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Siedlungsforschung: Anatomie einer Keltenstadt

Festungsmauern und eine städtisch anmutende Aufteilung der umschlossenen Siedlungsfläche kennzeichnen die auf Anhöhen gelegenen spätkeltischen "oppida". Laut den Ausgrabungen in Bibracte, dem Hauptort der Häduer, waren die gipfelnahen Bereiche dem Kult vorbehalten.
Keltenstadt Bibracte, Laden...

Napoleon III. war ein Bewunderer Gaius Julius Cäsars. Dessen Bericht "De Bello Gallico" veranlasste den französischen Kaiser, Ausgrabungen auf dem Mont Beuvray zu veranlassen. Dort vermutete man das vom römischen Feldherrn als "oppidum" beschriebene Bibracte, den Hauptort der Häduer. Die erste Grabungsphase dauerte von 1864 bis zum Ersten Weltkrieg. In den 1970er Jahren wurde die Arbeit von verschiedenen internationalen Teams in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum für Archäologie wieder aufgenommen, bald ergänzt durch die Erforschung weiterer urbaner Siedlungen im gallischen Raum.

Heute ergibt sich für den keltischen Raum das Bild einer in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. gewachsenen Bevölkerung, aber auch tief greifender Veränderungen in der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Organisation der Stämme. Anders lässt sich nicht verstehen, dass bis zu mehrere hundert Hektar große Siedlungen mit einer Festungsmauer umgeben wurden. Einige dieser von den Römern als "oppida" bezeichneten Orte existierten dort schon seit der Bronzezeit, andere waren Neugründungen – und wurden nur wenige Jahrzehnte später wieder aufgegeben. Manche "oppida" waren offensichtlich dicht besiedelt, darunter Bibracte, während andere nur wenige Einwohner besaßen wie die Festung auf dem Mont Vully in der Schweiz.

Bibracte profitierte von seiner Lage nahe den Flüssen Rhone, Loire und Allier. Es war eine Drehscheibe für Händler, die von Italien über die Saône zu Loire, Seine oder zum Rhein zogen. Das Gebiet der Häduer lag zudem inmitten des Einflussbereichs eines Stammesbunds, der sich von Lyon bis nach Belgien erstreckte. Er verpflichtete Segusiaven, Ambarrer, Biturigen, Senonen, Parisier, Bellovaker und branovicische Aulerker durch Verträge zu gegenseitigem Schutz und Hilfeleistungen. So entstand nicht nur ein komplexes politisches und diplomatisches System, sondern auch eine Art Wirtschaftszone, die es den Mitgliedern ermöglichte, mit mächtigen Stämmen wie den Avernern in Konkurrenz zu treten. "Oppida" wie Bibracte waren Zentralorte, welche die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Landschaft Galliens strukturierten. ...

November 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft November 2013

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  • Quellen

Goudineau, C. (Hg.): Religion et société en Gaule. Édition Errance, collection "Pôle Archéologique du Département du Rhône", Paris 2006

von Nicolai, C.: Die keltische Version der antiken Stadt. Die Oppida. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landesmuseum Württemberg und Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hg.): Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst. Jan Thorbecke, Ostfildern 2012, S. 357 – 371

Romero, A. M.: Bibracte: archéologie d’une ville gauloise, Centre Archéologique Européen, Glux-en-Glenne 2006