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Am Rande: Wir basteln uns einen Film

Interaktive Technik macht Fernsehen erst richtig schön. Und beliebig.


Schau mir in die Augen, Kleines!" Ilsa schaut, tief und tränenreich. Sie und Rick wissen, dass es keine gemeinsame Zukunft geben kann. Victors Kampf gegen das Nazi-Regime ist wichtiger als das bisschen Glück hier in Casablanca. Schon dröhnen die Motoren des Fliegers, der beide für immer trennen wird ...

Nein, das halte ich nicht aus! Selbst in der 120. Wiederholung nicht! Wo bleibt denn da der Spaßfaktor? Also machen wir es anders!

Eine Sirene kreischt auf. Rick und Ilsa blicken verwirrt um sich. Jemand ruft: "Eine Bombe, an Bord ist eine Bombe!" Der Nazi-Scherge Strasser stürzt ins Flugzeug und brüllt: "Ich kriege dich, Victor!" Bumm! Nazi tot, Victor tot. Trümmer prasseln auf das Rollfeld. Feuersbrunst, Action und – das Traumpaar, hinter einem Wagen liegend. Erschüttert, doch wissend, dass die Zukunft ihnen gehört. Schnitt!

Aaah! Das war schon viel besser. Ein solches Happy End hätte dem Regisseur aber auch selbst einfallen können. Es gibt sicher noch viel mehr Möglichkeiten, "Casablanca" die entscheidende Wendung zu geben.

Ich bin wirklich froh über mein – allerdings nicht gerade billiges – Abonnement bei "Interactive Digital Entertainment", die seit 2010 dem Heimkino eine ganz neue Dimension verleihen, eine Art Hollywoodismus: Einmal Steven Spielberg sein – jetzt ist es möglich.

Es gibt ja so viele tolle Filme mit kleinen Schönheitsfehlern. Die Zeit ist gekommen, sie auszubügeln. Warum mussten "Thelma und Louise" sterben? Wieso schaltet Sigourney Weaver in ihrem "Alien"-Raumschiff nie das Licht an? Muss Woody Allen immer so viel reden? Könnte sich Bruce Willis nicht zwischen zwei Schießereien kurz duschen?

Schluss mit der Diktatur der Regisseure und Produzenten. Die moderne Konsumgesellschaft bietet Anarchie im kontrollierten Anbau: Jeder darf alles bestimmen, wenn er dafür bezahlt. Aber er muss nicht. Zugegeben, meist akzeptiere ich gönnerhaft einen Film, wie er ist. Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, mangelt es mir gelegentlich an Kreativität. Aber manchmal, da packt es mich so richtig. Zur Zeit arbeite ich an einer Neufassung von "Ben Hur". Erinnern Sie sich an das Wagenrennen? Ich sage nur: mehr PS. Und dann die Sache mit der Kreuzigung, die ging mir schon immer gegen den Strich. Es ist schon so: Interaktives Fernsehen bietet wahre Kunst für jedermann.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001, Seite 88
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001

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