen über Bücher und Filme braucht man ebenso wenig aufzuheben – Amazon und die Internet Movie Database erledigen das.

Aber was mache ich nun mit meinen ehemals wertvollen, hochgradig geordneten Informationen? Einfach wegwerfen? Das bringe ich nicht über mich. Bedenken Sie nur, um wie viel das die Entropie des Universums unwiederbringlich erhöhen würde! Derzeit erprobe ich ein neues, vereinfachtes Ordnungsschema mit nur drei Kategorien, bei dem ich die Papiere einfach chronologisch staple. Ab und zu, wenn ich auf der Suche nach einem Glossenthema bin, stöbere ich so einen Stapel durch. Und wenn Einsturzgefahr droht, kann ich jeweils den untersten Meter zusammenschnüren und zum Altpapier geben. Oder vielleicht doch auf dem Dachboden lagern? Man kann ja nie wissen ...

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2003, Seite 25
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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